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Sie wandert und wandert und kommt zu einer kleinen Hütte...

In dieser lebt die Baba Joma, die den Schwestern den Bruder gestohlen hat -  kein Laut war mehr als Antwort von ihm zu hören. Nun müssen sie sich auf Geheiß des Vaters nacheinander aufmachen, um diesen zurück zu holen. Dass sie dabei weite Wege zurück zu legen haben, gehen und gehen, wandern und wandern, entspricht ganz der Region, aus der das Märchen kommt, einer weitläufigen Tundra - und Waldlandschaft im Nordosten Europas. Hier siedeln seit über 1000 Jahren die Komi, ein finno-ugrisches Volk, zu dem die Syrjänen gehören. In ihren frühen religiösen Vorstellungen waren Natur und Mensch gleichermaßen beseelt, Bäume wie die Birke und die Erle, Tiere wie Bär und Wolf, Hecht und Ente wurden als übernatürliche Wesen verehrt und ihnen Zauberkräfte zu gesprochen. Alles in der Welt der Syrjänen war auf das engste miteinander und mit der sie umgebenden Natur verbunden und dies findet sich auch in dem syrjänischen Märchen wieder. Die Joma ist Herrin des Waldes und der Waldtiere, der Junge, der Holz sammeln will, dringt in ihren Machtbereich ein, also nimmt sie ihn zu sich, nicht gewaltsam, eher friedlich, der Junge sitzt am Fenster der Hütte, die Joma geht ihm Milch holen. Die Schwestern brauchen die Hilfe der, nach der Vorstellung der Syrjänen, ja beseelten und mit Macht ausgestatteten Dinge, um den Bruder aus der Welt des Waldes in die Welt der Menschen zurück zu holen. Nur die 3. kluge Schwester, ein bekanntes Märchenmotiv, begreift dies, nutzt die Kraft von Kuchen, Korn, Riege und ist erfolgreich bei der Suche nach dem Bruder. Die Joma ihrerseits wird bei der Verfolgung von Bruder und Schwester von der Herrin des Waldes zur Baba Joma, der Hexe der slawischen Märchen – sie schirrt den Stampfklotz als Pferd an, die Worfel als Schlitten, die Mörserkeule nimmt sie als Peitsche, so setzt sie ihnen nach. Die Syrjänen gerieten im Laufe der Zeit immer stärker unter den Einfluss der sie umgebenden russischen Völker und mit dem christlichen Glauben übernahmen sie auch Teile der Mythologie. So adoptierten sie die Baba Jaga, verbanden sie mit der Joma und heraus kam die Baba Joma, eine syrjänische Hexe mit den Zügen einer nährenden und behütenden Waldfrau. Diese reagiert dann auch entsprechend emotional, als sie den Knaben aus ihrer grünen Welt zurück in die Menschenwelt geben muss - die Joma geht weinend von dannen, die Schwester und der Bruder aber treten in ihre Stube und leben dort heute noch. Es scheint mir, als umfasse der Schlusssatz des Märchens damit gekonnt die stetige Spannung zwischen Natur und menschlicher Kultur, den die an der Schnittstelle lebenden Syrjänen in besonderer Weise meistern mussten und müssen.

Ricarda Lukas


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Der Jubiläumsband unserer Märchenschätze ist da!

Das Gesicht der Völker

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Im Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen können Märchen zum Nachdenken darüber anregen und Gemeinsamkeiten deutlich und erlebbar machen.
Für die Europäische Märchengesellschaft ist Völkerverständigung einer der wichtigsten Aspekte. Zu ihrem 60-jährigen Jubiläum legt sie nun diese Sammlung vor mit selten gehörten europäischen Märchen aus den ersten zwei Jahrzehnten der Gesellschaft.

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

Das Böse.
Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

EMG Schriftenreihe, Band 41

Im Mai 2015 fand in Binz (Prora) auf der Insel Rügen der jährliche Kongress der Europäischen Märchengesellschaft statt. Er widmete sich dem großen Thema "'Da macht sie einen giftigen, giftigen Apfel...'. Wie Märchen, Philosophie und Religion das Böse deuten".
Der Ort war bewußt gewählt, denn es ging bei der Beschäftigung mit dem Bösen durchaus nicht nur um einen akademischen Diskurs, sondern auch um konkrete Erfahrung der jüngsten deutschen Geschichte und unserer Gegenwart.
Märchen sind oft wegen ihrer angeblichen Neigung zur Gewalt gescholten worden. Aber Märchen erzählen vom Bösen, weil das Leben Böses bereithält. Und wie Religion und Philosophie bieten Märchen Deutungen und stellen Lösungsmodelle vor.
In den Beiträgen der Märchenforscher gerade zu diesem Thema wurde deutlich, welche Ressourcen die Märchen bereithalten. Menschen wollen vom Bösen erzählen - um vorbereitet zu sein, um Gespenstern Namen geben zu können, um Strategien für den Kampf gegen das Böse zu entwickeln, um sich ihrer Entscheidung für das Gute zu vergewissern. Deshalb sind Märchen immer schon und immer noch ausgezeichnet für die Auseinandersetzung mit dem Bösen geeignet.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox und Angelika B. Hirsch.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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