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„Geh', bis diese Sohlen zerrissen sind und du wirst mich doch nicht finden!“

steht auf einem Zettel, den der junge Mann, Held dieses Märchen aus dem Wälschtirol, dem heutigen Trentino, nach einer schlimmen Nacht neben seinem Bett in einem Paar eiserner Schuhe findet. Natürlich geht er trotz dieser düsteren Prophezeiung doch, er wäre sonst nicht der Held dieses Märchens, er findet seine Frau und holt sie heim. Von nun an, so berichtet das Märchen, lebten sie in Frieden und Eintracht miteinander. Das Geheimnis seiner Frau, welches die Suchwanderung nötig machte, ist, dass sie eine Angane, eine Hexe ist, die Verkörperung eines dunklen, zumindest zwiespältigen seelischen Aspektes. Hexen sind machtvoll und geheimnisvoll, sie verwirren, verzaubern, vergiften, verändern, sie können sogar, so man mit ihnen umzugehen weiß, wegweisend und ratgebend sein. Ausgestattet mit weitreichenden Fähigkeiten, verbunden sowohl mit der Natur als auch dem geistigen Bereich, können sie sowohl Leben nehmen als auch Leben geben. Es kommt auf die Haltung an, in der Mensch, der Wanderer, der Suchende, ihnen entgegen tritt. Tut er es mit Anmaßung, Oberflächlichkeit, Verantwortungslosigkeit, so schadet und vernichtet die Hexe, kommt er in aufrechter, selbstloser Weise, so fördert und hilft sie. Und so prüft auch die Hexe im russischen Märchen Marja Morewna den Helden mit ihrer Frage: „Kommst du aus eigenem Begehren oder auf höheren Willen?“ und der Mensch muss sie ernsthaft beantworten, nach besten Wissen und Gewissen. Besteht er vor der Hexe, so ändert sich viel oder alles in seinem Leben. In dem Wälschtiroler Märchen aber passiert dies nicht nur dem Helden, dem jungen Mann aus guten Haus, auch für die Hexe beginnt ein neues Leben. Es ist ein Wandlungsprozess, den das Märchen beschreibt, die Wandlung aus einem dunklen Sein heraus in ein lichtes, hoffnungsvolles Leben. Liebe und Mut machen die Wandlung, die Fähigkeit des Menschen aus dem Gebundensein zur Freiheit zu kommen, möglich. So, wie es auch in der Weihnacht geschieht, in der aus der Nacht in das erste Licht hinein Neues geboren wird. Eine friedvolle Weihnachtszeit und einen guten Übergang in das neue Jahr!

 

Ricarda Lukas


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Neue Veröffentlichungen

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Der Jubiläumsband unserer Märchenschätze ist da!

Das Gesicht der Völker

EMG Märchenschätze, Jubiläumsband

Im Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen können Märchen zum Nachdenken darüber anregen und Gemeinsamkeiten deutlich und erlebbar machen.
Für die Europäische Märchengesellschaft ist Völkerverständigung einer der wichtigsten Aspekte. Zu ihrem 60-jährigen Jubiläum legt sie nun diese Sammlung vor mit selten gehörten europäischen Märchen aus den ersten zwei Jahrzehnten der Gesellschaft.

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

Das Böse.
Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

EMG Schriftenreihe, Band 41

Im Mai 2015 fand in Binz (Prora) auf der Insel Rügen der jährliche Kongress der Europäischen Märchengesellschaft statt. Er widmete sich dem großen Thema "'Da macht sie einen giftigen, giftigen Apfel...'. Wie Märchen, Philosophie und Religion das Böse deuten".
Der Ort war bewußt gewählt, denn es ging bei der Beschäftigung mit dem Bösen durchaus nicht nur um einen akademischen Diskurs, sondern auch um konkrete Erfahrung der jüngsten deutschen Geschichte und unserer Gegenwart.
Märchen sind oft wegen ihrer angeblichen Neigung zur Gewalt gescholten worden. Aber Märchen erzählen vom Bösen, weil das Leben Böses bereithält. Und wie Religion und Philosophie bieten Märchen Deutungen und stellen Lösungsmodelle vor.
In den Beiträgen der Märchenforscher gerade zu diesem Thema wurde deutlich, welche Ressourcen die Märchen bereithalten. Menschen wollen vom Bösen erzählen - um vorbereitet zu sein, um Gespenstern Namen geben zu können, um Strategien für den Kampf gegen das Böse zu entwickeln, um sich ihrer Entscheidung für das Gute zu vergewissern. Deshalb sind Märchen immer schon und immer noch ausgezeichnet für die Auseinandersetzung mit dem Bösen geeignet.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox und Angelika B. Hirsch.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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