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Die drei Spiegel der Zauberin

(Flandern, In: Märchen von Hexen und weisen Frauen, hrsg. von S. Früh, Königsfurt Verlag 2008, ISBN 978-3-86826-000-7)

Ein König hatte eine Tochter. Sie war schön, und sie war klug. Nach dem Tod des Vaters bestieg sie den Thron. Bald darauf kam ein Königssohn, der wollte sie zur Frau gewinnen. Sie aber sprach: „Ich werde nur den zum Gemahl nehmen, der mir drei Dinge zum Geschenk macht: einen glänzenden Stern, einen silbernen Mond und eine glühende Sonne.“ Der Königssohn dachte über ihre Worte nach und ritt nach Haus, zu seinem Vater. Er erzählte ihm von der Königstochter und sprach: „Ich werde nun in die weite Welt hinausziehen und nach dem glänzenden Stern, dem silbernen Mond und der glühenden Sonne suchen.“ Der Vater versuchte ihn zurückzuhalten, vergeblich, der Königssohn zog fort. Er reiste durch viele Länder und Königreiche, durch Städte und Dörfer, und überall fragte er nach den drei Dingen, aber nie erhielt er Antwort. Die reichen Menschen besaßen keine Weisheit, und die Armen hatten keine Einsicht. Da wandte er sich an das fahrende Volk, an Zauberinnen und Zauberer. Sie zogen durch die Welt, verachtet von arm und reich. Sie besaßen die wahre Lebensweisheit. Aber auch sie wussten keine Antwort. Abends wanderte er durch ein Dorf. Ganz am Ende stand eine armselige Hütte. Da hörte er Seufzen und Stöhnen. Er wollte eintreten, aber ein Mann hielt ihn am Ärmel zurück und sprach: „Geh da nicht hinein, Freund, da drinnen stirbt eine Zauberin, eine Hexe!“ Der Königssohn achtete nicht auf seine Worte und ging in die Hütte. Da sah er die Zauberin: Sie lag auf einem Haufen trockener Blätter. Sie wandte ihm langsam den Kopf zu und sprach: „Schon so lange warte ich auf dich. Du kommst spät. Du sollst die Dinge bekommen, die du suchst. – Höre, wenn mein Leben nun zu Ende geht, gib mir Deine Hand und mache dein Zeichen über mir. Dann wirf diese Flasche an das Fußende meines Lagers, dass sie zerspringt.“ Der Königssohn willigte ein und nahm die Flasche an sich. Die Hexe richtete sich auf und holte unter den Blättern drei silberne Spiegel hervor. Dann sprach sie: „Öffne das Fenster! Ich will der Sonne, dem Mond und den Sternen in ihrem Lauf folgen ..... Und nun komm, gib mir die Hand.“ Die Zauberin schrieb mit der anderen Hand allerlei wunderbare Zeichen auf den ersten Spiegel, dabei murmelte sie, sie murmelte fremde Worte. Da zeigte sich im Spiegel ein kleiner heller Punkt, der wurde größer und stärker, bis er als Stern glänzte, prächtig und hell. „Das ist das eine“, sprach die Zauberin. Dann nahm sie den zweiten Spiegel und begann die gleichen Zeichen darauf zu schreiben und murmelte dazu. Diesmal dauerte es länger, bis im Spiegel etwas erschien: ein silberner Glanz breitete sich aus. In dem Spiegel lag der Widerschein des silbernen Mondes. „Das ist das zweite“, sprach die Zauberin.

Schweiß rann ihr von der Stirn, sie keuchte: „Warum bist du so spät gekommen! Ob ich das letzte noch vollenden kann?“ Sie nahm den dritten Spiegel, schrieb mit letzter Kraft die Zeichen und murmelte die Worte. Es dauerte diesmal noch viel länger als die beiden ersten Male. Der Königssohn sah ihr mit klopfendem Herzen zu. Er war bleich wie die Hexe. Endlich, endlich erschien in dem dritten Spiegel die glühende Sonne. Sie reichte ihn dem Königssohn und sprach: „Und nun denk an dein Versprechen“, dann starb sie. Der Jüngling machte sein Zeichen über ihr und warf die Flasche gegen das Fußende des Lagers. Da zerbrach sie und verströmte einen köstlichen Duft. Ein schwarzer Schatten erhob sich und flog mit einem Fluch aus dem Fenster mit einem Geruch von Pech und Schwefel. Der Königssohn zog davon mit seinen drei Gaben. Er brachte der Königstochter die drei Spiegel, darin der glänzende Stern, der silberne Mond und die glühende Sonne eingefangen waren. Sie verwunderte sich, und dann wurde sie froh. Ihre Hochzeit wurde mit aller Pracht gefeiert. 

 


 

3 ۳ III ੩ ๓ 三 C γ ج გ Г Ⲅ x

Dies ist eine kleine Auswahl der Darstellung der Zahl Drei in verschiedenen Sprachen, Zeichensystemen und Kulturen, denn - Die Drei ist immer dabei

Dreibund, Dreiländertreffen, Dreimächtepakt, Troika Dreijahresplan, Triumvirat Trikolore, Dreiländereck, Triathlon, Dreiklang, Drei Musketiere, Drei von der Tankstelle, Drei Federn, Drei Spinnerinnen, Dreigroschenoper, Dreirad, Dreiecksgeschichten, Dreisatz, Dreizack ….. und so weiter

Die Drei, ist, wie die Beispiele zeigen, die sich beliebig fortsetzen lassen, eine uns recht vertraute Zahl, eine, welche uns im Alltag, oft sicher unbemerkt, auf Schritt und Tritt begleitet, wie Brot und Strom und Spülmittel.

Und ebenso ist sie uns von und aus den Märchen sehr vertraut, vermutlich ist es die dort am häufigsten auftretende Zahl. Jemand hat drei Wünsche frei, es gibt drei Schwestern, drei Brüder, drei Prinzen, drei Prinzessinnen, Hänsel und Gretel verirren sich beim dritten Mal, Schneewittchen wird beim dritten Mal tödlich vergiftet und hat drei Eigenschaften - Schwarz wie Ebenholz, Rot wie Blut und Weiß wie Schnee, Aschenputtel verliert beim dritten Ballbesuch ihren Schuh.

Ist es auch hier das Alltägliche, dass den Alltag begleitende, der so gewohnte und vertraute Rhythmus des Dreiertaktes, der diese Zahl auch für das Märchen so attraktiv macht?

Vermuten lässt sich dies schon, denn da, wo die Drei waltet, da kommt Ordnung in das Leben. Nicht umsonst bedeutet „Nicht bis drei zählen können“ soviel wie nicht mit dem Leben fertig werden. Und – im Gegenzug – wer den dritten Versuch wagt, sich auch zum dritten Mal einlässt auf Probe und Prüfung, auf Drachenkampf und Hexenfluch, wer nicht auf gibt beim ersten oder zweiten Mal, dem gelingt es auch, dieses Leben.

Die Drei ist die Zahl der Entwicklung, der Wandlung und Vervollständigung, sie geht über Punkt und Linie, über Einseitigkeit und Polarität hinaus, verbindet (Dreieck) und integriert, trianguliert (These-Antithese- Synthese) die Dinge. „Aller guten Dinge sind Drei.“

Die Drei beschreibt das Prinzip Entstehen, Werden und Vergehen -
Mutter-Vater-Kind,
Geburt-Leben-Tod,
Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft,
Körper-Seele-Geist,
Anfang-Mitte-Ende,
Kindheit-Erwachsensein-Alter,
– Dreierschritte alle zusammen.

Und damit wird die Drei zu einer Zahl, die Wesentliches aussagen kann zu Abläufen und Verhältnissen in unserem Sein, zu den göttlichen Kräften, die neben den menschlichen Fähigkeiten in dem selben walten, und daher auch oft als Trinitäten dargestellt werden:

Ea, Anu, Ellil (sumerisch), Brahma, Shiva, Vishnu (hinduistisch), Vater, Sohn, heiliger Geist (christlich), Skuld, Werdandi, Urd (nordisch)

Die Drei ist eine heilige Zahl und so bedeutet „Nicht bis drei zählen können“ nicht nur, nicht zurecht kommen, sondern auch im menschlichen Bereich zu bleiben und sich nicht in den Bereich des Göttlichen einzumischen - in einigen ursprünglichen Sprachen kommt nach Eins und Zwei nicht Drei, sondern Viele und dies überschreitet dann das, was der Mensch zu ordnen und zu verwalten hat.

Die Drei ist die Zahl dessen, was aus Eins und Zwei entsteht, des Werdenden, des Kindes, welches sich auf den Weg macht und bereit ist, sich auf Neues, Unentdecktes einzulassen. In diesem Sinne, klopfen sie dreimal auf Holz, lassen sie das Leben dreimal hochleben und bleiben sie weiter voller Neugier und Entdeckerdrang.