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Der Zwerg und der Kirschbaum

Sage aus der Schweiz

Zur Zeit, da das wilde Völklein in den Flühen und auf den Alpen Burgfeld und Gemmenalp noch sesshaft war, stand in einer Matte im Spirenwald ein alter, großer Kirschbaum. Dieser war ausserordentlich fruchtbar und trug alle Jahre, selbst in Fehljahren, die schönsten Kirschen. Man nannte ihn nur den Zwergenbaum, denn wie es heisst, war ein Bergmännlein mit der Bauernfamilie, der der Baum gehörte, eng befreundet und kam oft von den Bergen herunter zu ihr «z’Aabesitz». Am häufigsten fand es sich ein, wenn die Kirschen reif waren. Da ging es allemal nach dem Abendsitz zu jenem Kirschbaum, setzte sich auf den untersten Ast – immer auf den gleichen – ass da nach Herzenslust und trug alle an dem Aste noch übrigen Kirschen heim ins Gebirge. Merkwürdigerweise war der Ast jeden Morgen wieder «trübelt voll». Die Leute, zu denen das Bergmännlein kam, wunderten sich, warum es nie etwas von seinem Kirschengewinnen sage. Eines Abends durchsägte der Eigentümer des Baumes teilweise den Ast. Und richtig, in derselben Nacht stürzte der Zwerg mit dem Ast zu Boden. Darauf trat das Bergmännlein vor das Fenster des Hauses besagter Familie und rief:

«Heute hier und nimmermehr da!»

Von da an habe es sich nie wieder sehen lassen. Auch sei der Baum noch lange Zeit hernach gestanden, aber habe fortan keine einzige Kirsche mehr getragen.

Sage vom Beatenberg,(Schweiz ) Quelle unbekannt


Mit ihr ist gut Kirschen essen - der Kirschbaum


Die Geschichte der Kirsche geht weit zurück. Bereits die Steinzeitmenschen sollen die Früchte gesammelt haben, was nicht weiter verwundert, denn Kirschen sind schmackhaft und gesund. Sie enthalten Vitamine, Mineralien, Spurenelemente und einen wertvollen Pflanzenfarbstoff, das Anthozyan – je röter die Kirsche ist, desto mehr wirksame Anthozyane sind in ihr. Ausgestattet mit alle dieses Substanzen helfen Kirschen gegen Arteriosklerose, Krebs, Entzündungen und Alterungsprozesse - 20 Sauerkirschen ersetzen eine Tablette Aspirin. 

 Fruchtstiele und das Harz des Kirschbaumes sind als Aufguss gegen Husten wirksam, frische Blätter lassen sich in Tees, Soßen und Salaten verarbeiten.  Und die Frucht selber verleiht 
Kompott, Marmelade, Kuchen, Eis und Wein einen köstlichen Geschmack und eine wundervolle Farbe. Die Kirsche, Prunus avium, Cerasus, wie die Römer den Kirschbaum nannten, ist ein Rosengewächs (Rosaceae) und mundet nicht nur Menschen, sondern auch Vögeln. Avium leitet sich vom lateinischen Wort avis für Vogel ab und bezeichnet Früchte, die von Vögeln gern gefressen werden. Todessymbol, verbotene Frucht, Paradiesfrucht – die Symbole, die dem Kirschbaum zugeordnet werden, sind vielfältig. In Japan symbolisieren die sich sanft vom Kelch lösenden, zur Erde gleitende Kirschblüten Gelassenheit gegenüber irdischen Dingen, federleicht und pastellen stehen sie für Reinheit, Schönheit und Glück. Langsam
Vergehender Frühling. Mit Spätkirschenblüte. (Buson 1715 – 1783). Das Kirschblütenfest, das Hanami, ist das wichtigste Fest im japanischen Jahreskreis. Im Märchen allerdings spielt der Kirschbaum eher eine Nebenrolle, er taucht kurz auf und verschwindet wieder. Im Märchen Das tapfere Schneiderlein (KMH 20) biegt der Riese den Kirschbaum, das Kätzchen in dem japanisches Märchen Kätzchens Entführung flüchtet auf den selben, im jugoslawischen Märchen Der Sohn des Wesirs aber bietet er Zauberfrüchte, welche der hochmütigen Prinzessin Hörner wachsen lassen. Und eine Sage aus dem Eisacktal berichtet, dass ein alter Tiroler als Kind unter einem Kirschbaum schlief, als ein Schlag ihn weckte. Aufgewacht schaute er ihn nach oben und erblickte, in blendendes  Licht gehüllt, die Muttergottes über sich im Kirschbaum. Später ließ er an dieser Stelle eine Kapelle bauen, welche heute noch steht. (Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol)

Ricarda Lukas