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Die Strigla

Es war einmal ein König und eine Königin, die hatten drei Söhne, und nachdem diese bereits herangewachsen, gebar die Königin auch ein Mädchen; das war aber nicht wie andere Kinder, sondern verwandelte sich jeden Abend in eine bösartige Hexe, ging dann in den Marstall des Königs und erdrosselte dort ein Pferd, und am andern Morgen fand man es tot in seinem Stande liegen. Niemand begriff, wie das zugehe, und der älteste Königssohn beschloss daher, sich auf die Lauer zu legen, um zu sehn, wer die Pferde erdrossele. Als er nun im Stalle Wache hielt, sah er um Mitternacht eine Wolke in den Stall kommen, sich über das Pferd legen und es erdrücken. Darüber kam er in große Furcht, und erzählte am andern Morgen seinem Vater, was er gesehen hatte. Nun wollte es auch der zweite Sohn versuchen und ging am andern Abend in den Stall, um zu wachen, und der sah, was sein Bruder gesehen hatte, und fürchtete sich ebenso sehr wie dieser. Am dritten Abend wollte es auch der Jüngste versuchen und ließ sich von dem König, der ihn sehr lieb hatte, nicht davon abbringen, sondern nahm seine Waffen und ging in den Stall. Als er aber um Mitternacht sah, wie die Wolke hereinkam und sich über ein Pferd breitete, da verlor er den Mut nicht, sondern zog sein Schwert und hieb auf die Wolke ein; da verschwand diese und das Pferd blieb am Leben. Am andern Morgen erblickte er Blutstropfen auf dem Boden, er ging ihnen nach und kam so bis zu der Wiege seines Schwesterchens, und sah, dass sie am Finger verwundet war. Da zeigte er der Mutter die Wunde, erzählte ihr, was er in der Nacht gesehen, und sagte: »Mutter, das Kind ist ein Satan.« Die Mutter konnte ihm nicht Unrecht geben, nahm aber gleichwohl ihr Kind in Schutz, und so blieb es am Leben. In der andern Nacht erschien das Mädchen vor dem Bette ihres jüngsten Bruders, weckte ihn aus dem Schlafe und sagte zu ihm: »du musst fort von hier, denn wenn du hier bleibst, werde ich dich umbringen.« Am andern Morgen ging der Prinz zum König und sprach: »das Kind ist ein Satan, und wenn du es nicht umbringen lassest, so muss ich fort von hier.« Der König tat sein möglichstes, ihm dies auszureden, als er aber sah, dass alles vergebens war, so ließ er ihn lieber ziehen, ehe er sein kleines Töchterchen opferte. Der Prinz zog also in die Welt und wanderte von Land zu Land. Bald gings ihm gut, bald gings ihm schlecht. Endlich aber kam ihm die Lust an, wieder einmal nach Hause zu gehen und seinen Vater und seine Brüder zu besuchen, und machte sich also dahin auf. Als er aber in die Stadt kam, fand er sie leer und keine Seele darin, und ebenso öde war es auch in dem Schlosse seines Vaters, denn seine Schwester hatte alle Welt aufgefressen. Da ging der Prinz von einem Gemache zum andern, um zu sehn, ob er nicht irgend einen Menschen finde, bis er endlich in eines kam, in welchem seine Schwester saß und auf der Geige spielte. Wie diese ihn erblickte, da erkannte sie ihn sogleich und rief: »da bist du also doch wieder zurück? hatte ich dir nicht gesagt, dass du nicht mehr hierher kommen solltest? nun sollst du sehn, wie es dir ergehen wird; da nimm die Geige und spiele so lange, bis ich wiederkomme.« Sie gab ihm darauf die Geige in die Hand und ging hinaus, und er setzte sich nieder und spielte, aber er hatte kaum angefangen, so schlüpfte eine Maus aus einem Loche hervor und sagte zu ihm: »mach dass du fortkommst, denn deine Schwester ist nur weggegangen, um ihre Zähne scharf zu machen und dich besser fressen zu können; gib mir also deine Geige, ich will auf ihr spielen, damit sie es nicht merkt, dass du weggegangen bist.« Da gab der Jüngling die Geige der Maus und ging weg. Die Maus aber spielte so lange, bis die Strigla ihre Zähne gewetzt hatte und wieder in das Gemach kam. Als sie aber dort die Maus statt ihres Bruders auf der Geige spielen sah, rief sie: »ach! er hat mich angeführt!« und stürzte sich auf die Maus, um sie zu fangen und ihren Zorn an ihr auszulassen; diese aber warf die Geige hin, sprang vom Stuhle und schlüpfte in ihr Loch. Der Jüngling war aber nicht aus dem Schlosse gegangen, sondern hatte sich nur darin versteckt, bis dass der Zorn seiner Schwester vorüber wäre. Am andern Morgen wartete er so lange, bis sie ihre Mahlzeit gehalten und dabei, wie sie gewohnt war, ein ganzes Pferd aufgefressen hatte, und trat dann vor sie. Kaum erblickte sie ihn aber, so stürzte sie sich wütend auf ihn ein, und sie rangen lange mit einander, bis er sie endlich erschlug, und der Prinz lebte von nun an allein.

Johann u. Georg von Hahn, Griechische und albanesische Märchen, 2.Teil, Von der Insel Syra, Georg Müller München/ Berlin 1918


Mutter, dass Kind ist ein Satan

Nur der jüngste Königssohn erkennt und beschreibt die wahre Natur seiner kleinen Schwester, die, tagsüber ein kleines, schutzbedürftiges Kind, nachts zu einer blutdurstigen Hexe, die mordet und vernichtet, wird. Eine Strigla oder Striga, so der Titel des Märchens, ist eine Hexe aus vorchristlicher, vor allem römischer Zeit.

„Die Strigla, das älteste Zauberweib/
Die Geistermutter mit ihrem Horne/
Susu, wie leise weht im Flug/
Heran der kreidebleiche Zug!“
schreibt Joseph Henne (Diviko und das Wunderhorn - ein deutsches Nationalgedicht, 1826). Der Glaube an magischen Praktiken, an Zauber und Hexerei war im römischen Reich weit verbreitet, dementsprechend gab es die vielfältigsten Formen und Bezeichnungen für die - vor allem weiblichen  - der Hexerei Verdächtigten.
Neben den Lamaie (Tierverwandlung), den Venenatae (Giftmischen), Tempestarli (Wettermachen) wird natürlich auch die Striga als ein in Eulengestalt durch die Nacht fliegendes und Menschen das Blut aussaugendes Wesen beschrieben. Damit ist sie die direkte Vorfahrin der einige Jahrhunderte später auftretenden Vampire, die im Rumänischen als Strigoi bezeichnet werden. Sowohl Striga als auch auch Strigoi leiten ihren Namen von der Nachteule ab, der Strix, Begleiterin der Hexen und Dämonen auf ihren Flügen durch das Dunkle.
"Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal schu, hu, hu, hu.“ heisst es in Jorinde und Joringel (KMH69). Wie die Hexe, die Erzzauberin im Grimmschen Märchen, nährt sich auch die Striga in dem griechischen Märchen von der Lebenskraft anderer Menschen und schafft sich damit eine Wechselexistenz im Grenzbereich zwischen Leben und Tod. Bezwingen und bewältigen kann sie, wer seinen Sinnen traut und sich auf die Richtigkeit seines Handelns verlässt. "Und sie rangen lange miteinander, bis er sie endlich erschlug, und der Prinz lebte von nun an allein."
Und warum sind es bevorzugt Frauen, denen das Hexische zugetraut und zugemutet wird? Dazu weiß Jakob Grimm (Deutsche Mythologie, 1835) etwas zu sagen:  "Die empfängliche Phantasie der Frau, damit verbunden ihre Neigung zum Visionären, zum Wahrsagen, ihre angestammte Rolle bei der Bereitung von Heilmitteln, wozu sie mehr Muße hatten als die Männer ...“

Ricarda Lukas