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Kisa Königstochter und ihre Schwester Ingibjörg

Ein König und eine Königin herrschten in ihrem Reich, aber sie hatten keine Kinder. Der König war sehr traurig darüber. Und einmal, als er auszog und die Abgaben aus seinen Ländern einholen wollte, sagt er zur Königin: »Nun sollst du mir ein Kind zur Welt gebracht haben, bevor ich wieder nach Hause komme, oder ich werde dir das Leben nehmen lassen.« Sie war voller Kummer. Und als der König abgereist war, ging die Königin hinaus in ihren Garten, setzte sich an die Mauer und weinte. Da kam eine alte Frau zu ihr und grüßt sie und fragt, warum sie so traurig sei. Die Königin erzählt ihr alles genau. »Ich will dir aus dieser Not helfen«, sagt die Frau. »Du sollst hier in den Wald hinausgehen« –und dabei zeigte sie ihr den Weg. »Dort wirst du eine Quelle finden. Aus der Quelle sollst du trinken. Da werden zwei kleine Forellen kommen, eine weiße und eine schwarze, und werden in dich hineinrutschen wollen. Du sollst die weiße verschlucken, aber gib nur ja acht, dass die schwarze dir nicht hinunterrutscht.« Die Königin dankt der Frau für ihren Rat und geht gleich hinaus in den Wald. Sie findet die Quelle und trinkt. Da kamen die Forellen und die weiße schießt der Königin in den Mund, aber die schwarze folgte ihr so dicht, dass sie sie beide verschlucken musste. Etwas später bemerkte die Königin, dass sie anfing unter dem Gürtel dicker zu werden, und als die Zeit gekommen war, legte sie sich ins Kindbett und brachte ein wunderschönes Mädchen zur Welt; aber da kam noch etwas anderes, und als es zur Welt kam, war es eine schwarze Katze. Sie sprang gleich in das Fenster der Halle, aber die Königin erschrak sehr und befahl, dieses Unwesen hinaus in den Wald zu jagen, und alle sollten darüber schweigen, dass sie ein solches Untier zur Welt gebracht hatte. Jetzt kommt der König heim und gerät außer sich vor Freude, als er erfährt, dass die Königin ein Kind zur Welt gebracht hat. Das Mädchen wurde mit Wasser begossen und Ingibjörg getauft. Sie wächst nun am Hofe auf und ist sehr schön. Der König ließ für sie ein prächtiges Haus bauen und gab ihr tüchtige Mägde, die ihr dienten. Einmal, als Ingibjörg herangewachsen war, trug es sich zu, dass ihre Katzenschwester Kisa zu ihrem Fenster kam und sagt: »Sei gegrüßt, Schwester Ingibjörg!« –»Mach dass du wegkommst! Du bist nicht meine Schwester, du Untier!« sagt Ingibjörg. Damit lief Kisa für dieses Mal weg. In der nächsten Nacht kam sie wieder und grüßte sie wieder wie vorher, aber Ingibjörg jagte sie weg. Am folgenden Tag geht Ingibjörg zu ihrer Mutter und erzählt ihr, was geschehen ist. Da sagt die Königin: »In der nächsten Nacht werde ich bei dir in deiner Kammer schlafen«, und das machte sie. In der Nacht kommt Kisa und ruft herein: »Sei gegrüßt, liebe Mutter! Sei gegrüßt, liebe Schwester!« Da antwortet die Königin: »Sei nicht so unverschämt, du schmutziges Ding, mich deine Mutter zu nennen und Ingibjörg deine Schwester! Troll dich hinaus in den Wald und bleib dort, oder dir wird’s schlecht gehen!« Danach zog Kisa wieder ab. Eine Zeit später will die Königstochter Ingibjörg zum Zeitvertreib in den Wald gehen, und Dienerinnen gehen mit ihr. Sie gehen lange im Wald umher; das Wetter ist sehr schön. Aber ganz plötzlich ziehen Wolken auf und es fängt an zu regnen. Da wollte sich Ingibjörg auf den Heimweg machen, und eine Dienerin war noch bei ihr. Sie gehen eine Weile, aber sie kommen nicht aus dem Wald heraus. Da begann es dunkel zu werden, und sie wussten nicht, wohin sie sich wenden sollten. Die Dienerin bot sich an, den Weg zu suchen, und Ingibjörg wartete unter einer großen Eiche. Dort setzte sie sich nieder. Nach einer kurzen Weile kommt da ein fürchterlich großer abscheulicher Riese. Er fragt sie, ob sie lieber mit ihm kommen oder hier in der Nacht sterben möchte. Sie sagt, sie möchte lieber hier bleiben. Da packt der Riese die Axt, die er dabei hatte, und schlug der Königstochter beide Füße ab und nahm die mit sich. Ingibjörg jammerte und rief nach der Dienerin, aber die kam nicht. Nun vergeht eine Zeit. Da sieht Ingibjörg, dass ihre Schwester Kisa nicht weit entfernt vorbeikommt, und am Schwanz zieht sie einen Karren nach. Sie ruft sie und sagt: »Hilf du mir nun, Schwester Kisa!« –»Du wolltest früher nicht meine Schwester sein«, sagt Kisa, »und jetzt werde ich dir auch nicht helfen.« –»Ach, hilf mir, meine Schwester!« sagt Ingibjörg. Endlich nach einer Weile kam Kisa zu ihr und sagt ihr, sie solle sich auf den Karren hinaufziehen. Das macht Ingibjörg, und dann fährt Kisa sie zu einer Hütte im Wald. Dort fährt sie mit dem Karren hinein und bis zu einem Bett. Da sagt Kisa: »Kriech nun in das Bett da!« Das macht Ingibjörg. Dann bringt ihr Kisa etwas zu essen und läuft hinaus. Wenig später kommt Kisa wieder zurück mit Lebenskraut und legt es auf die Beinstümpfe, und das zog allen Schmerz heraus. In einer Ecke der Hütte war eine Salztonne. Kisa geht hin und wälzt die Tonne auf den Karren und fährt hinaus. Sie fährt lange im Walde, bis sie zu einer Höhle kommt. Dort fährt sie den Karren bis zu einer Lichtöffnung, die in die Küche führt, und schaut hinein. Da sieht sie einen Riesen am Feuer sitzen und bei ihm ein großes Trollweib; es waren auch ihre beiden Kinder da, ein Junge und ein Mädchen. Kisa hört, wie das Trollweib sagt: »Was hast du denn heute im Wald gemacht, lieber Mann?« –»Ich war draußen und habe die Königstochter Ingibjörg getroffen«, sagt er, »und ich habe sie zu mir nach Hause eingeladen, aber sie wollte nicht.« –»Was hast du dann mit ihr gemacht?« –»Ich habe ihr beide Füße abgehauen.« –»Was willst du mit ihnen machen?« –»Ich habe bis morgen Lebenskraut auf sie gelegt; dann trage ich sie wieder zu Ingibjörg zurück und biete ihr an, wenn ihr das Leben lieb ist, dass ich ihr die Füße wieder anwachsen lasse, wenn sie mit mir kommt. Wenn sie das nicht tun will, kriegt sie ein paar drüber, dass sie dann nichts mehr braucht.« Aber während der Mann das sagte, öffnete Kisa die Salztonne und schüttete Salz durch das Deckenloch in den Kessel mit Brei, der über dem Feuer war. Der Mann fängt wieder an: »Kocht denn der Brei nicht schon, meine Liebe?« –»Der wird bald kochen«, sagt sie und kostet; da schmeckte ihr der Brei so gut, dass sie ganz verwundert war, und sie rief auch ihren Alten. Er kostete auch und sagte: »Einen so guten Brei hast du noch nie gekocht, und so wollen wir jetzt anfangen zu essen.« Inzwischen schüttete Kisa alles aus der Tonne in den Kessel, und der Mann und die Alte und die Kinder fingen nun an Brei zu essen und wunderten sich alle, wie schleckersüß er schmeckte. Sie hörten erst auf, als sie alles ausgegessen hatten. Eine Weile später sagt der Alte zu seinem Jungen: »Ich habe Durst, hol mir was zu trinken!« –»Geh doch selber«, sagt der Junge. »Hol du mir Wasser, mein Mädchen«, sagt der Alte. »Hol dir’s doch selber!« sagt sie. Da steht der Alte auf und geht zum Brunnen. Er legt sich nieder und säuft Wasser. Da kommt Kisa herzu und fasst den Riesen an den Füßen und stürzt ihn kopfüber in den Brunnen. Da ertrank er. Nun bekommt auch die Alte Durst und bittet ihre Kinder, ihr Wasser zu holen, aber sie weigerten sich, und so trottete sie selber zum Brunnen, legt sich nieder und fängt an zu trinken. Kisa macht es gerade so wie vorher und stürzt das Trollweib in den Brunnen, und da ertrank sie. Nun bekommt auch der Riesenjunge schrecklichen Durst und bittet seine Schwester, ihm Wasser zu holen, aber sie sagte, er könnte selber zum Brunnen gehen. Das macht er, und Kisa ertränkt ihn genau so wie seine Eltern. Nun meinte das Riesenmädchen, ihre Eltern und ihr Bruder blieben gar zu lange weg, und sie hielt es auch nicht mehr länger aus ohne etwas zu trinken, und da steht sie auf und geht zum Wasser. Aber als sie Wasser soff, stürzt Kisa sie in den Brunnen, und so kommt sie um. Danach geht Kisa in die Höhle und schaut nach, was dort alles aufgehoben wird. Da findet sie viele Kostbarkeiten und in einer Truhe Ingibjörgs Füße. Die nimmt sie und fährt heim in die Hütte. Dann bindet sie die Füße an die Stümpfe und legt Heilkraut darauf. Ingibjörg wunderte sich, wie sanft das alles für sie vor sich ging. Nun liegt Ingibjörg ein paar Tage und spürt keine Schmerzen. Dann will sie wieder aufstehen, aber Kisa sagte, das dürfe sie nicht eher als nach einer Woche. Danach lässt Kisa ihre Schwester in den Karren steigen und fährt zum Königsschloss. Da sagt sie: »Nun kannst du in deine Stube gehen.« –»Wie kann ich dir alle diese Wohltaten vergelten, Schwester?« sagt Ingibjörg. »Das will ich dir sagen«, sagt Kisa; »es wird nicht lange dauern, da wird ein Königssohn um dich freien und du wirst ihn heiraten; du sollst mir versprechen, dass ich in der ersten Nacht, in der ihr zusammen in einem Bett schlaft, zu euren Füßen schlafen darf.« –»Das verspreche ich dir und werde es halten«, sagt Ingibjörg. Nun nehmen sie Abschied, und Ingibjörg geht in ihre Stube. Alle hießen sie willkommen und fragten sie, wo sie gewesen war; aber sie sprach nur wenig und sagte, sie hätte sich im Walde verirrt. Ihrer Mutter aber sagte sie alles, was geschehen war. Die Königin freute sich sehr über ihre Geschichte und bat sie, ihr Versprechen auch einzuhalten. Kurze Zeit später kommt ein Königssohn aus einem anderen Lande und hält um Ingibjörg an. Man kam bald überein und feierte die Hochzeit. Als aber in der ersten Nacht das Brautpaar zu Bett gehen sollte, kommt da eine Katze und springt auf das Lager. Der Bräutigam sagt: »Jag doch dieses Vieh da weg!« –»Ach nein«, sagte Ingibjörg. »Wir werden meiner Katze erlauben, uns zu Füßen zu liegen, sie ist immer so anhänglich gewesen.« Da ließ er ihr ihren Willen. Gegen Mitternacht wachen sie von einer Unruhe auf und hören, wie etwas auf den Boden fällt. Der Königssohn zündet ein Licht an und sieht, dass auf dem Boden eine Katzenhaut liegt, im Bett aber eine wunderschöne Frau. Er tropft gleich Wein auf sie, und da kommt sie zu sich. Und als sie zu sprechen vermag, erzählt sie ihnen ihre Geschichte: »Wir waren zwei Schwestern, Königstöchter, und verloren unsere Mutter, ehe wir herangewachsen waren. Ein bisschen später nahm sich unser Vater eine andere Frau. Wir hassten sie und wollten nichts von ihr wissen, denn sie war in Wirklichkeit das ärgste Trollweib. Eines Tages kam unsere Stiefmutter und wollte in unsere Stube, aber eine Weile schlugen wir ihr das ab. Als sie aber dann doch hereinkam, sagte sie: ›Ihr habt mich lange genug geplagt, und jetzt sollt ihr euren Lohn dafür haben. Das sei euch jetzt auferlegt, dass ihr zu Forellen werdet, einer weißen und einer schwarzen. Aus dieser Verzauberung sollt ihr nie erlöst werden, wenn euch nicht eine Königin verschluckt und ihr wiedergeboren werdet. Aber die von euch beiden, die immer am schlimmsten zu mir gewesen und zu einer schwarzen Forelle geworden ist, die soll als Katze wiedergeboren werden; und nie soll dieser Fluch von ihr genommen werden, wenn nicht ihre Schwester einen Königssohn heiratet und die Katze in der ersten Nacht, in der das Brautpaar zusammen schläft, zu ihren Füßen liegen darf –und das wird wohl nicht so bald geschehen!‹ Wir beide sind Schwestern, und alles ist so gekommen, wie es uns das Trollweib auferlegt hatte, aber auch so, dass wir aus diesem Zauber erlöst werden konnten.« Ingibjörg und ihr Bräutigam wurden sehr froh, als sie das hörten, und luden sie ein, bei ihnen zu bleiben. Aber sie sagte, sie müsste heim in ihres Vaters Reich fahren, denn er sei nun gestorben –»und ich muss auch mit unserer Stiefmutter abrechnen.« Das machte sie, besiegte die Stiefmutter und verheiratete sich bald darauf und herrschte von da an im Reiche ihres Vaters bis in ihr Alter. Ingibjörg und ihr Gemahl übernahmen die Herrschaft im Reich von Ingibjörgs Vater, wenn man ihn so nennen kann, und liebten einander sehr und lange.

Rittershaus, Adeline: Die neuisländischen Volksmärchen. Halle: Max Niemeyer, 1902, S. 73-78,bearbeitet, gemeinfrei

 


 

„...aber da kam noch etwas anderes, und als es zur Welt kam, war es eine schwarze Katze.“

Diese schwarze Katze ist ebenfalls ein Zwilling, einer der besonderen Art, ein Tierzwilling. Ähnlich wie in dem norwegischen Märchen Zottelhaube ist auch hier das Entstehen des zweiten, dunklen Zwillings einer Unachtsamkeit oder vielleicht auch einem schicksalhaftem Verlauf zu zu schreiben. Weder die schwarze Forelle noch die schwarze hässliche Blume sollten gegessen werden, wurden es dann aber doch und sorgten für die Entstehung des zweiten, ungewollten Zwillings, der sogleich auch weggesperrt wurde, sich aber, voller Lebenskraft, immer wieder einen Weg zu Mutter und Schwester bahnt. Genauso merkwürdig wie die Existenz des zweiten Zwillings, der Katze Kisa, ihrer Mutter und Schwester erschien, war die Existenz eines zweiten Kindes für unsere Vorfahren. Ihre Anwesenheit und Herkunft würde deshalb oft einem Geist zu geschrieben, bei den eng mit der Natur verbunden lebenden frühen Völkern häufig einem Geist in Tiergestalt. Bei dem zweiten Zwilling, übersinnlichen Ursprunges, wurden daher besondere Kräfte und Fähigkeiten vermutet, er wurde verehrt und gefürchtet und natürlich würde von ihm erwartet, das er das Schicksal seiner Familie, seines Volkes in besonderer Weise beeinflussen könne. Folgerichtig treten in den Schöpfungsmythen verschiedener Völker andersgestaltige Zwillinge auf. Die afrikanischen Dogon erzählen ebenso wie die nordamerikanischen Hopi von einem Schlangen-Zwilling, der die Erde fruchtbar macht, Wasser und damit Grün und Nahrung bringt. Dieses Motiv greift der italienische Märchendichter Giovanni Francesco Straparola auf, indem er der schönen Biancabella, Heldin einer seiner Ergötzliche Nächte, eine Natter als Zwillingsschwester zugesellt, welche ihr helfend und heilend zur Seite steht, ebenso wie die Katze Kisa ihrer Zwillingsschwester Ingibjörg. Und so sind die durch unsere Märchen geisternden seltsamen und mit besonderer Lebensenergie bedachten Zwillinge wohl auch ein Überbleibsel des Staunens und der Ehrfurcht unserer Vorfahren dem Phänomen Zwilling gegenüber. „Das sei euch jetzt auferlegt, dass ihr zu Forellen werdet, einer weißen und einer schwarzen. Aus dieser Verzauberung sollt ihr nie erlöst werden, wenn euch nicht eine Königin verschluckt und ihr wiedergeboren werdet.“

(Ricarda Lukas)