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Die Irrfahrten des Vicram Maharajah

In einem Lande, nicht weit von dem Reiche des Rajah Vicram, lebte eine kleine Königin: Anar Ranee, die Granatapfel-Königin. Ihr Vater und ihre Mutter, die über das Granatapfelreich herrschten, hatten ihr einen wunderschönen Garten geschenkt. In der Mitte des Gartens war ein lieblicher Granatapfelbaum, der trug drei große Granatäpfel. Diese waren offen und in jedem derselben war ein kleines Bett. In einem pflegte Anar Ranee zu schlafen, und ihr zu beiden Seiten schliefen in den anderen Granatäpfeln zwei ihrer Jungfrauen. Jeden Morgen senkte der Granatapfelbaum seine Zweige zur Erde nieder; die Frucht öffnete sich und Anar Ranee und ihre Gefährtinnen schlüpften heraus, um im Schatten des kühlen Baumes bis zum Abend zu spielen. Jeden Abend aber neigte sich der Baum, damit sie sich wieder in ihr schmales, behagliches Schlafzimmer begeben konnten. Manche Prinzen bewarben sich um Anar Ranee. Galt sie doch für die schönste Dame der Erde. Ihr Haar war so schwarz, wie der Flügel eines Raben; ihre Augen glichen den Augen der Gazelle; ihre Zähne zwei köstlichen Perlenreihen, und die Farbe ihrer Wangen dem rosigen Granatapfel. Rings um den Garten aber hatten ihre Eltern eine siebenfache Hecke von Bajonetten machen lassen, damit Niemand hinein oder heraus könne. Dann war eine Verordnung erlassen, dass nur Derjenige sie heiraten solle, der im Stande wäre, den Garten zu betreten und die drei Granatäpfel, in welchem sie und ihre beiden Jungfrauen schlafen, abzupflücken. Dies zu vollbringen, hatten Könige, Prinzen und zahllose Edle sich abgemüht. Einigen gelang es nicht einmal, die erste Hecke zu übersteigen. Andere Glücklichere kletterten über die zweite, dritte, vierte, fünfte, ja selbst über die sechste hinweg, kamen dann aber, da da sie unfähig waren, die siebente zu erklimmen, elend um. Es war bis jetzt noch Niemandem gelungen, den Garten zu betreten. Ehe Vicram's Eltern starben, hatten sie nicht weit vom Palaste einen sehr schönen Tempel erbaut. Er war von Marmor, und in der Mitte stand ein Götzenbild aus reinem Golde. Im Laufe der Zeit war ein Dschungel ringsumher in die Höhe gewuchert, und eine dichte Schlingpflanze von stachlichen Birnen bedeckte ihn, so dass es schwierig war, ausfindig zu machen, wo er überhaupt stand. Da sagte eines Tages Wuzeer Butti zu Vicram Maharajah: »Der Tempel hat Deinem Vater und Deiner Mutter viel Geld und Mühe gekostet. Er ist fast vom Dschungel verdeckt und wird wahrscheinlich in kurzer Zeit eine Ruine sein. Es wäre ein frommes Werk, ihn zu suchen und herzustellen.« Vicram Maharajah war es zufrieden. Er sandte sofort eine Menge Arbeitsleute hin, ließ den Dschungel ausroden und stellte den Tempel wieder her. Da waren alle erstaunt über dies schöne Gebäude. Der Fußboden bestand aus weißem Marmor; die Wände waren mit vorzüglich ausgehauenen Bas-Reliefs geschmückt und hatten prachtvolle Farben. Über die ganze Decke hin war der Name von Vicram Maharajah's Vater gemalt, und in der Mitte stand die goldene Statue des Gunputti, dem der Tempel geweiht war. Der Rajah Vicram war so hocherfreut über die Schönheit des Gebäudes, dass er sowohl deswegen, als auch wegen seiner Heiligkeit, allabendlich mit Butti hinzugehen pflegte, um daselbst zu schlafen. Ihm träumte, die Statue des Gunputti zu ihm sprach: «Verlange eine Gabe von mir, was Du willst, und es soll Dir gewährt werden, entweder Reichtümer, Macht, Schönheit, langes Leben,Gesundheit oder Glück. Wähle Dir nur, was Du willst.« Der Rajah beriet sich mit Butti über die Bitte, die er zu tun habe, indem er sprach: »Reichtümer habe ich mehr als genug. Ebenso habe ich hinreichende Macht und was das Übrige betrifft, so möchte ich es am liebsten, wie andere Menschen darauf ankommen lassen, und daher kommt es, dass ich wirklich nicht weiß, was ich wählen soll.« Der Wuzeer entgegnete: »Gibt es irgend eine übernatürliche Macht, die Du gern besitzen möchtest? Wenn das der Fall ist, so bitte sie Dir aus.« »Ja,« erwiderte der Rajah, »es war von jeher mein sehnlichster Wunsch, die Kraft zu haben, meinen eigenen Körper zu verlassen, wenn ich will, und meine Seele und meine Empfindung in irgend einen anderen Körper, sei es nun in den eines Tieres oder Menschen, versetzen zu können. Diese Kunst möchte ich lieber besitzen, als irgend etwas anderes.« »Dann,« sagte Wuzeer, »bitte den Gunputti darum.«

Als der Rajah am nächsten Morgen sich gebadet und darauf gebetet hatte, ging er in großem Staate zum Tempel. Da sprach Gunputti zu dem Rajah: »Vicram, welche Gabe wählst Du Dir?« »O göttliche Macht!« erwiderte der Rajah, »Du hast mir schon genug Reichtum und Ansehen gegeben, indem Du mich zum Rajah machtest. Auch liegt mir nichts daran, mehr Schönheit zu haben, als ich jetzt besitze, und was langes Leben, Gesundheit und Glückseligkeit betrifft, so möchte ich davon gern ein gleiches Maß zugeteilt haben, wie andere Menschen. Doch gibt es eine Gabe, die ich lieber als alle anderen, die Du mir angeboten hast, mein eigen nennen möchte.« »Nenne sie, o guter Sohn eines guten Vaters,« sprach Gunputti. »Allerweisester,« entgegnete Vicram, »gib mir die Macht, meinen Körper sobald ich will, zu verlassen, um meine Seele, meine Empfindung und meine Denkkraft in irgend einen Körper, den ich mir erwähle, zu versetzen, sei es nun in den eines Menschen, eines Vogels oder vierfüßigen Tieres, sei es für einen Tag, ein Jahr, einige Monate oder so lang es beliebt. Gestatte auch, dass wie lang auch inzwischen meine Abwesenheit dauern mag, doch mein Körper nicht verwest, sondern, dass ich ihn bei meiner Rückkehr ebenso wiederfinde, wie ich ihn verließ.« »Vicram,« antwortete ihm Gunputti, »Dein Gebet ist erhört!« Vicram Maharajah kehrte nach Haus zurück und teilte dem Wuzeer mit, dass er die heißersehnte Kunst besäße. »Dann,« sagte Butti »gebraucht Ihr sie am besten, wenn Ihr in das Granatapfelland fliegt und Anar Ranee hierher bringt. Versetzt Euch in den Körper eines Papageien, und in dieser Gestalt werdet Ihr im Stande sein über die sieben Bajonetthecken, die den Garten umgeben, zu fliegen. Geht zu dem in der Mitte stehenden Baum, beißt die Stengel der Apfelgranaten ab und tragt sie im Schnabel nach Haus.« »Sehr wohl«, sagte der Rajah. Er nahm einen Papageien, welcher tot am Boden lag, versetzte seine Seele in den des Papageien und flog fort. Immer zu, immer zu ging es, über die Hügel, weit fort, bis er zu dem Garten kam. Da flog er über die sieben Bajonetthecken, brach mit seinem Schnabel die drei Apfelgranaten, in welchen Anar Ranee und ihre beiden Damen lagen, ab, hielt sie am Stengel fest und brachte sie sicher nach Hause. Nun verließ er sofort den Papageienkörper und kehrte in seinen eigenen zurück. Alle die Anar Ranee sahen, erstaunten über ihre Schönheit. Sie war so lieblich, wie eine Lotusblume und die Farbe ihrer Wangen glich der dunklen, köstlichen Farbe des Granatapfels und alle dachten, der Rajah sei sehr klug, da er sich solch eine Frau erwählt habe. Es ward eine prächtige Hochzeit gefeiert, und sie waren eine kurze Zeit so glücklich, wie der Tag lang ist. Aber bald darauf sagte Vicram Maharajah zu Butti: »Ich habe wieder ein großes Verlangen die Welt zu sehen«. »Was?« fragte Butti, »Ihr wollt Euer Haus verlassen? Schon jetzt möchtet Ihr von Eurem jungen Weibe gehen?« »Ich liebe sie und die Meinigen auf das innigste,« erwiderte der Raajh, »aber ich kann mir nicht helfen, ich fühle, dass ich die übernatürliche Kraft jedwede Gestalt, die ich mag, anzunehmen, habe und mich verlangt danach, sie auszuüben.« »Wohin und wann willst Du fort?« fragte der Wuzeer. »Lass es übermorgen sein«, antwortete Vicram Maharajah. »Ich werde wieder die Gestalt eines Papageien annehmen, um so viel als möglich von der Welt zu sehen.«

Die Abreise des Rajah ward nun festbestimmt. Er ließ sein Königreich in der alleinigen Obhut des Wuzeers und ebenso seine Gemahlin, indem er zu ihr sprach: »Ich weiß nicht, wie lange ich fort bleiben werde, vielleicht einen Tag, vielleicht ein Jahr, vielleicht noch länger. Aber solltest Du während meiner Abwesenheit in irgend eine Unannehmlichkeit geraten, so wende Dich an den Wuzeer. Er ist immer wie ein älterer Bruder oder ein Vater gegen mich gewesen, betrachte Du ihn auch deshalb wie einen Vater. Ich habe ihm aufgetragen, für Dich zu sorgen, als seiest Du sein eigen Kind.«

Nachdem der Rajah diese Worte gesagt hatte, ließ er einen wunderschönen Papageien schießen, versetzte seine Seele in den Körper des Papageien und flog davon. Es waren inzwischen zwei Jahre verflossen seit Rajah Vicram sein Königreich verlassen hatte, und vor ungefähr sechs Monaten war Butti voll Verzweiflung über sein Ausbleiben ausgezogen, um ihn zu suchen. Er zog hierhin und dorthin, durch viele Länder um seinen Herrn zu finden, aber ohne Erfolg. Sein gutes Glück indessen wollte es, dass er sich zufälligerweise unter den Fremden, welche der Himmelfahrt des Nautschmädchens beiwohnen wollten, befand, und kaum sah er den Papageien, der mit ihr sprach, als er auch in demselben Vicram erkannte. Der Rajah sah ihn ebenfalls und flog auf seine Schulter, worauf ihn Butti fing, in einen Käfig setzte und mit sich nach Hause nahm. Anar Ranee's Freude war groß und Alle im Schlosse jubelten, als sie den Rajah nach seiner langen Abwesenheit wiedererkannten, und Anar Ranee bat ihn, nie wieder als ein Papagei davon zu fliegen. Und er versprach ihr das auch. Aber die Lust zum Umherstreifen und die Liebe zu einer unregelmäßigen Lebensweise verließ ihn nicht, nachdem er seine ursprüngliche Gestalt wieder angenommen hatte, und am allerliebsten mochte er ohne Führung und Begleitung die Dschungel in der Nähe des Palastes durchwandern. An einem sehr schwülen Tage, als er auf diese Weise außer dem Hause war, durchstreifte er einen felsigen Teil des Landes, welcher flach und trocken und ohne einen Baum zum Schutze gegen den Sonnenbrand war. Vom Gehen ermüdet, warf er sich, bei dem größten Felsenblock, den er finden konnte, nieder, um sich auszuruhen. Er war beinahe eingeschlafen, da kroch aus einer Erdvertiefung ein kleiner Kobra, schlüpfte in seinen weit geöffneten Mund hinein, in der Meinung derselbe sei eine schattige Felsenspalte, und schlängelte sich bis in des Rajahs Hals hinein. Vicram Maharajah rief dem Kobra zu: »Mach, dass Du aus meiner Kehle kommst!« Aber der Kobra sagte: »Nein, ich mag nicht. Ich bin hier lieber als in der Erde.« Und blieb da. Der arme Vicram wußte nun gar nicht, was er anfangen sollte. Der Kobra wohnte in seinem Halse, und er konnte ihn nicht wieder los werden. Zu Zeiten guckte er aus seinem Munde, aber sobald der Rajah ihn zu fangen versuchte, schlüpfte er wieder zurück. »Wer hörte jemals von einem Rajah, der sich in einer solchen jammervollen Lage befand?« sagte er seufzend zu Butti. »Denke nur, ich habe einen Kobra in meinem Halse!«

»Ach mein teurer Freund«, erwiderte ihm Butti auf solche Klagen, »warum streifst Du so einsam in Wald und Feld umher? Wirst Du nie von dieser Sucht geheilt werden!« »Wenn nur jemand diesen Kobra fangen könnte, dann wäre ich zufrieden und wollte nicht mehr umherstreifen. Meine Irrfahrten haben mir schließlich doch nichts Gutes gebracht.« Wer aber vermochte es den Kobra zu fangen? Es gab keinen Menschen weit und breit, der das konnte! Vicram ward durch diese Qual fast zum Wahnsinn getrieben und rannte schließlich fort in den Wald. Diese Neuigkeit brachte man bald Butti, der vernahm sie traurigen Herzens und sprach seufzend: »Ach, ach, was nützt Vicram Maharajah seine, mehr als menschliche Weisheit, wenn diese eine, unglückliche, selbstgewählte Gabe, all das Gute, das er zu stiften vermöchte, unwirksam macht. Sie hat in ihm die Liebe hierhin und dorthin zu wandern erweckt. Er bekümmert sich um jedermanns Angelegenheiten, nur nicht um seine eigenen. Sein Königreich vernachlässigt er, sorgt nicht für sein Volk, und er, der sonst der Stolz aller Rajahs zu sein pflegte, er der Beste, der Edelste, – er entflieht schließlich aus seinem Königreiche, wie ein Dieb, der aus dem Gefängnis entschlüpft.« Butti sandte fernhin Botschafter, um den Vicram Maharajah zu suchen, aber sie konnten ihn nicht finden. Da beschloss er selbst seines verlornen Freundes wegen Nachforschungen anzustellen, und nachdem er in Bezug auf die Regierung des Landes während seiner Abwesenheit geeignete Anordnungen getroffen hatte, begab er sich auf die Reise.

Inzwischen wanderte Vicram immer weiter und weiter, bis er schließlich eines Tages den Palast eines gewissen Rajahs, der ein von seinem Lande weit entferntes Reich regierte, erreichte. Nun hatte der Rajah, vor dessen Pforte Vicram Maharajah saß, eine gute und liebliche Tochter, Buccoulee. Viele Prinzen wünschten diese Prinzessin zu heiraten; sie aber wollte keinen von ihnen. Ihre Eltern sprachen zu ihr: »Warum willst Du Dir keinen Mann aussuchen? Unter diesen Prinzen, die um Deine Hand werben, sind manche reiche und mächtige, manche schöne und tapfere, manche weise und gute, warum schlägst Du sie alle aus?« Die Prinzessin erwiderte: »Es ist nicht meine Bestimmung einen von ihnen zu heiraten. Ich sehe unaufhörlich in meinen Träumen den mir vom Schicksal auserwählten Mann, – und auf ihn warte ich.« »Wer ist es?« fragten sie. »Sein Name«, antwortete sie, »ist Rajah Vicram, er wird aus einem weit entlegenen Lande kommen; doch ist er noch nicht da.« Sie erwiderten: »Es gibt keinen Rajah, fern oder nah, der, soviel uns bekannt ist, diesen Namen trägt. Gib diesen Wahngedanken auf und heirate jemand anders.« Kaum aber war Vicram Maharajah zur Palastpforte gekommen, und hatte sich zwischen die Bettler gesetzt, als ihn die Prinzessin Buccoulee, die aus dem Fenster sah, erblickte und ausrief: »Da ist der Mann, den mir meine Träume zeigen. Da ist Rajah Vicram«. »Wo Kind? Wo?« sagte ihre Mutter. »Es ist kein Rajah dort, nur eine Gesellschaft von Bettlern.« Die Prinzessin bestand aber darauf, dass einer von ihnen der Rajah Vicram sei. Da ließ die Ranee Vicram Maharajah rufen, und befragte ihn aus. Er sagte, sein Name sei »Rajah Vicram«. Aber der Rajah und die Ranee glaubten ihm nicht und waren sehr böse auf die Prinzessin, weil sie darauf bestand, nur ihn und keinen anderen heiraten zu wollen. Schließlich sagten sie im Zorn: »Gut, heirate Deinen bettelnden Prinzen, wenn es Dir beliebt, aber bilde Dir nicht ein, dass Du als seine Frau noch länger unsre Tochter sein kannst. Heiratest Du ihn, so suche Dein Glück mit ihm im Dschungel. Wir werden sehen, ob Du nicht bald Deine Hartnäckigkeit bereust.« »Ich will ihn heiraten und ihm folgen, wohin es auch sein mag«, sprach die Prinzessin. Nun heirateten sich Vicram Maharajah und die Prinzessin Buccoulee, und ihre Eltern jagten sie aus dem Hause. Dessen ungeachtet gaben sie ihr doch etwas Geld mit, und sprachen: »Auch ohne Mangel zu leiden, wird sie gar bald genug den Unterschied zwischen einer Königstochter und einer Bettlersfrau empfinden.«

Vicram baute sich im Dschungel eine kleine Hütte, und in derselben wohnten sie. Die Prinzessin aber hatte trübe Tage, denn sie war weder zu kochen noch zu waschen gewohnt und die schwere Arbeit ermüdete sie sehr. Ihr Hauptkummer war indessen, dass Vicram in seiner Kehle einen solchen abscheulichen Peiniger wie den Kobra habe, und oftmals, ja oftmals erwachte sie Nachts und grübelte über irgend ein Mittel nach, wie man den Wurm fassen könne. Aber Alles war vergebens. Als sie schließlich eines Nachts wieder darüber hin und her sann, sah sie dicht neben sich zwei Kobras aus ihren Höhlen schlüpfen. Diese fingen an zu sprechen, und sie hörte auf ihre Worte: »Wer sind diese Leute?« fragte der erste Kobra »Das sind« sagte der zweite »Vicram Rajah und seine Gemahlin, die Prinzessin Buccoulee.« »Was tun sie hier? Warum wohnt der Rajah so entfernt von seinem Königreiche?« fragte der erste Kobra.

»O er ist fortgelaufen, weil er sich so elend fühlt. Er hat einen Kobra, der in seiner Kehle lebt«, erwiderte der zweite. »Kann ihn Niemand herausholen?« sagte der erste. »Nein,« antwortete der andere »sie kennen das Geheimnis nicht.« »Was für ein Geheimnis?« forschte der erste Kobra »Kennst Du das nicht?« sagte der zweite. »Wenn nämlich seine Frau ein paar Zeichennüsse nimmt, sie gut stößt, mit Kokosnussöl vermischt, das Ganze auf ein Feuer setzt und den Rajah, ihren Gemahl, an den Beinen an einen sich darüber neigenden Baum aufhängt, dann tötet der aufwärtssteigende Rauch den Kobra in seinem Munde, und er fällt dann tot heraus.« »Das habe ich ja noch nie gehört«, sagte der erste Kobra. »Wirklich nicht?« rief der Zweite aus. »Wenn sie dasselbe Experiment am Eingange Deiner Höhle ausführte, würde sie Dich binnen kurzem töten und dann fände sie vielleicht all die schönen Schätze, die Du dort hast.« »Mach keine schlechten Witze«, sagte der erste Kobra, »das verbitte ich mir.« Dann kroch er ganz beleidigt fort, und der zweite Kobra folgte ihm. Kaum hatte die Prinzessin dies gehört, als sie das Mittel anzuwenden beschloss. Deshalb sandte sie am folgenden Morgen zu allen, in der Nähe wohnenden Dorfbewohnern, die sie kannten und liebten und Alles, was sie von ihnen verlangte, taten, weil sie der Rajahs Tochter war. Sie bat sie einen großen Kessel zu nehmen, denselben mit Kokosnußöl zu füllen, eine bedeutende Anzahl Zeichennüsse zu stoßen, sie hineinzuwerfen und ihr dann den Kessel zu bringen. Das geschah. Sie aber setzte das Ganze aufs Feuer, ließ Vicram Kopf über an einen Baum hängen, und sobald nun der Rauch aus dem Kessel in die Luft stieg, erstickte der Kobra in Vicram Maharajah's Kehle und fiel tot heraus. Da sprach der Rajah zu seiner Gemahlin: »O teure Buccoulee, was bist Du für eine Frau! Du hast mich von dieser Qual erlöst und das ist mehr als alle Weisen meines Reiches vermochten.« Buccoulee ließ nun den Kessel voll Öl vor die Höhle des ersten Kobra bringen. Es war der, den sie die Nacht vorher hatte sprechen hören, und erstickte auch ihn. Dann befahl sie den Leuten ihn aus seiner Höhle herauszugraben. Sie fanden in derselben einen unermesslichen Schatz von Gold, Silber und Juwelen. Da ließ Buccoulee für sich und ihren Gemahl königliche Gewänder holen, und bat ihn sich sein Haar zu schneiden und sich zu rasieren, und als sie damit fertig waren, nahm sie den Rest der Schätze und kehrte mit denselben in ihr Vaterhaus zurück, und ihre Eltern, die indes ihre Härte bereut hatten, hießen sie herzlich willkommen. Sie waren beide überrascht und entzückt von dem außerordentlich großen Schatz, den sie besaß. Auch fanden sie, dass ihrer Tochter Gemahl ein überaus hübscher, fürstlich aussehender Mann sei. Da erhielt Vicram Maharajah eines Tages die Nachricht, dass sich ein fremder Wuzeer im Palaste unter den Gästen befinde, und dass dieser Wuzeer schon seit zwölf Jahren umherirre, um seinen Herrn zu suchen, ihn aber bis jetzt nicht finden könne und sich nun auf der Heimreise befinde. Da dachte Vicram: »Sollte das vielleicht Butti sein?« Und er eilte hin, um ihn sich anzusehen. Es war wirklich Butti, der vor Freude laut aufschrie, als er seinen Herrn sah und sagte: »O Vicram, Vicram, weißt Du nicht, dass Du uns nun schon seit 12 Jahren verlassen hast?« Da teilte Vicram Maharajah Butti mit, dass sich die gute Prinzessin Buccoulee mit ihm vermählt habe; dass es ihr gelungen sei, den Kobra zu töten, und dass er eben jetzt im Begriff stehe, in sein Vaterland zurückzukehren. Dann, nachdem sie von Buccoulee's Eltern manches kostbare Geschenk erhalten hatten, begaben sie sich alle auf den Weg. Endlich erreichten sie nach einer langwierigen Reise ihre Heimat. Anar Ranee war außer sich vor Freude sie wiederzusehen. Sie hatte ihren Gemahl schon als einen Toten betrauert. Als Buccoulee Ranee erfuhr, wer Anar Ranee sei, und sie zu ihr geführt wurde, hatte sie große Angst. Dachte sie doch: »Vielleicht wird sie eifersüchtig auf mich sein und mich hassen.« Annar Ranee aber empfing sie mit ihrem süßesten Lächeln und sprach: »Ich höre, dass wir Dir die Erhaltung des Rajah danken, und dass Du es warst, die den Kobra tötete. So lange ich lebe, kann ich mich Dir dafür nie genugsam erkenntlich zeigen, noch Dir zu viel Liebe erweisen.«Von jenem Tage an blieb Vicram Maharajah in seinem eigenen Reiche, beherrschte es weise und gut und wurde von Allen geliebt. Er und Butti erreichten ein sehr hohes Alter, und ihre gegenseitige Liebe währte bis ans Ende ihrer Tage, so dass sie in jenem Lande sprichwörtlich geworden ist; und das Volk, wenn zwei Menschen sehr aneinanderhingen, nicht zu sagen pflegt: »der und der lieben sich wie Brüder,« sondern: Der und der lieben sich einander, wie der Rajah und der Wuzeer.

Frere, M[ary]: Märchen aus der indischen Vergangenheit. Hinduistische Erzählungen aus dem Süden von Indien, Jena: Hermann Costenoble, 1874, S. 136-171.