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Der geborgte See

Ein junger Häuptling machte einst der Tochter eines angesehenen Fürsten in Westmeath den Hof; diese aber war sehr stolz und sagte ihm, sie würde ihn nicht eher heiraten, als bis er einen schönen See vor seinem Schlosse habe. Dies war natürlich eine unangenehme Antwort. Die Umgebung seines Schlosses war zwar ein Tal und daher für einen See sehr günstig, aber woher sollte das Wasser kommen? Auch wäre der heiratslustige Jüngling ein Greis geworden, bis die nötigen Dämme fertig gewesen wären. Tief betrübt ging er nach Hause und erzählte es seiner Mutter. »Reiß' dir die Haare nicht aus,« sagte sie, »bis morgen werde ich schon Rat schaffen.« Und sie hielt auch Wort. Sie verstand sich nämlich auf allerlei Zauberkünste und ritt noch an demselben Abende auf einem Besenstiele zu einer bekannten Hexe, die auf dem westlichen Ufer des Shannon in der Nähe eines wunderschönen Sees wohnte. Sie wurde freundlich aufgenommen und nachdem Beide gut gegessen und getrunken hatten, sagte sie ihr die wahre Ursache ihres Besuches und fragte sie, ob sie ihr nicht bis auf Montag – nach der Ewigkeit, murmelte sie leise dazu – ihren See leihen wolle. »Mit dem größten Vergnügen,« erwiderte Jene, »vergiss aber nicht, ihn zur rechten Zeit wieder zu bringen.« Darauf nahm sie ihn in ihren Mantel und fuhr wieder nach Hause in das Leinster-Tal. Dort schüttete sie den See aus und nahm die Leute, die aus ihren Wohnhäusern im Thale vertrieben wurden, gastfreundlich in ihr Schloss auf. Auf diese Weise wurde die stolze Jungfrau gewonnen. Die angeführte Hexe wartete von Montag auf Montag vergebens auf ihren See und als ihr endlich die Zeit doch ein wenig zu lange wurde, eilte sie zu ihrer schlauen Kollegin, wo sie mit den schmeichelhaftesten Komplimenten empfangen wurde. »Ich habe weder Lust noch Zeit, dein dummes Geschwätz anzuhören,« erwiderte sie; »ein Montag nach dem andern ist vergangen, ohne dass ich meinen See zurückerhalten habe. Vor meiner Hütte ist nichts als ein hässlicher Morast mit verfaulten Fischen darin; gib mir meinen See wieder!« »Dein Ärger scheint dich des Gedächtnisses beraubt zu haben,« sagte das schlaue Weib; »du solltest doch noch recht gut wissen, dass du mir deinen See bis auf den Montag nach der Ewigkeit geborgt hast.« Die Wut der Betrogenen war grenzenlos; aber sie musste sich in ihr Schicksal fügen und mit leeren Händen abziehen. Der Loch Owel bildet seit jener Zeit die Hauptzierde von Meath.

Quelle: Knortz, Karl: Irländische Märchen. Zürich: Verlagsmagazin J. Schabelitz, 1886, S. 69-71.