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Die Blumenelfen

Es war einmal ein Gelehrter, der hatte sich von der Welt zurückgezogen, um geheimen Sinn zu erlangen. Er lebte einsam in der Verborgenheit. Um sein Häuschen herum hatte er allenthalben Blumen und Bambus und andere Bäume gepflanzt. Ganz versteckt lag es da im dichten Blumenhain. Nur einen Knaben hatte er bei sich als Diener, der wohnte in einer besonderen Hütte, um seine Befehle auszuführen. Ungerufen durfte er nicht eintreten. Der Gelehrte liebte die Blumen wie sein Leben. Nie setzte er den Fuß über die Grenzen seines Gartens hinaus. Nun war einmal ein schöner Frühlingsabend. Blumen und Bäume standen in voller Blüte, es wehte ein frischer Wind, und der Mond schien hell. So saß er bei einem Becher Wein und freute sich des Lebens. Plötzlich sah er im Mondschein ein Mädchen in dunklen Kleidern herbei trippeln. Sie machte ihm eine tiefe Verbeugung, begrüßte ihn und sprach: »Ich bin deine Nachbarin. Ich bin mit meinen Freundinnen unterwegs, um unsere achtzehn Tanten zu besuchen. Sehr gern würden wir Sie hier in diesem Hofe ein wenig rasten, wenn Du es erlaubst.« Der Gelehrte merkte, dass es sich hier um etwas Außerordentliches handle, darum stimmte er freudig zu. Das Mädchen bedankte sich und ging. Nach einer kleinen Weile kam sie mit mehreren Mädchen, die Blumen und Weidenzweige trugen, zurück. Sie waren hübsch und fein im Gesicht und schlank und zart von Gestalt. Wenn sie die Ärmel bewegten, so strömten sie einen lieblichen Duft aus. Es gab nicht ihresgleichen in der Menschenwelt. Sie begrüßten den Gelehrten und er lud sie ein, ein wenig bei ihm zu sitzen. Dann fragte er sie: »Wer gibt mir eigentlich die Ehre? Kommt ihr aus dem Schloss der Mondfee oder von der Nephritquelle der Königin-Mutter des Westens?« »Wie könnten wir uns so hoher Abkunft rühmen«, sprach lächelnd ein Mädchen in grünem Gewande. »Ich heiße Salix.« Dann stellte sie eine andere, weißgekleidete vor und sagte: »Das ist Fräulein Prunophora«, dann eine rosa gekleidete: »und diese hier ist Persica«, schließlich eine in tiefrotem Gewande: »und das ist Punica. Wir alle sind Schwestern und wollen heute unsere achtzehn Zephirtanten besuchen. Heute Abend scheint der Mond so schön, und es ist so reizend hier im Garten. Wir sind recht dankbar, dass wir hier sein dürfen.« Da meldete plötzlich eines der Mädchen die Ankunft der Zephirtanten.  Die Mädchen standen auf, gingen ihnen entgegen und begrüßten sie lächelnd an der Tür. »Auch wir wollten die Tanten besuchen«, sagten sie. »Der freundliche Hausherr hat uns gestattet, auf unserer Reise hier ein wenig zu rasten. Wie hübsch trifft es sich da, dass unsere Tanten nun auch hierher vorbei kommen. Es ist eine so schöne Nacht, der Ort ist still und verborgen, da sollten wir hier einen Becher auf das Wohl der Tanten leeren.« Die Mädchen stellten den Gelehrten den achtzehn Tanten vor. Er redete mit ihnen ein paar freundliche Worte, aber für ihn hatten sie etwas Unbeständiges und Luftiges in ihrem Wesen. Ihre Worte sprudelten sie nur so heraus, und in ihrer Nähe fühlte man einen fröstelnden Hauch. Unterdes hatte der Diener schon Tisch und Stühle herbeigebracht. Die achtzehn Tanten setzen sich obenan, die Mädchen folgten, und der Gelehrte setzte sich zu ihnen auf den untersten Platz. In kurzer Zeit stand der ganze Tisch voll mit den köstlichsten Speisen und herrlichsten Früchten, und duftender Wein füllte die Becher. Es waren Genüsse, die die Menschenwelt nicht kennt. Der Mond schien hell, und die Blumen sandten betäubende Düfte aus. Als sie vom Wein heiter geworden, standen die Mädchen auf und tanzten und sangen. Lieblich klangen die Töne durch die dämmernde Nacht, und ihr Tanz glich Schmetterlingen, die um Blumen flattern. Vor Entzücken wußte der Gelehrte nicht mehr, ob er im Himmel oder auf Erden sei. Als der Tanz zu Ende war, setzten sich die Mädchen wieder an den Tisch und tranken bei kreisendem Becher auf das Wohl der Tanten. Auch des Gelehrten wurde in einem Trinkspruch gedacht, und er erwiderte in zierlichen Worten. Die achtzehn Tanten aber waren in ihrem Wesen etwas leichtsinnig, auch begann der Wein schon zu wirken. Als eine daher den Becher erhob, zitterte sie ein wenig mit der Hand, und ehe sie sich versah, goss sie der Punica etwas Wein auf die Kleider. Punica, die jung und feurig war und ein reinliches Wesen hatte, stand ärgerlich auf, als sie ihr rotes Kleid von dem Wein befleckt sah. »Ihr seid gar zu unvorsichtig«, sagte sie zürnend. »Die andern Schwestern haben Angst vor euch, ich fürchte euch nicht.« Da wurden die Tanten auch böse und riefen: »Wie kann das junge Ding da wagen, uns zu beleidigen!« Darauf rafften sie ihre Kleider zusammen und standen auf. Die anderen  Mädchen drängten sich um sie und sprachen: »Die Punica ist jung und unerfahren. Sie hat zuviel Wein getrunken und weiß nicht, was sie tut. Nehmt es ihr nicht übel, setzt euch wieder hin und lasst uns die Nacht geniessen.« Doch die achtzehn Tanten hörten nicht auf sie und gingen. Nun verabschiedeten sich auch die Mädchen schnell, zerstreuten sich und verschwanden in den Blumenbeeten. Noch lange saß der Gelehrte in traumverlorener Sehnsucht da. Am andern Abend aber kamen die Mädchen alle wieder. »Wir wohnen alle schon langer in deinem schönen Garten«, sagten sie zu ihm. »aber jedes Jahr im Winter werden wir von bösen Winden übel gequält. Unsere achtzehn Tanten haben uns auf unsere Bitten hin stets davor geschützt, aber nun, nach dem sie sich von Punica beleidigt fühlen, werden sie uns wohl nicht mehr helfen. Du warst uns Schwestern schon immer freundlich zugetan, wofür wir dir von Herzen dankbar sind, daher wenden wir uns jetzt an dich. Fertige jedes Mal am Neujahrstag eine kleine, scharlachrote Flagge, male darauf Sonne, Mond und die fünf Planeten und stelle sie im Osten des Gartens auf. Dann haben wir Schwestern Frieden und sind vor allem Leid geborgen.« Der Gelehrte versprach es ihnen bereitwillig, und die Mädchen sagten wie aus einem Munde: »Wir danken dir für deine große Güte und wollen es dir vergelten.« Damit schieden sie, und ein süßer Duft erfüllte den ganzen Garten. Der Gelehrte aber machte eine solche rote Flagge, und als an dem genannten Tage frühmorgens der Ostwind zu wehen anfing, da stellte er sie schnell im Garten auf. Plötzlich erhob sich ein wilder Sturm, der die Wälder beugte und die Bäume brach. Nur im Garten die Blumen bewegten sich nicht. Da merkte der Gelehrte, dass Salix die Weide war, Prunophora die Pflaume, Persica der Pfirsich und die vorlaute Punica der Granatapfel, dessen kräftigen Blüten der Wind nichts anhaben kann. Die achtzehn Zephirtanten aber waren die Geister des Windes. Am Abend darauf kamen alle Blumenelfen und brachten ihm zum Dank leuchtende Blumen dar. »Du hast uns gerettet,« sprachen sie, »wir haben sonst nichts, das wir dir schenken könnten. Iß diese Blumen, so wirst du lange leben und das Alter meiden. Wenn du uns dann alljährlich schirmst, so werden auch wir Schwestern lang am Leben bleiben.« Der Gelehrte tat nach ihren Worten und aß die Blumen. Da verwandelte sich seine Gestalt, und er ward wieder jung wie ein zwanzigjähriger Jüngling. Im Laufe der Zeit erlangte er geheimen Sinn und ward unter die Unsterblichen versetzt.

(vgl.: Tang Dai Tsung Schu. Text übers. v. R. Wilhelm, Jena 1914)

 


 

Lieblich klangen die Töne durch die dämmernde Nacht …

Es ist das Geheimnis, dass dieses Märchen durchzieht, ganz im Verborgenen, in der Abgeschiedenheit eines Gartens findet eine Geschichte von Begegnungen, Erkennen, Verstehen und hilfreichen Miteinander statt. Rückzug in sich selbst, in Alleinsein und Stille, wie es der Mann, von dem das Märchen erzählt, tut, ist eine wirksamer Weg um Wissen und Harmonie zu erlangen. Er tut es aber nicht in der Abgeschiedenheit einer Studierstube, zwischen Regalen, Büchern und Schreibutensilien, sondern in der blühenden Pracht eines Gartens.
Es ist mit Sicherheit eine kluge Entscheidung, nach dem verborgenen Wissen im Grün eines Gartens zu suchen, schon Goethe wusste darum und sorgte dafür, dass seinem Protagonisten Faust die trockene Luft der Studierstube nicht bekam. Er wurde von Mephistopheles mit "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum" in das grünende, blühende Leben hinausgeschickt.
Unser chinesischer Gelehrter kennt und liebt jedes einzelne Lebewesen in seiner Gartenwelt, seine Blumen, Bäume, Sträucher und Gräser, so sehr, dass sie lebendiger Teil seines Seins werden, ihm als junge und liebreizende Frauen entgegen treten. Die grüne Weide geht mutig voran, sie bahnt das Kennenlernen. Liebreiz, überirdische Schönheit und zurückhaltende Klugheit von Pflaume und Pfirsich bezaubernd den Gelehrten, die feurige Granatapfel wagt den Konflikt und zwingt so zum Handeln.
Ein einfühlsamer Dialog zwischen dem Herrn des Gartens und den grünen Schönen, welche in der chinesischen Symbolik Fruchtbarkeit, Liebe, Erneuerung, himmlische Freuden verkörpern, entsteht, ein Lebensbündnis zu gegenseitiger Befruchtung und Behütung erwächst daraus. Seelisch ist es ein Zeichen der Reife, wenn sich eine grüne Kraft in einem Menschen differenziert, lebendig wird, mit ihm in Verbindung tritt, ihn zu tiefen Wissen, innerer Sicherheit und liebevoller Hinwendung zum Lebenden führt.

Die Pfirsichblüten treiben auf dem Strom davon in weite Ferne.
Andere Himmel gibts und Erden als die der Welt der Sterblichen.
(Li Bo/ übersetz. Stephan Schuhmacher).

(Ricarda Lukas)