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Der grüne Nhous

Ein großer Händler, dessen Beziehungen sich über alle bekannten Meere erstreckten, war seiner Geschäfte wegen fast immer unterwegs. Dazwischen versäumte er aber die dem Gläubigen auferlegten Pflichten nicht und besuchte auf den gebotenen Pilgerfahrten die Heiligen Stätten, wie es sich gebührt. Wieder einmal war es nun so weit, dass er eine ausgedehnte Reise plante, deren Abschluss ihn auch nach Mekka führen sollte. Sein großes Haus, das seinem Reichtum gemäß schon fast einem Serail glich, war solcherart gebaut, dass es am Meere lag, einen eigenen Landesteg hatte und sich alle jene Lagerschuppen und Gebäude in der unmittelbaren Nähe befanden, die für den Handel über See erforderlich waren. Bevor der Kaufherr diese neue Reise antrat, befragte er seine Töchter, deren er drei hatte, wie es die Sitte erfordert, nach dem, was er ihnen von den Heiligen Stätten mitbringen solle. Die zwei ältesten Töchter hatten ihre Wünsche schon bereit, erbaten diese oder jene Schmuckstücke und einige Ballen Seide von ihm. Die jüngste Tochter, die seinem Herzen besonders nahe stand und von ihm den Kosenamen Sevgülah erhalten hatte, was so viel bedeutet wie Vielgeliebte, stand abseits und sah den Vater nur traurig an, denn die wieder bevorstehende Trennung bereitete ihr Kummer. Er wandte sich zu ihr, fragte leise, wobei er sie zu sich heran winkte und ihr Kinn hochrichtete, um ihr in die gesenkten Augen zu schauen: »Sevgülah, was ist es, das ich dir bringen soll? Sage es mir, du weißt, ich tue nichts lieber, als deine seltenen Wünsche zu befriedigen.« Sie griff nach seiner liebkosenden Hand und sagte kaum hörbar: »Kehre gesund und froh zurück, o geliebter und verehrter Vater, das ist alles, was ich begehre.«. Die zwei älteren Schwestern sahen der jüngeren mit Spott und bösem Hohn nach und sagten leise zueinander, dass diese Dienerin der Lüge gewisslich wieder die Bescheidene gespielt habe, um dem Vater zu gefallen. Flüsternd gingen sie zum Hause zurück, während der Vater vom Hofraum aus sich anschickte, den Landeplatz zu betreten, wo das Schiff schon seeklar lag. Als er eingestiegen war und die Ankertrosse bereits eingeholt wurde, kam atemlos ein Diener vom Hause her gelaufen, legte die Hände an den Mund, solcherart etwas wie ein Rufhorn schaffend, und rief: »Eure Jüngste, Herr, verlangt von Euch den Grünen Nhous, den Grünen Nhous, versteht Ihr, Herr?« Der Kaufherr an Bord seines Schiffes nickte, der Wind fing sich singend in den Segeln, so dass es nicht mehr möglich war, etwas zurückzurufen, und das gute Schiff Karakusch löste sich vom Lande, um, dem Namen getreu, seinen Adler-Flug anzutreten. Ein wenig traurig war der Kaufherr geworden, denn er begriff den Gesinnungswechsel seines geliebtesten Kindes nicht, und zudem wußte er nicht, was das denn sei, dieser von ihr begehrte Grüne Nhous. War es ein Edelstein? Ein Talisman ? Eine schwer zu erringende Kostbarkeit? Und weshalb hatte sie es ihm nicht gleich gesagt, sie, an deren selbstlose Liebe er glaubte und die seinem Herzen teurer war als ihre Schwestern? Er wartete bis zum Abend, als der Kapitän nicht mehr so beschäftigt war und der »Adler« schon sicher seines Weges flog; als sie dann bei der gemeinsamen Mahlzeit saßen, fragte er den Seemann, was das wohl sei, der Grüne Nhous? Ob er schon einmal davon gehört habe? Der Kapitän sah erstaunt von seinem Pihlaw auf, legte den schön geschnitzten Löffel beiseite und sagte besorgt: »Der Grüne Nhous, Herr? Dessen darf auf See keine Erwähnung getan werden, dessen nicht! Fragt mich, wenn wir wieder an Land sind, und möge es uns kein Unheil bringen, dass Ihr ihn nanntet, Inschallah!« Dann stand der alte Seemann von der Tafel auf, machte eine höfliche Verbeugung vor seinem Fahrtenherrn, ließ die Mahlzeit unberührt stehen und ging davon. Völlig aus der Fassung gebracht, sah ihm der Kaufherr nach, und auch ihm wollte das trefflich bereitete Mahl nicht mehr munden, denn es war zum ersten Male, dass etwas, das ihm von seinem jüngsten Kinde kam, von Unheil umwittert schien. Und seltsam, von dieser Stunde an ging alles an Bord fehl. Es gab kleine Unfälle über Unfälle, man kam in widrige Winde oder in völlige Windstille, man verlor dieses oder jenes Gerät, und mit knapper Not hatte ein Mann wieder aufgefischt werden können, der bei einer ganz gefahrlosen Malarbeit über Bord gegangen war. Sie langten dann aber ohne weiteren Zwischenfall in Djidda an und begaben sich von da aus nach der Sitte und Vorschrift des Propheten als Pilger nach Mekka. An Bord blieb nur eine Wache zurück, und diese ließ es sich wohl sein in Kef und Ruhe. Der Kaufherr aber fand keine Ruhe. Ihn peinigte der Gedanke, dass sein liebstes Kind im Augenblick, da der Karakusch in See stach, einen Namen hatte nennen lassen, der ihnen Unheil gebracht hatte, und zudem wußte er immer noch nicht, was denn dieser Name bedeute. Er beschloss, bei seinen Nachforschungen sehr vorsichtig zu Werke zu gehen, denn er hatte nicht vergessen, wie der Kapitän bei Nennung des verhängnisvollen Namens entsetzt gewesen war. So verrichtete er zunächst alle dem Pilger obliegenden Pflichten, ließ auch in gleichgültiger Geschäftsmäßigkeit durch einen seiner Diener die Dinge erhandeln, die seine älteren Töchter von ihm begehrt hatten, und begab sich dann an die Erforschung jenes einen Rätsels. Zu diesem Behufe kleidete er sich in die einfachsten Gewänder und bewegte sich, einem Bettler gleich, unter der Menge der zahlreichen Pilger. Es wollte es das dem Kaufherrn scheinbar doch günstig gesinnte Kismet, dass ihm ein Mann auffiel, der mehrfach neben ihm das Gebet in der großen Moschee verrichtete. Sie begannen das in Mekka übliche Gespräch über die Anzahl der Pilger und die mehr oder minder große Pracht der Karawanen, welche Opfergaben brachten; und da es sich heraus stellte, dass sie zu ihren Unterkünf­ten denselben Weg hatten, blieb dem Kaufherrn Zeit genug, um vorsichtig und langsam das Gespräch darauf zu lenken, wie es denn so seltsam sei, dass neben dem wirklichen Glauben dennoch der Aberglaube Raum habe. »Willst du es mir als Wahrheit anrechnen, mein Bruder, wenn ich dir sage, dass erst vor wenigen Tagen einer mich fragte, was oder wer der Grüne Nhous sei und ob man ihn zu fürchten habe? Hast du schon einmal davon gehört, mein Bruder? Es ist doch nur eine Torheit, nicht wahr?« Zu des Kaufherrn Erstaunen und Beunruhigung aber antwortete der Derwisch ernsthaft: »Ich hörte von ihm und glaube nicht, dass es sich dabei nur um eine Tor­heit handelt, denn es ist niemals zu spaßen mit den großen Geistern. Nhous ist ein Geist der Gewässer oder, wenn du es lieber hörst, der Geist der Großen Gewässer, will sagen der Weltmeere. Er ist das Eigentum der Herrin der Meere, von ihr geliebt mehr als die Schätze der Tiefe, und sie hat geschworen, ihn nur dann freizugeben, wenn sie dafür das Meer den Gebel Tarik zerstören lassen darf. Dagegen aber steht ein Gebot jener Zeiten, als die Meere erschaffen wurden und mit ihnen der Grüne Nhous. Er ist der Hüter der Küsten von Arabistan; denn wenn der Gebel Tarik fällt, so wird Arabistan von den Fluten verschlungen zur Freude der Herrin der Meere, deren Hunger nach Zerstörung unersättlich ist.« Der Derwisch schwieg, und der Kaufherr, zutiefst er­schrocken über das, was er vernommen hatte, sagte zag­haft: »Aber nach dem, was du sagst, mein Bruder, ist der Grüne Nhous ein guter Geist, hütet er doch die Küsten von Arabistan, solange er bei der Herrin der Meere weilt?« Ruhig gab der Derwisch zur Antwort: »So ist es, mein Bruder, und all dieses, was wir hier sprechen, ist nur Erzählung der Unwissenden, der Toren und der Seeleute. Ich sagte auch nur zu Anfang, als du fragtest, es tue nicht gut, über die großen Geister der Meere zu reden, da die Gewalten, die dort herrschen, immer un­bekannt bleiben sollten. Flehen wir also alle guten Gei­ster an, dass die Herrin der Meere im ungestörten Besitz des Grünen Nhous bleibe, der ein gewaltiger grüner Vogel sein soll. Sieht ihn ein Seemann, der über die Weite schaut, sieht er das grüne Glitzern über den Wogen... dann ist es schlimm um des Schiffes Sicherheit bestellt.« Der Derwisch schwieg, und in tiefe Gedanken versunken, verabschiedete sich der Kaufherr von ihm. Er begriff das Ganze nicht, verstand nicht, woher sein liebes und einfach gesinntes Kind von diesem großen Geist der Meere wissen konnte und, wenn sie es tat, weshalb sie dann einen Wunsch ausgesprochen haben sollte, der zwar unerfüllbar bleiben musste, der aber, falls die Erfüllung gedacht würde, die Zerstörung der heimatlichen Erde bedeutete. Unfasslich und ganz ungut! Der brave Kaufherr konnte nicht wissen, dass Sevgülah niemals etwas von dem Grünen Nhous gehört hatte und dass in Wahrheit ihr einziger Wunsch der nach des geliebten Vaters guter und sicherer Rückkehr war. Die Schwestern, die zwei neidischen und bösen, hatten einmal den Namen des Wassergeistes erwähnen gehört, und da es eilte, dem Vater noch vor seiner Abfahrt etwas sagen zu lassen, was die jüngste Schwester in ungutem Lichte erscheinen ließ, so erdachten sie sich dieses unerfüllbare Verlangen als von ihr ersonnen. Das, worum sich weit von ihnen entfernt der Kaufherr grämte, das war in Wirklichkeit die Bosheit seiner beiden älteren Töchter. Aber er wußte es nicht; denn auch er war ein Diener des Kismet, wie ein jeder von uns. Einige Tage vergingen noch, und dann machte sich der Kaufherr mit denen seiner Diener, die ihn nach Mekka begleitet hatten, zum Weg nach Djidda bereit. Erschöpft, beschmutzt, doch im Bewusstsein, ihre Pflicht erfüllt zu haben dem Gebot des Islam gegenüber, kamen sie dort an. Es wurde beschlossen, bei Morgengrauen auszulaufen und die Nacht in den Ruheräumen des Hamam zu verbringen, um allem gewachsen zu sein, was die weite Seefahrt von ihren Kräften verlangte. Der Kaufherr, der sich in unruhigem Schlummer auf seinem Lager wälzte, fuhr mitten in der Nacht mit einem furchtbaren Schrecken hoch, denn er hatte gefühlt, wie eine kleine kalte Hand seine Brust berührte. Noch von Schlaf benommen, stieß er einen leisen Schrei aus und griff nach dem, was er für ein Traumgebilde hielt. Aber was er fasste, war wirklich eine kleine kalte Hand, die eines winzigen Affen. Der Mann musste lachen über sein Erschrecken und auch über die noch viel mehr erschrockenen Blicke des kleinen Tieres. Er erhob sich und betrachte es, da sah er auf des Äffchens Rücken eine hässliche Wunde. Der Kaufmann wusch in der Schale mit wohlriechendem Wasser dem Tierchen das Blut ab. Von seinem Pilgergewand, das am Boden lag, riss er einige Streifen ab und verband sorgfältig die Wunde. Der kleine Affe ließ sich alles geduldig und reglos gefallen, und als es geschehen war, schmiegte er sich vertrauend in den Arm des hilfreichen Mannes. Dem Kaufherrn war die Wärme des kleinen Tieres ein Trost, und so schliefen sie beide zusammen in Frieden. So kam es, dass der große Kaufherr an Bord des Karakusch kam, ein krankes Äffchen tragend, das seine Arme fest um den Hals des Mannes geschlungen hatte. Der Kapitän sah es lächelnd, fragte: »Ein guter Ifrit, Herr?« Auch der Kaufherr lächelte, zuckte die Schultern, streichelte das Äffchen und sagte leise: »Wer weiß?« Der Karakusch hatte für zwei Tage gutes Fahrt­wetter und flog mit geschwellten Segeln vor dem Winde dahin. Kaum aber versuchte der Kapitän jene Häfen anzulaufen, wo Waren ihrer warteten oder sie solche abzuladen hatten, erhoben sich so widrige Winde, dass es unmöglich wurde, in die Nähe der Küste zu gelangen. Die Mannschaft begann zu murren und sich in der seltsamsten Art zu betragen, zumal nach einer Sturmnacht sich an den Mastspitzen grüne Feuer gezeigt hatten. Da hörte man von überallher Geflüster und Geraune und die Worte »Grüner Nhous« waren deutlich zu unterscheiden. Der Kapitän suchte eine Aussprache mit dem Kaufherrn und erklärte diesem unmissverständlich, dass er für nichts mehr einstehen könne, wenn der Fahrtenherr verlange, dem ursprünglichen Plane gemäß die fremden Häfen anzulaufen. Ein Fluch laste auf dieser Fahrt. Der Kaufherr aber wollte es nicht glauben und folgte dem Rat des Kapitäns nicht, gab vielmehr Befehl, Berytos anzulaufen. Als der Kaufherr dieses sagte, klammerte sich der kleine Affe, der inzwischen von seiner Verletzung ganz genesen war, den er aber immer mit sich herumtrug, verzweifelt am Halskragen des Mannes fest, richtete sich hoch und begann ihm nach Art der Affen allerlei ins Ohr zu schnattern. Der Kaufherr achtete dessen nicht, und so geschah es, dass der Aberglaube, der nun schon zum Beherrscher des Karakusch geworden war, noch wildere Blüten hervorbrachte. Einer der älteren Seeleute versammelte an diesem Abend diejenigen, die frei waren, im nun halb leeren Laderaum um sich und begann ihnen zunächst eine Rede zu halten über die Zeichen, die ihnen der Grüne Nhous gegeben habe. Atemlos lauschten die Männer, und es gab keinen, der dem Sprecher nicht recht gab. Sie steckten die Köpfe immer dichter zusammen, und endlich wurde ein verzweifelter Entschluss gefasst: Der Kapitän sollte gefesselt werden, aber in solcher Art, dass ihm nichts Schlimmes geschähe. Der Herr mitsamt dem Affen-Ifrit sollte an der kleinen Insel ausgesetzt werden, die nahe der Einfahrt zum Hafen von Berytos liegt; sie aber würden dann nach einigen Stunden den Kapitän wieder losbinden und das gute Schiff Karakusch zum Heimathafen segeln. Kaum einen gab es, der diesem Entschluss nicht zustimmte; denn wenn die Seeleute auch bereit waren, allen Gefahren der Meere zu trotzen, den Kampf mit Großen Meergeistern aufzunehmen, verweigerten sie. Und genau wie es geplant war, so wurde es einige Nächte später ausgeführt. Dem Kapitän wie auch dem Kaufherrn wurde ein Schlaftrunk in den abendlichen Scherbet gemischt, der, stark gesüßt, den Geschmack verdeckte, und vorsichtig wurden dann die beiden Männer fortgetragen, der eine in seinen Schlafraum, wo er an sein Lager festgebunden wurde. Der andere aber ward zusammen mit dem kleinen Affen in ein Beiboot verladen. Es war eine ruhige Nacht, der Karakusch lag reglos da, und die kleine Insel leuchtete einladend im Mondlicht. Sie legten den Kaufherrn mit nahezu zärtlicher Sorgfalt auf den steinigen Boden nieder und ruderten an Bord zurück. Der Steuermann, der ein alter erprobter Seemann war, brachte den Karakusch auf den richtigen Kurs, und als im Laufe des anderen Tages der Kapitän aus seinem künstlichen Rausche erwachte, sah er sich zwei Männern gegenüber, die neben seinem Lager standen und in grimmiger Entschlossenheit blanke Entermesser in den Händen hielten. Der eine von ihnen begann sogleich die wohlvorbereitete Ansprache zu halten. »Wir wollen nur in den Heimathafen, wo wir sicher sind vor dem Fluch, der auf uns gelegt wurde, und sind bereit, uns deinem Befehl wie immer zu unterstellen, so du, Herr, bereit bist, uns zum Heimathafen zu bringen, aber auch nur dann. Sprich nun, Herr, wie gedenkst du zu handeln?« Der Kapitän tat nur eine Frage: »Wo ist der Effendi, und wie geht es ihm?« Der Mann antwortete unerschrocken: »Der Effendi ist auf der Berytos-Insel mit seinem Ifrit und allen seinen Wertsachen. Er kann von dort ein Schiff anrufen, gibt es doch kaum eines, das nicht nahe der Insel vorbeikäme auf dem Wege in den Hafen von Berytos. Es ist schon eine Tagereise her, dass er sich dort befindet.« Schweigen. Die beiden Männer blickten aufmerksam auf den Kapitän; der aber starrte vor sich hin. Er überlegte schnell dieses: Wenn er sich sträubte, nützte es dem Effendi nichts, und er würde durch die Entermesser sterben. Stimmte er zu, konnte er das Schiff heimführen und die Leute später bestrafen, auch nach dem Kaufherrn suchen. So sagte er ruhig: »Bindet mich los. Ich bringe euch zum Heimathafen.« Eiligst warfen die zwei ihre Messer fort und machten sich voller Sorgfalt an das Losbinden. In den wenigen Tagen, die vergingen, bis sie den Heimathafen sichteten, sprach er nur das Allernotwendigste mit der Mannschaft, und über dem ganzen Schiff lag ein Druck, als befinde sich ein Toter an Bord. Schon begannen einige zu murmeln, ob es wohl klug gewesen sei, den Kapitän am Leben gelassen zu haben, und die Besonnenen hatten Mühe, die so nützlich erscheinende Gewalttat zu verhindern. Als am zehnten Tage der Heimathafen gesichtet wurde, berief der Kapitän alle Mann zu sich, und zwar in der Nähe des Steuermannes, auf dass auch dieser hören könne, was nun bestimmt ward. Des Kapitäns kalter Blick streifte sie verächtlich, und er fuhr zu sprechen fort: »Unter einer Bedingung, nein, es sind zwei, bin ich bereit, euch Strafen zu erlassen. Es ist ein Mädchen hier, welches unser Herr mehr als sein Leben liebt, seine jüngste Tochter Sevgülah. Sie will ich vor Kummer bewahren, denn sie ist mir wie ein eigenes Kind. Ihr alle, jeder einzelne von euch, wird, wenn sie euch fragt, sagen, der Herr sei in Berytos geblieben, wo er ein bedeutendes Geschäft abzuwickeln habe, und habe befohlen, ihn innerhalb eines Mondeslaufes von dort wieder abzuho­len. Gelingt es euch, diese Erzählung überall und besonders vor Sevgülah glaubhaft zu machen, so sind euch alle Strafen erlassen. Nun besprecht euch und gebt mir späterhin Nachricht, was ihr beschlossen habt. So geschah es, dass im Hause des Kaufherrn niemand die Wahrheit erfuhr. Die von den beiden älteren Töchtern begehrten Seiden und Zierrate wurden ausgeladen und Ihnen zugestellt mit des Vaters besten Grüßen. Erfreut in ihrer eitlen Habsucht, konnten die zwei Mädchen es sich doch nicht versagen, Sevgülah, die traurig und von düsteren Ahnungen bedrückt umherging, höhnisch zuzurufen: »Hast du nun deinen Grünen Nhous bekommen?« Eine Äußerung, die der Jüngsten nichts besagte, da sie ihr ganz unverständlich blieb, aber insofern eine eigenartige Wirkung hatte, als im gleichen Augenblicke, da diese Worte gesprochen wurden, eine gewaltige Flutwelle am Landesteg hochbrauste, die das vor Anker liegende gute Schiff Karakusch beinahe von den Trossen gerissen hätte. Nicht genug damit, viele Seemeilen weiter fort, auf der kleinen Insel am Hafenaus­gang von Berytos, geschah das gleiche, und ein kleiner Affe, der in Wirklichkeit ein Ifrit war, hatte die größte Mühe, sich gegen den mächtigen Wassergeist zu be­haupten. Er saß auf der Brust des nun schon viele Tage und Nächte lang bewusstlosen Mannes und schrie in die wilde Welle hinein: »Nhous, Grüner Nhous, willst du diesen Menschen vernichten, so tu es schnell und übe so Barmherzigkeit, aber halt ihn nicht eingeschlossen in Traum und Nichtwissen, das ist deiner unwürdig, Großer Nhous « Da schwebte auf dem Kamm einer Woge etwas Grünes herbei, war ein großer Vogel, ließ sich am Felsenrand der kleinen Insel nieder und schaute mit ernsten Augen auf das kleine Affentier. »Ein kleiner Ifrit und will mir trotzen ?« sagte der Nhous, und als er so sprach, richtete sich der kleine Affe auf, nahm seine wirkliche Gestalt und war ein Wesen, das einem Menschenjüngling gleich groß und hochgewachsen, eingehüllt in zwei gewaltig rötliche Flügel, die sich wie ein Gewand um ihn legten und bis auf seine Füße herabreichten. Der Ifrit stand vor dem grünen Wassergeist, und sogleich warf dieser Federgewand ab und war ebenfalls einem Jüngling gleich, in große grüne Flügel gehüllt. »Der bist du, der Ifrit der Morgenröte? Und wandelst dich zu einem kleinen Affen ? Warum lässt du dich so herab ?« fragte der Nhous. Der Ifrit sagte leise: »Ich tat es, weil ich dich suchte, o Nhous, und weil ich wußte, dass ich dich nur durch einen Menschen finden könnte. Warum ich dich aber suchte, ist dieses: Die Vögel, die sich auf die Wellenkämme setzen, wenn mein Glanz be­ginnt, deine Wogen zu beleuchten, müssen oftmals, von dem Sprühen deiner Wasser getroffen, ihr Leben lassen; denn ihre Gefieder sind dann zum Fliegen zu schwer von Nässe und sie sinken zurück und sind dahin. Für sie wollte ich bitten, und so hängte ich mich an diesen Men­schen, der dich suchen musste, dem Gebot gemäß, das ihm wurde. Du aber sage mir, was wird jetzt geschehen mit diesem und mit meinen Vögeln, o Nhous ?« Der große Wassergeist tat einen Schritt dorthin, wo der Mann wie schlafend lag, betrachtete ihn und sagte dann ruhig: »Ich werde diesem nichts anhaben; denn er gelangte ohne Schuld in die Verstrickung. Aber ich muss ihn meiner Herrin bringen, und darum hielt ich ihn im Traume fest, wie er jetzt da ruht. Ich werde ihn in mein Gefieder hüllen, so bedroht ihn nichts; da du für ihn batest, geschehe es! Du aber, was wirst du beginnen, Ifrit, du Schöner und Rosenfarbener?« Der Ifrit strich mit der Spitze eines seiner Flügel über die Stirn des Bewusstlosen, und dessen Züge wurden von einem Lächeln überstrahlt. »Ich werde über den Wassern schweben und warten, was weiter geschieht. Nimm ihn nun, er ist im Lande der Freuden.« Der Nhous legte sein Federgewand über den Mann, setzte einen Fuß auf das Wasser und schoss wie ein Stein in die Tiefe, die Federlast mit sich ziehend. Über der Stelle, wo er versunken war, schwebte es wie eine rosenfarbene Wolke, schien dann weiterzugleiten und wandelte die Wasserferne zu einem blühenden Garten. Doch war weit und breit kein Schiff zu sehen, so dass Menschenaugen das Wunderbare nicht erblickten. In ihrem Perlenserail thronte die Herrin der Meere, ein seltsam gleißendes und glitzerndes Wesen, das keinen Augenblick sich gleich blieb. Es war auch nicht zu erken­nen, ob sie lag, ob sie saß; denn schwankend war alles um sie her, und kein Menschenauge hätte ihren Anblick ertragen. Da wallte es heftig um sie herum, und herab schießend schwebte der Grüne Nhous heran, das Federkleid nach sich ziehend im Wogen der Wasser. »Wie du befahlst, brachte ich den Menschen, der meinen Namen nannte; doch bitte ich dich, Erhabene, strafe ihn nicht, wußte er doch nicht, was er tat.« Die Herrin der Meere sagte mit einer Stimme, die wie das Brausen der Wogen klang: »Wenn ich ihm nichts antun darf, so muss es jenes Mädchen büßen, der du als Geschenk bestimmt warst, du, der den Wassern gebietet, einem Menschenmädchen! Wähle selbst, was geschehen soll.« Der Grüne Nhous stand und schaute auf das Bündel Mensch herab, das in seinem Federkleide geborgen unwissend in den Tiefen der Meere lag, und er sagte leicht und leise: »Warum, o Herrin, willst du strafen, wo keine Schuld war? Böser Sinn nannte meinen Namen, nicht dieser und nicht das Mädchen, das auch jetzt noch von nichts weiß. Wofür strafen? Hier lebte Menschenliebe. Weißt du, was das ist?« Die brausende Stimme gab Antwort: »Ich weiß es nicht und will es nicht wissen. Und du wähle: das Mädchen oder der Mann. Sprich, ich befehle es dir.« Der Grüne Nhous stand sinnend, sagte dann: »Gibt es nicht ein Gebot von einer Macht, die größer ist als du, o Herrin, dass meine Gefangenschaft ende, wenn mich Menschenliebe berührt?« Es entstand eine furchtbare Unruhe, und das ganze Perlenserail schwankte auf und nieder, während die Herrin der Meere kaum noch zu erkennen war. Dem Sturme gleich brach dann ihre Stimme aus. »Es gibt ein solches Gebot; doch verbietet es dir, jemals wieder zu mir zurückzukehren. Du musst dann bei den Menschen bleiben, hast das Meer verloren...« Der Nhous hörte es kaum noch. Er schoss durch die Wasser hinauf, dem Strahl eines Brunnens gleich. Fest umschloss er das Federkleid, dachte des schlafenden Mannes, den er der Herrin der Meere entriss, dachte auch des Ifrits, der für seine Vögel gebeten hatte, und wußte nicht, dass ihn mit all diesen Gedanken schon ein weniges der Menschenliebe berührt hatte. Dann fühlte er den rosigen und warmen Glanz des Ifrit, der über den Wassern seiner harrte, und einem großen seltsamen Wesen gleich, von den grünen Flügeln umhüllt, tauchte er nahe der kleinen Insel wieder auf. Vorsorglich legte er den träumenden Mann nieder, sagte leise: »Oh, Ifrit, ich habe mich befreit und will suchen, ob ich Menschenliebe finde. Was denkst du, ist es uns Geistern beschieden, sie je zu erwerben? Und weißt du etwas von ihr, dieser seltsamen Kraft, davon sogar der Grund der Meere erklingt?« Der Ifrit der Morgenröte, in seine rosigen Flügel gehüllt, sagte hauchleise: »Es war diese Kraft, die im Sinn des Mannes hier lebt, die mich zu ihm brachte. Du suche sie bei der, die dieser liebt, o Großer Nhous. Und diene ihr, indem du diesem hier die Heimkehr schenkst. Lass ein Schiff den Weg hierher finden, und du indessen - willst du, dass ich dir den Weg weise zu ihr, die dieses Menschen starkes Lieben ist, sein Kin ? Ein Vogel du, eine leichte Wolke ich, und wir fliegen hin. Willst du, mein Bruder?« Zur Antwort legte der Nhous sein Federgewand wieder an und streckte vorher die Arme weit, mit einer winkenden Ge­bärde. »Ein Schiff naht schon«, sagte er, »komm, Bruder Wolke, zeige mir den Weg.« Dieser Tag neigte sich dem Abend zu, als Sevgülah, voll Sehnen an ihren Vater denkend, sich anschickte, zur Ruhe zu gehen. So war sie im Begriff, ihr Lager aufzusuchen, stand aber noch eine kleine Weile an der weit offenen Fenstertür, die einen Blick zum Meer hinaus gewährte. Leise sprach sie zu ihrem Vater, so als könne er sie hören, erschrak aber heftig, als sie ein gewaltiges Flügelschlagen hörte und; den Schatten eines großen grünen Vogels sich abheben sah gegen eine rosenfarbene Wolke. Der Schreck jedoch verging schnell, weil das Bild so wunderbar schön war, und dieser Schönheit entgegen streckte Sevgülah die Arme aus, rief leise: »Wunderbarer Vogel, komm zu mir, o komm!« Und dann war es ihr, als werde auch sie in die rosenfarbene Wolke eingehüllt, als schwinde ihr alles Wissen und sie könne kaum atmen. Doch währte das nur ganz kurze Zeit, und als sie zu sich kam, stand ein großer schlanker Jüngling vor ihr, der von Kopf bis zu Fuß in lichtgrün leuchtende Flügel eingehüllt war. Sevgülah schaute auf ihn, sah diese erschreckend wunderbare Erscheinung und blickte in ein schönes, ernstes Gesicht, das von dunklem Haar umrahmt war und un­ergründlich tiefe Augen hatte, deren Blick sie einzuhüllen schien. Reglos stand sie und sah ihn an, reglos betrachtete er sie. »Hast du Furcht vor mir?« fragte er mit leiser, ruhiger Stimme. Sie schüttelte den Kopf, und ihr brau­nes Haar, das einen lichten Schein hatte, flog bei der Bewegung lockig um ihr Gesicht: »Furcht? Nein. Du bist so schön. Aber ich weiß, ich träume dich, denn du kamst in einer rosenfarbenen Wolke. Es ist ein schöner Traum, lass mich nicht daraus erwachen, Geflügelter du.« Über die ernsten Züge des Grünen Nhous, der die Menschenliebe zu suchen gekommen war, huschte das erste Lächeln, das dieses Antlitz kannte. »Ein Traum? Nun gut. So lass uns zusammen träumen, da auch ich in der rosenfarbenen Wolke lebe. Willst du, dass meine Flügel dich umfangen, du Liebliche, und wir so weiterträumen?« Sie tat einen Schritt auf ihn zu, hob die Arme ein wenig, »sagte leise: »Ich will.« Auf der Insel bei Berytos erwachte der Kaufherr, wie nach tiefem Schlaf erquickt. Er richtete sich auf, reckte die Arme, lächelte, sagte vor sich hin: »Welch ein Traum, Maschallah, das war ein Traum! Zu fliegen einem Vogel gleich, in das Meer zu tauchen einem Fisch gleich, leicht, so leicht zu sein, der Luft gleich... welch ein Traum!« Und dann erst ward ihm bewusst, dass er sich auf einer einsamen Insel befand, die einem Felshügel glich; doch hatte er kaum Zeit, einem Erstaunen nachzugeben oder Beunruhigung zu empfinden, da vernahm er schon Menschenstimmen, sah ein Boot mühsam an den Felsen festmachen, hörte sich angerufen: »Hoh, Bruder, was tust du hier? Bist du verletzt? Hat man dich ausgesetzt? Hoh, Bruder, gib Antwort!« Er stand auf, schritt vorsichtig auf dem schroffen Fels vorwärts, bis er hinuntersehen konnte zum schmalen Uferrand, schwenkte sein Gewand und rief: »Helft mir herab oder zeigt mir einen Pfad, dass ich zu euch gelange!« Es gab ein lachendes Hin und Her und dann eine mühsame Kletterei, bis der Kaufherr wohlgeborgen in dem kleinen Boot saß und nach wenigen Ruderschlägen schon die Bordwand des großen Schiffes über sich aufragen sah. Einige Griffe an den herabgelas­senen Stricken, dem seegewohnten Manne vertraut, brachten ihn an Bord; die Männer, die ihn geholt hatten, folgten, das Boot ward hochgehievt und die Segel wieder gesetzt, man war in Fahrt.Der Kapitän des Schiffes hatte den Kaufherrn in sein kleines Reich geholt, und der Kaufherr wollte gar zu gern wissen, wie seine Rettung zustande gekommen sei, und fragte darum eifrig: »Wodurch erfuhrst du von mir, Bruder? Da ich mich nicht rührte, keine Zeichen gab, wie konntet ihr von meinem Aufenthalt wissen?« Der Kapitän zögerte, sagte dann leise: »Da du selbst fragst o mein Bruder, sei es dir verraten: ich träumte dich. Am frühen Morgen heute sah ich einen Jüngling vor mir stehen, während ich in tiefem Schlummer lag, der sagte, ich solle einen Mann von der Berytos-Insel holen und Freude würde mir daraus erwachsen. Da der Jüngling weite Flügel hatte, glaubte ich einen Boten Allahs zu sehen, und als ich erwachte, nahm ich sogleich Fahrt hierher; das ist alles.« Der Kapitän schwieg. Der Kaufherr sagte tief betroffen: »So möge es denn Wahrheit werden, dass dir durch mich Freude wird, o Bruder, der mir großmütig half.« Und da es ein Mann der Geschäfte war, der so sprach, dachte er sogleich an die beste Art, Freude zu bereiten, nämlich die durch Geld. Mit einer kaum bewussten Bewegung griff er nach seinem Geldgurt, fühlte ihn nicht nur gefüllt, nein, auch noch angeschwollen, schwer und unförmig geworden. Ein Ausdruck des Erstaunens zeigte sich auf seinem Gesicht, und der Kapitän fragte höflich: »Du vermisst etwas, Bruder ?« Doch war es, um die Wahrheit zu sagen, nicht Höflichkeit allein, die ihn so fragen ließ, auch ein gut Teil Besorgnis; denn wenn man von einem kleinen Felseneiland einen offenbar Schiffbrüchigen aufliest, der einem im Traume gezeigt ward, so ist eine Wette darüber abzuschließen, dass es sich um einen Ausgeraubten handelt, den man neu ausstatten muss. Obwohl nun dieser Mann gut gekleidet und wohlhabend anzusehen war, so konnte er dennoch von Räubern ausgesetzt worden sein, und das war dann nachher immer peinlich. Aber diese Besorgnis verflog flüchtig, wie sie entstanden war; denn der Schiffbrüchige hatte jetzt einen Geldgurt gelöst und schüttelte dessen Inhalt auf die Kissen am Boden aus, auf denen sie im Wohnraum des Kapitäns saßen. Starren Blickes schauten die zwei Männer auf das, was sich da ergoss; denn keiner von ihnen hatte jemals ähnlichen Reichtum auf einem Haufen gesehen. Perlen! Nur Perlen! Von allen Größen, Gestalten und Farben lagen sie auf dem Untergrund eines alten Bochara-Teppichs, dessen dunkles Rot sie doppelt leuchten und schimmern ließ. Perlen, ja, aber nicht ein einziges Goldstück von denen, die vorher den Geldgurt gefüllt hatten. Der Kaufherr sagte kaum vernehmlich: »Wallaha, woher kommt mir dieses? Und alles Gold verschwunden, dafür diese Pracht... wallaha... woher ?« Der Kapitän bemerkte, ebenso gedämpft sprechend: »Da schon ein Geflügelter über dir wachte, Bruder, sollte man sich weiterer Seltsamkeiten nie verwundern. Wenn du mir sagst, wie du auf das Felseneiland kamst, vielleicht, dass wir das Rätsel dann lösen ?« Doch hier zeigte es sich, dass der Kaufherr nichts mehr wußte, gar nichts. Sein seltsamer und schöner Traum, das Wissen vom Fliegen, vom Eintauchen in der Meeres Tiefen - das war alles, dessen er sich entsann. Nichts von seinem Schiff, nichts von den Heiligen Stätten nichts auch von Sevgülah, der so innig geliebten Tochter nichts, gar nichts, keinen Namen, keine Heimat. »Als wäre ich auf dem Felseneiland zur Welt gekommen, Bruder, ist mir. Ich weiß dir nichts, gar nichts zu berichten. Zunächst glaubte ihm der Kapitän nicht, nahm vielleicht an, der Fremde wolle etwas verbergen, das vielleicht das Licht der Wahrheit scheue. Aber nach und nach erkannte er, dass es sich wirklich so verhielt, wie jener sagte: das Felseneiland hatte ihn gezeugt. Und warum auch nicht? Der Reichtum war unbegrenzt, wie man bald zu erkennen vermochte; denn wenn der Fremde als Entgelt für Speisen, Kleidung und Unterhalt mit einer Perle bezahlte, so fehlte diese dann nicht, nein, sie verdoppelte sich. Das war eine Erkenntnis, die beide Männer schließlich dazu brachte, den Plan eines großen Handelsunternehmens zu entwerfen, das die Meere umspannen und bis an die entferntesten Küsten Reichtum und Freiheit bringen sollte. Was sie beide aber nicht wussten, war, dass dieser Gedanke der Freiheit es war, der ihren Schatz niemals abnehmen ließ. Hätten sie sich auf den einträglichen Sklavenhandel verlegt, so wären die Perlen wie Wassertropfen vergangen; da sie aber versuchten, dorthin, wo Armut herrschte, Wohlbefinden zu bringen, und sogar Gefangene zu befreien suchten, wuchs und wuchs ihre Perlenmenge, und bis auf den heutigen Tag sind die Schiffe jener zwei, deren es immer mehr wurden, auf allen Meeren bekannt geblieben als die Perlenschiffe. Wie lange sie herumkreuzten, wie viele ihrer waren, ob sie verschwanden oder in hellen Mondnächten auch jetzt noch zu erblicken sind, das weiß niemand zu sagen. Was ist mit dem Besitz des Kaufherrn? Was mit seinen vielen Dienern und Se­len, was mit den zwei unguten Töchtern und was vor allem mit Sevgülah und dem Grünen Nhous ? Der Besitz des Kaufherrn nahe seinem großen Hause wußte sich auf geheimnisreiche Art zu erhalten, und das geschah so: ein Fremder stand eines Tages vor den beiden unguten älteren Schwestern, während sie sich im Garten ergingen, grüßte höflich und sprach: »Verehrungswürdige, vergebt mein unziemliches Eindringen, aber ich komme von eurem sehr ehrenwerten Vater und habe den Auftrag, für meinen Bruder und mich euch zur Ehe zu nehmen. Da der ehrenwerte Vater am Erscheinen verhindert ist, sandte er uns hierher, verriet uns auch, wo er seinen Reichtum aufbewahre. So werden wir diesen und euch zu uns nehmen, mein Bruder und ich.« Die Schwestern, gewohnt, dem Vater zu gehorchen, wussten nichts zu erwidern, und so fanden sie sich damit ab, am Abend des gleichen Tages in Sänften verpackt zu werden und mit den zwei Männern davonzuziehen. Es heißt, dass diese zwei Seeräuber waren, die nicht weit vom Besitz des Kaufherrn ein Serail unmittelbar am Wasser besaßen, und dass sie die beiden Mädchen als Zugabe zum Reichtum des Kaufherrn mitnahmen; denn die Schwestern kannten wirklich das Versteck der weiten unterirdischen Lagerräume, wo der Besitz des Vaters gehütet worden war. Und so sah man diese zwei niemals wieder, hörte nichts von ihnen, und ihre Fußspur im Sande der Zeit hat der Wind ihrer Bosheit verweht. Sevgülah aber und ihr geflügelter Geliebter? Sie sind die Liebe und die Sehnsucht. Sie sind die immer ferne Erfüllung und die vollkommene Hingabe. Sie sind es, die Meer und Wolken gestalten, so dass der Mensch hinaufschaut oder über die Wogen blickt und ein tiefer Seufzer seine Brust hebt: »O Ferne, o Pracht der Meere, Wolkenflug... könnte ich mit!« So ist das Sehnen. Doch nicht für Sevgülah; denn um sie hatten sich die Flügel des Großen Wassergeistes gelegt, der für die Menschenliebe die Pracht der Tiefe verlassen hatte und Freiheit fand in der gesuchten Liebe. Sie war sein erfülltes suchendes Sehnen und er die Kraft, die sie durch die Weltenräume trug. Begegnete ihrem Flug der Ifrit der Morgenröte, so schloss Sevgülah geblendet die Augen, verbarg sich ganz unter den grünen Flügeln des Geliebten und hauchte: »Kein Licht außer deinem, keinen Glanz als nur deinen will ich, mein Geliebter!« Und so sah sie auch nur seinen Glanz. Er aber wurde nach langen Zeiten der gute Geist der Meere, und niemand fürchtete mehr das grüne Licht an den Mastspitzen, denn was sein Flügel streifte, der die Liebe umschloss, wurde allsogleich Ruhe und friedvolle Schöne. Einstmals ein Schrecken, dieser Name des Grünen Nhous, heute ein Ruf der Freude. Einstmals ein Bangen, heute eine Geborgenheit. Denn über die Meere hinschwebend das Geheime, das Menschensein, das aus der Liebe Allahs kam, die hinabreicht in die Tiefen der Meere, hinauf zu den Fernen der Himmel und doch verborgen ist, ein Geheimnis, umhüllt von Flügeln, die es glaubend tragen, das, was jeder sucht: das Lieben. Allah Kerim.

Elsa Sophia von Kamphoevener, An Nachtfeuern der Karawan-Serail, Bd.2, Rowohlt-Verlag 2004, (von RL gekürzt). (Mit Genehmigung der und herzlichen Dank an die Rechteinhaberin!)


War es ein Edelstein? Ein Talisman? Eine schwer zu erringende Kostbarkeit?

Es könnte der Geist der Weihnacht sein, der über den Wasser schwebt und eine Geschichte erzählt von Sehnsucht und Liebe, dem Mut zur Überwindung von Schranken und einer Welt voller Poesie nicht jenseits, sondern innerhalb der Alltagswelt. Doch Elsa Sophia von Kamphoevener, fantasievolle Schöpferin exotischer Geschichten und kreative Märchenerzählerin der Nachkriegszeit, hat den Grünen Nhous, wie alle ihre Märchen und Geschichten, in Arabien, der muslimischen Welt, angesiedelt. Die jüngste Tochter dieses Märchens, Sevgülah, die Vielgeliebte, wünscht nicht einmal mehr ein klinkesklankes Lowesblatt, eine Rose im Winter,  ein Löweneckerchen, keines von den seltsamen und so schwer zu bekommenden Dingen, die jedes Mal teuer bezahlt werden müssen. Nur, dass der "geliebte und verehrte Vater" froh und gesund zurückkehre, ist es, was die bescheidene Schöne begehrt. So banal und alltäglich dieser Wunsch ist, so fantastisch und ungewöhnlich ist das Schicksal, dass er dem jungen Mädchen einbringt. Ihr wohl geordnetes und behütetes Leben im üppig ausgestatteten Haushalt, dem Serail des wohlhabenden Vaters und die Existenz eines Elementargeistes, eines Wesens zwischen Himmel und Erde, bewegen sich aufeinander zu. Den wenn Elsa Sophia von Kamphoevener sich den Grünen Nhous auch erdacht haben mag, so lässt sich doch annehmen, dass er ein Dschinn ist, einer jener Geister aus der arabischen Mythologie, die zwischen der Welt der Menschen und der der Engel leben. In den Märchen aus 1001 Nacht erscheint er als Geist aus der Flasche oder aus Aladins Wunderlampe. Die Farbe Grün, die ihm in diesem Märchen zugeordnet ist, weist ihn als Geist des Wachsens und Werdens, von Anfang und Neubeginn aus. Es ist ein Ros entsprungen singen wir zur Weihnacht und meinen damit, dass ein Reis, ein Sproß, ein Schößling, etwas Neues, Grünes empor keimt, der grüne Geist des Frühlings mitten im Winter, wie er in den Märchen oft beschrieben wird, die auch unter dem Schnee Erdbeeren oder Rosen wachsen lassen. Wie jeder gute Geist benötigt aber auch der Geist der Erneuerung einen Menschen, in den er eingehen kann, der ihn aufnimmt und bewahrt. In der Verbindung der bodenständigen und liebevollen Schönen und des Luft und Wasser durchdringenden grünen Geistes wird eine neue Welt geboren. Eine Welt in der Ruhe und friedvolle Schöne zu Hause sind, so, wie uns auch unsere Weihnachtsgeschichte ein Kind in die Krippe legt, dass die Welt verändern wird, dessen Mutter eine kluge junge Frau und dessen Vater ein gütiger Geist ist. Vermittelt wird dieses unglaubliche Geschehen durch die Güte - die eines Vaters, der geben und loslassen kann, die eines rosenfarbenen Wolkengeistes, der schutzloses Leben schützt.

In diesem Sinne eine friedvolle und schöne Weihnacht und eine lebendigen Neubeginn in 2016!

Ricarda Lukas