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Die Schöne Fichte

Es war einmal ein reicher Bauer, der hatte drei Töchter. Zwei kluge und eine törichte. Der Vater fuhr mal in die Stadt zum Jahrmarkt, da sprachen die beiden Älteren: "Väterchen, kauf uns ein paar Galoschen." "Mir aber kauf eine Fichte!" bat die Törichte. Der Vater fuhr in die Stadt, besuchte den Jahrmarkt, und kehrte mit seinen Einkäufen heim; er brachte mit, was sie sich gewünscht hatten, den Älteren und Klugen - Galoschen, der Jüngsten, Törichten - eine kleine Fichte. Lachend sagte er: "Was willst du mit ihr, den Ofen heizen?" Die Tochter aber nahm die kleine Fichte, trug sie in den Garten und pflanzte sie ein. Tag und Nacht blieb die Törichte bei ihrem Bäumchen. Und so, wie die Fichte wuchs, wuchs auch die Törichte. Die klugen Schwester hatten ihre Galoschen längst zerschlissen, sie hängten die Reste im Garten auf, um Spatzen und Elstern zu schrecken, die Fichte der Törichten aber war zu einem schönen und schlanken Baum herangewachsen. Es war kein gewöhnlicher Baum. Klopfte man an, ging ein Türchen auf und man trat in ein Häuschen - da waren Truhen, und in den Truhen prächtige Gewänder, wie nur die Zarin sie trug. aber es wusste niemand davon, nur die Törichte allein. Unweit vom Dorf lebte ein Fürst. Sein Vater war gestorben, und der Fürst beschloss zu heiraten. Viele Länder und Reiche hatte er bereist, aber nirgends eine Braut nach seinem Geschmack gefunden. Der Fürst ließ viel Volk aus allen Dörfern und Flecken zu einem Mahl laden: "Vielleicht", dachte er sich, "wird meine Zukünftige unter den Geladenen sein." Die klugen Schwestern baten den Vater, hingehen zu dürfen, und machten sich schön. "Nehmt mich auch mit!" bat die Törichte. "Willst du etwas das Volk schrecken!" höhnten die Schwestern, ließen sie stehen und gingen allein. Da eilte die Törichte in den Garten zu ihrer Fichte, klopfte an - das Türchen ging auf und die törichte befand sich im Häuschen. Dort schmückte sie sich und gewandete sich so, dass sie nicht wiederzuerkennen war - einer Zarin gleich. Und als sie aus dem Häuschen trat und das Türchen sich schloss, kam wie aus heiterem Himmel eine Troika mit hellem Schellenklang angefahren. Die Törichte nahm Platz und fuhr zum Gastmahl des Fürsten. Viele schöne Mädchen hatten sich daselbst versammelt, die Schönste von allen aber war - die Törichte. Der Fürst wich nicht von ihrer Seite, bewirtete sie, doch konnte er nicht erfahren, wer sie war. Und niemand erkannte die Törichte, auch die Schwestern erkannten sie nicht; sie selbst aber gab sich niemanden zu erkennen. Da dachte der Fürst sich dieses aus: Bevor die Törichte aufbrach, ließ er die Schwelle mit Kirschleim bestreichen. Er selbst aber geleitete sie bis in den Flur. Und als die Törichte auf die Schwelle trat, ließ sie einen Schuh zurück. Tags darauf zogen die Diener des Fürsten in alle Dörfer, um zu erkunden, wer seinen Schuh beim Fürsten verloren habe. Und die Diener kamen auch in das Haus der Törichten. Die Befragten die klugen Schwestern, dann kam die Reihe an die Törichte - sie saß auf dem Ofen, abgerissen und Ruß befleckt. "Ist das Dein Schuh?" grinsten die Diener des Fürsten, auch die Schwestern lachten und der Vater. "Ja, er ist es" sagte die Törichte, stieg vom Ofen und eilte in den Garten. In ihrer Fichte schmückte und gewandete sie sich wieder wie eine Zarin und kehrte ins Haus zurück. Und alle vergingen schier vor Staunen. Wie schön sie ist - schön wie eine Fichte! Da kam auch der Fürst angefahren, man feierte Hochzeit, und die Törichte würde zur Fürstin. Und sie lebten glücklich und zufrieden, der junge Fürst und seine Fürstin.

aus: Alexej Remisow, Der goldene Kaftan - Russische Märchen, Zürich: Manesse 1981


Wie schön sie ist - schön wie eine Fichte!

Ein wenig erinnert das russische Märchen von der schönen Fichte an die Schöne und das Biest, ein wenig an Aschenputtel. Neben der törichten, in ihrem Herzen aber wohl sehr klugen Tochter steht im Mittelpunkt des Märchens eine Fichte, schlank und schön gewachsen im Äußeren, voller geheimnisvoller Dinge in ihrem Inneren. Ein solcher Schatz in der Fichte sind die ätherischen Öle, welche in den Nadeln, der Rinde, dem Harz der Fichte enthalten sind. Sie wirken desinfizierend, beruhigend und entspannend. So soll bereits der Anblick einer Fichte Ausgeglichenheit vermitteln, ihr Geruch weitet die Atemwege und lässt die Atmung tiefer und ruhiger werden. lAls Tee, als Badezugabe, Salbe oder auch als Fichtenwipferlsirup, Fichtenwipferlzucker wirken Fichtennadelextrakte daher lindernd und heilend bei Erkältungen, Muskel -und Gelenkerkrankungen, bei  Erschöpfungszuständen. So wie die schlanke biegsame Fichte sich nach einer Beugung wieder aufrichten kann, so richtet sie auch den Menschen wieder auf. Und, bei den Indianer heisst es, unter einer Fichte darf auch ein Mann weinen.
Die  alten Griechen stellten aus der Fichte Schiffe her und weihten sie folgerichtig ihrem  Meeresgott Poseidon. Stradivari baute aus ihr Geigen.  Im römischen Glauben und Brauchtum war die Fichte aufgrund ihrer hohen Wuchsgeschwindigkeit und Wachstumskraft ein Symbol für neues Leben und Hoffnung nach Trauer und Tod.  Diese Symbolik setzt sich in der Verwendung der Fichte sowohl als Maibaum, der nicht in allen Regionen eine Birke, sondern mitunter auch eine Fichte ist, und als Weihnachtsbaum fort – ein immergrünes  Zeichen für die Hoffnung auf Licht nach der Dunkelheit des Winters. In Märchen, in denen bekanntermaßen eher Begriffe als Namen verwendet werden, finden sich zwar häufig Bäume, viel seltener werden diese als konkret als Fichten benannt. Neben dem  russischen Märchen von Der schönen Fichte ist in dem slawischen Märchen Der Schmied Butec ein Fichtendreher der Helfer des Helden. Da Fichtenwäldern aber mitunter einen düsteren Eindruck vermitteln, so sollen auch die dunklen, tiefen Wälder in Das tapfere Schneiderlein und Hänsel und Gretel als Fichtenwälder gedacht worden sein, undurchdringliche Wälder, in denen Riesen und Hexen hausen. Im sibirischen Volksglauben aber siedelt der Waldalte in Fichtenwäldern, im baltischen die  Laume, die Schicksalsfrau und  so sitzt in dem baltischen Märchen Vom Igel, der die Königstochter zur Frau bekam folgerichtig der Igel auch unter einer Fichte. Und in den Alpen glaubte man in alter Zeit, dass in der Fichte eine freundliche Frau, eine Fee haust, die gute Frau Fichte, die gute Menschen beschenke, böse aber bestrafe. In einer dieser Geschichten will sie, als steinalte, bettelnde Greisin, die Gemüter der Menschen erforschen. Der Dienstmagd, die mit Frau Fichte ihr knappes Brot teilt, werden die Tränen über ihr Unglück zu Perlen. Dem hartherzigen Herrn gibt sie statt Reichtum Pferdeäpfel. Der frommen Magd aber, die diese wegtragen muss, werden diese zu Gold.

Ricarda Lukas