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Großmütterchen Immergrün

Es war einmal eine kranke Mutter, die hatte Herzweh nach Erdbeeren und schickte deshalb ihr beiden Kinder in das Holz, dass sie ihr welche suchten. Als der Korb voll war - keins hatte aber eine gegessen, so lieb hatten die Mutter -, da kam ein altes Mütterchen vorbei, das war ganz grün  angezogen und sprach zu ihnen: "Ich bin hungrig und kann mich nicht mehr bücken, so alt bin ich, schenkt mir ein paar Erdbeeren." Und sie erbarmten sich der alten Frau und schütteten ihr das Körbchen in den Schoß. Als sie darauf forteilten, um andere zu pflücken, rief das Mütterchen Immergrün sie zurück, nahm sie bei der Hand und sagte: "Nehmt die Erdbeeren nur wieder, ich finde schon noch welche." Sie dankten und eilten nach Hause. Als die Mutter die ersten Erdbeeren an die Lippen brachte, da war sie gesund. Das hatte Großmütterchen Immergrün getan. Und als die Kinder der Mutter die Geschichte erzählten, da dankte sie der holden Frau und freute sich der Kinder.
Kutter, Erni: Jahre, die uns geschenkt sind. patmos - Verlag 2016, mit freundlicher Genehmigung der Autorin. (= Variante 1)

Variante 2 von Großmütterchen Immergrün

Es war einmal eine kranke Mutter, die hatte Herzweh nach Erdbeeren und schickte deshalb ihre beiden Kinder ins Holz, daß sie ihr welche suchten. Als das Körbchen voll war, keins aber hatte eine gegeßen, so lieb hatten sie die Mutter; da kam ein altes Mütterchen daher, das war ganz grün angezogen und sprach zu ihnen: »Ich bin hungerig und kann mich nicht mehr bücken, so alt bin ich; schenkt mir ein paar Erdbeeren.« Und sie erbarmten sich der alten Frau und schütteten ihr das Körbchen in den Schoß. Als sie hierauf forteilten, um andere zu pflücken, rief das Mütterchen sie zurück, nahm sie bei der Hand und sagte: »Nehmet die Erdbeeren nur wieder, ich finde doch schon; und weil ihr ein so gutes Herz habt, schenke ich dir eine weiße und dir eine blaue Blume. Nehmet sie wohl in Acht, bringt ihnen alle Morgen frisches Waßer, und zanket nicht mit einander!« Sie dankten und eilten nach Hause. Als die Mutter die erste Erdbeere an die Lippen brachte, da war sie gesund, und das hatte Großmütterchen Immergrün gethan; und als die Kinder die Geschichte erzählten, da dankte sie der holden Frau und freute sich der Kinder, und so oft diese die Blumen ansahen, die immer frisch und lieblich waren, gedachten sie an das Wort: »Zanket nicht mit einander!« Eines Abends jedoch entzweiten sie sich und giengen friedlos zu Bette; und als sie am Morgen die Blumen tränken wollten, siehe! da waren diese kohlrabenschwarz. Da erschraken sie, nahmen sie traurig in die Hand und weinten viele, viele Thränen auf die Blumen; und siehe! die weiße wurde wieder weiß, die blaue wieder blau. Seit dem Tage haben sie immer Frieden mit einander gehalten, und die Mutter hat sie gesegnet im Leben und im Tode, und sind also die Blumen ein großer Schatz für sie geworden, und haben sie Großmütterchen Immergrün lieb gehabt bis an ihren Tod.

Quelle: Märchen und Sagen aus Hannover, Carl und Theodor Colshorn (Hg.) , Hannover 1854, Nr. 4, S. 17 - 18.


Das Grüne ist das Anfängliche, Ursprüngliche

Das erste Märchen des Jahres 2017 erscheint in doppelter Ausführung: zum Einen so, wie die Brüder Colshorn es 1854 in ihre Sammlung aufgenommenen haben. Die andere Variante hat Frau Kutter freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Ihre Fassung des Märchens bringt für mich die Kraft und Wirkung des Großmütterchen Immergrün, die Bedeutung des Grün für den Menschen deutlicher und klarer zum Ausdruck. Jedes neue Jahr beginnt ja, seit 153 v.u.Z., erst einmal mit dem Januar. Kälte, Wind, Eis, Schnee, schwarzgraue, blattlose Bäume und Sträucher bilden den Hintergrund für den ersten Monat. Unter den fahlen Farben des Januar, dem Weiß, Silber und Grau, liegt die Sehnsucht nach dem Grün. Grün leitet sich vom indogermanischen ghro - wachsen, sprießen - ab. Grün symbolisiert Wachstum und Anfang, wenn etwas grünt oder wächst, beginnt etwas Neues. Grün ist aber auch der Ursprung des Lebens, Grün ist die Vegetation der Erde. Alles Pflanzliche trägt diese Farbe und in ihr die Grundlagen alles Seins auf der Erde, Luft zum Atmen, Nahrung zum Wachsen und Gedeihen, Landschaften zum Gestalten, Bewohnen und Erleben. Großmütterchen Immergrün verkörpert diese grüne, sich stetig erneuernde Kraft der Erde, wie sie auch vom Großen Immergrün, einem Strauch, der Winter und Tod besiegen soll, symbolisiert wird. So bedeutet die Begegnung mit Großmütterchen Immergrün auch für die beiden Kinder im Märchen Wandel und Erneuerung. Aus einer Situation der Not, des Herzweh heraus, sind sie in das Holz, den kahlen Wald, geschickt worden. Dort aber bekommen sie vom Immergrün, die grüne Frau lässt sie mit den roten Beeren Nahrung und Heilung zu gleich finden - und dies sicher für Körper und Seele. "Als die Mutter die ersten Erdbeeren an die Lippen brachte, da war sie gesund." Der erste Schritt in das Jahr, in den eisigen Januar, ist gemacht - möge es ein grünendes und blühendes Jahr werden!

Ricarda Lukas