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Der hässliche Riese


Es war einmal ein Mann, der in einen großen Wald ritt. Er ritt und ritt; zuletzt erblickte er ein schönes Gebäude und davor viele große Bäume mit großen gelben Früchten. Schon lange hatte er sich eine solche Frucht gewünscht - darum pflückte er eine. Aber kaum hatte er die Frucht abgerissen, als ein abscheulicher Riese aus jenem Hause trat und schrie: „Du Schande der Menschen! Schämst du dich nicht, meine mit so viel Mühe aufgezogenen Früchte zu pflücken? Dass du erblinden möchtest! "Der Mann bat ihn um Verzeihung, und der Riese schrie: „Gut - ich schenke dir dein Leben und dein Augenlicht! Aber das Mädchen, das aus dieser Frucht herauskommt, musst du mir nach vierzehn Jahren hierher bringen, sonst hole ich sie und blende dich!"Der Mann ritt hierauf heim. Aus der Frucht aber stieg ein kleines Mädchen. Sie war sehr schön und lieblich. Der Mann und seine Frau freuten sich und hatten das Mädchen sehr lieb. Sie vergaßen jenes Versprechen und dachten, der Riese wäre gestorben. Doch ge­rade nach vierzehn Jahren ging das Mädchen in den Wald und pflückte Blätter. Auf einmal kam ein Riese auf sie zu und sagte: „Morgen soll dich dein Vater hierher bringen! "Sie hatte Angst und weinte, obwohl sie nichts von dem Vertrage wusste. Als sie alles dem Vater erzählte, erschrak er, und alle weinten. Aber das Mäd­chen sprach: „Gut - ich gehe hin, um zu sterben, denn er wird mich ganz gewiss töten!" Dann ging sie mit ihrem Vater in den Wald, und der Riese nahm sie auf seine Arme, die so groß waren wie Bäume, und trug sie fort. Der Vater aber musste heimgehen. Einst sagte der Riese zur Kleinen:

"Willst du mich heiraten?"
"Nein, du bist so hässlich!"

Da wurde er zornig und warf sie in die Schlangen­grube zu den sieben Schlangen. Aber sie sagte zu den Schlangen: „Ach, wie schön sind eure Kleider! Die Flecken am Hals leuchten so herrlich wie große Feueraugen. Ach, lasst mich bei euch schlafen!" Da freuten sich die sieben Schlangen und legten ihre Leiber in eine Reihe. Auf diese Weise entstand ein schönes, weiches Bett, auf dem das Mädchen schlief. Am Morgen kam der Riese, um die Schlangen zu füttern, und erblickte das Mädchen, wie es friedlich auf den großen Körpern der sieben bunten Schlangen schlief. Er ließ sie ausschlafen, und dann half er ihr aus der Schlangengrube.

Nachdem wieder einige Zeit vergangen war, sprach er zu ihr:

„Willst du mich jetzt heiraten?"
„Nein, du bist so ungeschlacht und hässlich!"

Der Riese ergrimmte und warf sie in das Meer zu den sieben Menschenhaien. Aber sie redete sie an und sagte: „Ach, wie schön sind eure Flossen und Schuppen!" Einer der Haie hatte aber keine Schuppen, da bewunderte sie seine schöne blaue Hautfarbe. Dann bat sie diese großen Tiere des Meeres, sie doch ein wenig ausruhen zu lassen, und die sieben Menschenhaie schwammen dicht aneinander und bildeten mit ihren Leibern ein großes weiches Bett. Und mit ihren Flossen deckten sie das Mädchen zu, um es vor der Sonne zu schützen. So schlummerte sie ruhig. Am nächsten Morgen kam der Riese ans Ufer, um die Haie zu füttern, deren Freund er war. Die Tiere schlugen die Flossen auseinander, und der Riese sah das Mädchen. Er ließ es ausschlafen, dann half er ihr an Land und trug sie in sein Haus.

Nach längerer Zeit fragte er sie wieder:

„Willst du meine Frau werden?“
„Nein, du hast eine so hässliche Stimme und bist so unendlich hässlich!“

Da wurde er sehr böse, und mit seinen Armen trug er sie in die Löwengrube, wo die sieben großen Löwen hausten. Diese hatten schon drei Tage kein Futter mehr erhalten und waren sehr hungrig. Das Mädchen streichelte sie und sagte: „Ach, wie weich und fein ist euer schönes Fell! Bitte, lasst mich eine Nacht bei euch schlafen!" Die Löwen rückten zusammen und bildeten mit ihren Körpern ein weiches Bett. Das Mädchen schlief ruhig, und als der Riese am Morgen kam, um die Löwen zu füttern, die seine Freunde waren, fand er das Mädchen in süßestem Schlummer. Er ließ sie ausschlafen und hob sie darauf aus der Löwengrube.

Nachdem wieder einige Zeit verstrichen war, sprach zu ihr der hässliche Riese:

„Willst du mich nun endlich heiraten?"

Das Mädchen hatte sich nun fast an den unschönen Riesen gewöhnt, und da er ihr so oft gar liebe und freundliche Worte sagte, so erwiderte sie diesmal: „Ja, ich will dich heiraten - ich finde, Dass du gar nicht so sehr hässlich bist!“

Kaum hatte sie das gesagt, so fiel der Riese zu Boden. Sie weinte und schrie: „Hilfe, Hilfe! Mein armer Riese stirbt!" Aber während sie weinte und sich die Augen zuhielt, hatte sich der Riese in einen schönen jungen Prinzen verwandelt. Er war nämlich von einer bösen Fee verhext und in die Gestalt eines hässlichen Riesen verzaubert worden, weil er sie einmal verspot­tet hatte. Und die böse Frau hatte gesagt: „Du wirst so lange ein ekelhafter Riese sein, bis ein Mädchen dich liebt, dem weder Schlangen noch Haifische, noch Löwen nach dem Leben trachten!" Nun war dieses Mädchen endlich gekommen!

Sie heirateten dann und bekamen sieben Kinder.

Ilg, Bertha: "Maltesische Märchen und Schwänke", Bd. 1, Leipzig 1906.