header_start_900px_neu

Filipka

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten keine Kinder. Die Frau klagte: „Kein Kind, um es in der Wiege zu schaukeln, kein Kind, um es ans Herz mir zu drücken.“ Da ging der Mann in den Wald, hackte einen Erlenscheit, brachte ihn der Frau und meinte: „Tu ihn in die Wiege und schaukle.“ Die Frau tat, wie der Mann ihr geheißen, legte das Stück Holz in die Wiege, schaukelte es hin und her und sang:
"Schlaf mein Söhnchen, schlaf ein,
Deine weißen Schulterchen klein,
Deine dunklen Äugelchen mach zu,
Die Mutter schaukelt Dich zur Ruh.“
Und sie schaukelte die Wiege einen ganzen Tag von morgens bis abends, dann noch einen zweiten. Am dritten Tag aber, also sie in die Wiege schaute, lag anstelle des Holzstücks ein kleiner Junge in der Wiege. Da waren die Frau und der Mann glücklich und froh. Sie nannten den Jungen Filipka und behandelten ihn von nun an, wie einen eigenen Sohn. Filipka wuchs heran. Eines Tages sprach er zu seinem Vater: „Mach mir einen goldenen Kahn und ein silbernes Ruder, ich möchte Fische fangen.“ Der Vater machte ihm den Kahn und das Ruder und schickte ihn zum Fische fangen auf den See. Filipka saß nun da mit seiner Angel und fischte und fischte. Es gefiel ihm so gut, dass er gar nicht mehr aufhören wollte. Bis in die Nacht angelte er und fing einen Fisch nach dem anderen. Die Mutter brachte ihm Essen. Als sie am See war, rief sie
„Filipka, komm ans Ufer geschwind,
Hab Essen für Dich, mein liebes Kind.“
Da ruderte Filipka ans Ufer, gab der Mutter die gefangenen Fische, aß eine Kleinigkeit und fuhr gleich wieder auf den See hinaus. Da hörte die böse alte Hexe Baba Jaga von dem glücklichen Fischerjungen und schlich zu dem See, als seine Mutter ihn wieder Essen brachte. Sie holte einen Schürhaken und einen großen Sack, humpelte auf ihren knorrigen Beinen zum See und rief:
„Filipka, komm ans Ufer geschwind,
Hab Essen für Dich, mein liebes Kind.“
Der Junge dachte, es sei seine Mutter und ruderte zum Ufer. Baba Jaga fasste das Boot mit ihrem Hacken, zog es an Land, packte Filipka und steckte ihn in ihren Sack. Sie warf den Sack über ihre Schulter und schleppte ihn heimwärts. Doch es war ein weiter Weg und der Junge eine schwere Last. So wurde Baba Jaga schon bald sehr müde und musste sich hinsetzen, um ein wenig zu verschnaufen. So müde war sie, dass sie, kaum war sie zur Ruhe gekommen, schon bald kurz einnickte. Da schlüpfte Filipka schnell aus dem Sack, legte ein paar schwere Steine hinein und rannte zurück zum See. Kurz darauf wachte Baba Jaga wieder auf, nahm den Sack mit den Steinen auf die Schulter und trug ihn laut ächzend nach Hause. Dort sagte sie zu ihrer Tochter: „Brat mir zum Mittagessen den Fischersjungen hier.“ Sie leerte den Sack, doch statt des Jungen fielen lauter Steine heraus. Da wurde Baba Jaga sehr wütend. Sie schrie, dass das ganze Hexenhaus wackelte: „Mich so hinters Licht zu führen! Dir werde ich´s noch zeigen, Fischersjunge!“ Wie der Wind rannte sie zurück zum See und rief wieder:
„Filipka, komm ans Ufer geschwind,
Hab Essen für Dich, mein liebes Kind.“
Doch Filipka erkannte dieses Mal Baba Jagas Stimme.
„Nein, dies ist nicht meiner Mutter Stimme,
Denn die ist lieblich, fein und voll der Sinne.“
Und so rief die Hexe und rief vergebens. Filipka kam nicht mehr ans Ufer. Na schön, dachte die Hexe, muss ich mir wohl eine feinere Stimme zulegen. Sie lief zum Schmied und sprach: „Schmied, lieber Schmied, schlag mir meine Zunge dünner!“ "Wenn Du willst“ meinte der Schmied „kann ich machen, leg sie bloß auf dem Amboss.“ Baba Jaga legte ihre Zunge auf den Amboss und der Schmied begann, sie mit seinem Hammer zurecht zu schmieden. Er schmiedete sie so lange, bis sie dünn wie ein Blatt war. Dann lief Baba Jaga zurück zum See und ruft mit ihrer neuen feinen Stimme:
„Filipka, komm ans Ufer geschwind,
Hab Essen für Dich, mein liebes Kind.“
Jetzt dachte Filipka, es wäre doch wieder seine Mutter und ruderte ans Ufer. Kaum angekommen, wurde er gleich wieder von der Hexe in den Sack gesteckt. „Jetzt wirst Du mir nicht mehr entkommen!“ freute sie sich und trug den Sack auf schnellsten Weg in ihr Hexenhaus. Dort angekommen, holte sie Filipka aus dem Sack und sagte zu ihrer Tochter: „Da ist der Betrüger! Heiz den Ofen und brat ihn gut durch. Bis zur Mittagszeit muss er fertig sein!“ Dann verließ sie das Haus und ließ ihre Tochter mit Filipka alleine zurück. Die Tochter heizte den Ofen, nahm die Ofenschaufel und ging zu Filipka. "Leg Dich auf die Schaufel, ich will Dich in den Ofen stecken!“ Phillip legte sich darauf, streckte aber die Beine in die Höhe. „Nicht so“, meinte die Hexentochter, „so passt Du nicht hinein!“. Da nahm Filipka die Beine herunter und ließ sie von der Schaufel baumeln. „Nein, so auch nicht!“ schrie die Tochter Baba Jagas. „Wie denn?“ fragte Filipka. „Zeig es mir doch bitte!“ „Mein Gott, bist du dumm!“ schimpfte die Tochter der Hexe, „komm, ich zeig´s dir!“ Sie legte sich auf die Schaufel und streckte sich flach aus. Wie der Wind nahm Filipka die Schaufel mit ihr und schob sie in den Ofen. Er schloss die Ofentür und verriegelte sie mit einem Stößel, damit die Tochter nicht mehr heraus kam. Gerade hatte er das Hexenhaus verlassen, sah er Baba Jaga zurück zur Hütte kommen. Er hatte gerade noch Zeit, auf einen hohen Baum zu springen und versteckte sich in seinen Ästen. Die Hexe ging in die Küche. Als sie den Duft von gebratenem Fleisch wahrnahm, lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Sie nahm den Braten aus dem Ofen, aß sich satt, warf die Knochen nach draußen und wälzte sich auf ihnen herum. Da bei sprach sie: "Ich rolle mich und drehe mich. Filipkas Fleisch verzehrte ich.“ Da rief Filipka vom Baum. "Roll´ dich nur und drehe dich. Deine Tochter aßest Du, nicht mich.“
Als die Hexe das hörte, wurde sie schwarz vor Ärger. Sie ging zum Baum und fing an in den Stamm zu beißen. Aber dieser war zu dick und der Baum blieb stehen. So lief die alte Jaga wieder zum Schmied.
„Schmied, lieber Schmied, mach mir eine Axt, sonst fress ich deine Kinder!“ Da bekam der Schmied Angst und machte ihr die Axt. Baba Jaga lief zurück zum Baum und fing an, auf ihn einzuhacken. Da rief Filipka vom Baum: "Nicht in den Stamm, hau auf den Stein!“ Da meinte die Hexe ärgerlich: „Nicht in den Stein, ich haue den Stamm!“ Aber Filipka meinte erneut: „Nicht in den Stamm, hau auf den Stein!“ Und mit einem mal rutschte die Axt ab, schlug auf einen großen Stein und wurde mit einem mal stumpf und schartig. Die Hexe war außer sich vor Wut. Sie kreischte, nahm die Axt und ging wieder zum Schmied. Da merkte Filipka, dass der Baum schon ganz wackelig war. Die Hexe hatte schon so viel vom Stamm durchgehackt, dass er schnell herunter musste, bevor es zu spät war. Am Himmel flog ein Schwarm Wildgänse, Filipka rief ihnen zu: "Liebe Gänse, werft mir jede eine Feder hinunter. Ich flieg mit euch heim und dort werdet ihr belohnt!“ Da warf jede Gans eine Feder herunter, aber es reichte nur für einen halben Flügel für Filipka. Da kam ein zweiter Schwarm angeflogen und Filipka rief wieder: „Liebe Gänse, werft mir jede eine Feder hinunter. Ich flieg mit euch heim und dort werdet ihr belohnt!“ Und wieder erhielt er von jeder Gans eine Feder. Später flogen noch zwei Schwärme vorbei, warfen Federn herunter und so hatte Filipka genug für zwei Flügel zusammen. Er fertigte sie und flog damit den Gänsen hinterher. Da kam die Hexe zurück vom Schmied und hackte wie eine Wilde auf den Baum ein, auf dem Filipka gesessen hatte. Sie hieb und hieb und – bumm – fiel der Baum um, ihr direkt auf den Kopf. Filipka aber flog mit den Gänsen nach Hause. Vater und Mutter waren überglücklich, dass sie ihn wieder hatten. Sie fütterten die Gänse, bereiteten ein festliches Mahl und damit ist unser Märchen zu Ende.

(Russisches Volksgut gemeinfrei)