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Der Eibenforst

In Mathavarn, Kirchspiel Llanwrin im Cantref Cyveillioc ist ein Wald, welcher der Eibenforst heißt; wahrscheinlich, weil grad in seiner Mitte ein Eibenbaum steht. An einigen Plätzen dieses Waldes sind grüne Kreiße auf dem Boden, welche das Volk: Feentanzplätze nennt und von denen Folgendes Mabinogi (Märchen) geht: Zwei Knechte John Pugh's gingen eines Tages aus, um in dem Eibenforst zu arbeiten. Schon ziemlich früh am Nachmittage war die ganze Gegend so mit dunklen Wolken bedeckt, dass die Burschen dachten, es wäre Nacht geworden. Aber als sie in die Mitte des Waldes und an den Eibenbaum kamen, flammte und hellte es sich um sie wieder auf, und das Dunkel schwand hinter ihnen. Da sie nun dachten, es sei doch noch zu früh, um schon nach Hause zu gehn, so legten sie sich da nieder und schliefen ein. Endlich wachte der Eine von den Beiden wieder auf, – aber wie staunte er, da sein Kamerad nicht mehr an seiner Seite lag! Zuerst ärgerte er sich darüber, dass dieser, ohne ihm ein Wort zu sagen, sich fortbegeben hatte; dann aber dachte er sich, er sei wohl zum Schuhflicker gegangen, weil er ihm schon am Morgen gesagt habe, er hätte Etwas bei dem zu tun. Das sagte er auch zu Haus, als sie ihn nach dem andren Knecht fragten. Als derselbe nun aber gar nicht wiederkommen wollte, und auch am andren Tag noch fehlte, so musste er endlich erzählen, wie und wo Beide geschlafen hätten. Nachdem sie lange vergeblich gesucht hatten, ging er endlich zu einem weisen Manne, der ihm Folgendes anriet: »Geh,« sagte er, »an denselben Platz, wo Du mit Deinem Kameraden geschlafen hast. Geh genau ein Jahr nach dem Tage hin, an welchem Du ihn verloren hast, aber es muss genau derselbe Tag und dieselbe Stunde sein. Nimm Dich dabei in Acht, dass Du nicht in den Feenring trittst, sondern stelle Dich auf den Rand der grünen Kreiße, die Du da siehst. Dein Kamerad wird mit vielen Feen zum Tanzen dorthin kommen, und wenn er Dir so nahe ist, dass Du ihn greifen kannst, dann zieh ihn so rasch wie möglich aus dem Ring heraus.« Dieser tat, wie ihm geheißen war, zog den Burschen heraus und fragte ihn: ob er nicht hungrig wäre? Dieser sagte: »Nein!« Er hatte noch die Überreste des Essens, welche er in seinem Quersack gelassen hatte, ehe er eingeschlafen war. Dann fragte er: ob es noch nicht bald Nacht und Zeit sei, nach Hause zu gehn? Denn er wußte nicht, dass schon ein Jahr vergangen sei. Aber er sah so bleich aus, wie eine Leiche, und sobald er den ersten Bissen zu sich nahm, fiel er hin und war tot.

Von diesem Zauberwalde geht auch folgender Vers: Willst zum Eibenforst Du gehn, Sieh nicht um Dich, bleib' nicht stehn. Hüt' den Fuß auch vor den Ringen, Wo die Feen im Grase springen!

Quelle: Rodenberg, Julius: Ein Herbst in Wales. Land und Leute, Märchen und Lieder. Hannover: Rümpler, 1857, S. 122-125.


Die  Eibe –  Baum des Todes und des ewigen Lebens.

Der immergrüne Nadelbaum mit den dunkelgrünen, glänzenden Nadeln und den hellroten Früchten, Taxus baccata, die germanische eihwaz und althochdeutsche iwa wurde bereits von den Germanen, Kelten und Römer als zwiegestaltiges magisches Gewächs aufgefasst. Giftig in all seinen Bestandteilen ist die Eibe der Baum des Todes. Das außerordentlich stabile und biegsame Eibenholz eignet sich ebenso für den Bau von Bogenwaffen als auch von Zauberstäben, der Zauberstab des dunklen Lord Voldemort (Harry Potter) ist aus Eibenholz. Aus Eibennadeln wurden sowohl Pfeilgifte als auch Abwehrmittel gegen bösen Zauber und Bestandteile von Hexenflugsalben gemischt. Nach alten Volksglauben steigen durch die Wurzeln der Eibe die Seelen der Toten in die Baumwipfel und werden von dort auf den Schwingen der Vögel in den Himmel geleitet. Folgerichtig ist die Eibe, deren germanischer Name eihwaz auch gleichzeitig die Todesrune der Germanen ist, häufig auf Friedhöfen zu finden. Aber die Eibe ist auch ein widerstandsfähiger Baum, beschnitten oder beschädigt treibt er kräftig und dicht wieder aus. Er ist der Baum des ewigen Lebens und so wurde das aus der Eibe gewonnen Alkaloid Taxin als Gegenmittel (Antidot) gegen die tödlichen Krankheit Tollwut eingesetzt und wird in der modernen Medizin gegen die ebenfalls tödliche Krankheit Krebs angewandt.
 „Jeder der unter einer Eibe einschläft, ist des Todes“ (Hieronymus Bock, Kräuterbuch) – an warmen Tagen entströmen der Eibe gasförmige Substanzen, welche keinen Todesschlaf, wohl aber einen von Halluzinationen begleiteten Rauschschlaf hervorrufen können. Und dann träumt es dem Schläfer vielleicht von Naoise, dem schönen und tapferen irischen Krieger, mit Haaren so schwarz wie eine Rabe, Wangen so rot wie Blut, einer Haut so weiß wie Schnee und dessen unglücklicher Liebe zur schönen Deidre, der Ziehtochter König Conchbars von Ulster. Von Deidre und Naoise wird erzählt, dass sie erst im Tode in Frieden beieinander sein konnten. Aus ihren toten Körpern wuchsen Eiben, welche sich zueinander neigten und sich liebend berührten. (Deidre und Naoise, Mythos aus Irland)

Ricarda Lukas