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Der verschwundene Frosch

Es war einmal ein Kaufmann; der hatte drei Töchter, seine Frau aber war beim lieben Gott. Einst wollte er über das Weltmeer nach einem fremden Lande, um Gold und andere kostbare Sachen zu holen, und er tröstete die weinenden Kinder und sagte: "Ich bringe euch auch was Schönes mit! Was wünscht ihr euch?" Die älteste bat um ein seidenes Kleid: "Es muss aber von dreierlei Seide sein."Die zweite wünschte sich einen Federhut: "Er muss aber dreierlei Federn haben."Die jüngste endlich sagte: "Mir bring eine Rose mit, lieber Vater; sie muss aber frisch und von dreierlei Farbe sein." Der Kaufmann versprach es, küsste die Töchter und reiste weg. Nachdem er in dem fremden Lande angekommen war, bestellte er für seine älteste Tochter das Kleid von dreierlei Seide, für die zweite den Hut mit dreierlei Federn, und beides war bald fertig und von seltener Pracht. Nun sandte er auch Boten aus durch dasselbige ganze Land, um für seine jüngste und liebste Tochter die dreifarbige Rose zu suchen; doch alle kamen mit leerer Hand zurück, obgleich der Kaufmann viel Gold ausgelobt hatte, und obgleich es dort mehr Rosen gab, als Gänseblümchen bei uns. Traurig fuhr er wieder heim und war die ganze Reise missmutig. Da kam er diesseit des Weltmeers an einem grossen Garten vorbei, in dem gab es nichts als lauter Rosen und Rosen. Er ging hinein und suchte, und siehe! auf einem schlanken Strauche mitten im Garten sass die dreifarbige Rose. Voller Freude brach er sie und wollte wieder zurück. Da aber war er festgebannt, und eine Stimme hinter ihm rief: "Was willst du in meinem Garten?" Er sah hin, und ein grosser Frosch sass dort am Ufer eines klaren Teiches, stierte ihn an mit seinen Glotzaugen und sagte: "Du hast meine liebe Rose gebrochen und bist dafür dem Tode verfallen, es wäre denn, dass du mir deine jüngste Tochter zur Frau gäbest." Der Kaufmann erschrak und bat und flehte. Es war aber alles vergebens, und so musste er sich endlich entschliessen, seine liebste Tochter dem hässlichen Frosch zu verloben. Da waren seine Füsse gelöst, und er wanderte frei aus dem Garten. Der Frosch aber rief ihm noch nach: "In sieben Tagen hole ich meine Gemahlin!" Das war ein Herzeleid, als der Kaufmann der jüngsten Tochter die frische Rose gab und dabei den Vorfall erzählte! Und als der schreckliche Tag kam, kroch sie unter ihr Bett, denn sie wollte und wollte nicht mit. Um die Mittagsstunde aber kam ein stattlicher Wagen vorgefahren; und der Frosch schickte seine Diener ins Haus, die gingen stracks in die Kammer, holten die schreiende Jungfrau unter dem Bett hervor und trugen sie in den Wagen. Die Rosse sprangen davon, und in kurzer Zeit waren sie in dem blühenden Rosengarten. Mitten im Garten, dicht hinter dem klaren Teiche, stand ein kleines Haus; die Braut wurde ins Haus gebracht und auf ein weiches Bett gelegt, der Frosch aber sprang ins Wasser. Als es dunkel wurde, und die Jungfrau aus ihrer Ohnmacht erwachte, hörte sie, wie der Frosch draussen im Teiche wundersüsse Weisen sang; und je näher Mitternacht kam, desto lieblicher sang er, und immer näher und näher kam es heran. Um Mitternacht öffnete sich die Kammertür, und der Frosch hüpfte auf ihr Bett. Er hatte aber ihr Herz gerührt mit seinen süssen Liedern, und sie nahm ihn mit ins Bett und deckte ihn warm zu. Und am andern Morgen, als sie die Augen öffnete, siehe! da war der hässliche Frosch der schönste Königssohn von der Welt; und er dankte ihr herzlich und sagte: "Du hast mich erlöst und bist nun meine Gemahlin!" Da haben sie lange glücklich mit einander gelebt.

Carl und Theodor Colshorn: Märchen und Sagen. Hannover 1854, Nr. 42. (AT 425C, 440; Deutschland, Platendorf und Hannover)


„Es war aber alles vergebens,

und so musste er sich endlich entschließen, seine liebste Tochter dem hässlichen Frosch zu verloben.“ Der Kaufmann aus dem Märchen Der verwunschene Frosch, ebenfalls ein Märchen des Typs ATU 425C, war eigentlich ausgezogen, das Schöne zu finden, schimmernde Seide, filigrane Federn, Anmut und Duft der Rosen. Und dies alles in vielfältiger Form, nicht einfach, nein, jeweils von dreierlei Art sollten die Dinge sein. Es sind große Erwartungen, erhebliche Ansprüche, die der Kaufmann, der liebende Vater dreier Töchter, auch diese offensichtlich vielfältig in ihrer Art, mitnimmt auf seine Reise. Anfangs scheint alles gut zu gehen, die schönen, ansprüchlichen Sachen sind leicht zu beschaffen, Kleid und Hut sind bald fertig und von seltener Pracht. Nur mit der Rose für die jüngste und liebste Tochter will es nicht klappen, der Kaufman muss viel aufwenden und als sich die große Mühe zu lohnen scheint, die Rose gefunden ist, steht er dem Hässlichen gegenüber, ein großer Frosch stiert ihn mit Glotzaugen an. Als Hässlich wird oft das empfunden, was fremd und unvertraut ist, in diesem Sinne als unheimlich und oft auch feindlich erlebt wird. Damit steht es im Gegensatz zu dem als anheimelnd, vertraut und gewohnt erlebten. So geht es auch dem Kaufmann, er ist weit von seiner Heimat, dem Vertrauten, weg in die Fremde gereist und begegnet dort etwas Fremden und Unheimlichen. „Ein gefühl des widerwillens erregend, unlieblich, namentlich von körperlicher gestalt eines menschen“ schrieben die Brüder Grimm in ihrem Deutschen Wörterbuch über die Hässlichkeit und genau diesen Widerwillen erregt der Frosch auch bei dem Vater der schönen Tochter, letztlich dann auch bei dieser. Mit Händen und Füßen wehren sich beide gegen die Begegnung mit dem unheimlichen Frosch und dies ist nicht verwunderlich, reißt das Hässliche, Unheimliche doch den Menschen aus Alltag, Gewohnheit, Idealisierung, konfrontiert ihn mit einer anderen Wirklichkeit und zwingt ihn so zu Veränderung. Dies aber fällt Menschen und mitunter auch Märchenhelden schwer. Im Märchen ist es nun aber so, dass der Held seinen Weg gehen muss und so gelangt auch die Jüngste und Schönste in das Schloss des Ungeheuers. Nach und nach erobert dieses das Herz der Schönen, die Brücke dazu ist in diesem Märchen, wie auch im Eselein, die Musik, den mit seinen süssen Liedern hatte der Frosch ihr Herz gerührt und erscheint nun immer weniger hässlich. „Obgleich seiner Form nach mißfällig, kann der häßliche Gegenstand doch in andern Hinsichten Interesse einflößen: z. B. (durch) den sichtbare Widerstreit zwischen dem abstoßenden Äußern und dem anziehenden, ja fesselnden Innern“ so Meyers Konversationslexikon 1895. Oder, anders ausgedrückt, es ist etwas Verbindendes, Gemeinsames entstanden und es hilft beiden, entsprechend der kathartischen Wirkung, die Aristoteles dem Hässlichen zuspricht, ein Stück weiter zu kommen. Die Schöne findet aus ihrem Elternhaus hinaus in ein eigenes Lebensumfeld, das Tier wandelt seine abstoßende und fremde Gestalt in eine angenehme und annehmbare. Worauf sie beide lange und glücklich miteinander leben, wie es sich für ein Märchen gehört.

Ricarda Lukas