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Die alte Frick

Es waren einmal ein Paar arme Kinder, Bruder und Schwester, die gingen in den Wald, um Beeren zu suchen, und kamen dabei immer weiter und weiter vom Wege ab, und als sie nun heimkehren wollten, konnten sie nicht wieder nach Haus finden. Da waren sie gar traurig und betrübt und liefen bald hierhin bald dorthin, ob sie nicht einen Menschen fänden, der sie auf den richtigen Weg brächte, aber nirgend war einer zu sehen oder zu hören. Endlich kamen sie tief im Walde an eine Tür, welche zu einer unterirdischen Höhle führte, da klopften sie an und heraus trat die alte Frick: das war eine gewaltige Zauberin und Menschenfresserin, und als sie die Kleinen erblickte, führte sie dieselben in ihre Höhle, wo sie das Brüderchen in einen Stall sperrte, indem sie sagte: »du sollst mir fett werden, dann will ich dich fressen.« Das Mädchen aber behielt sie um sich, die sollte ihr in der Wirtschaft behilflich sein. Da war nun die Kleine gar betrübt, dass ihr armes Brüderchen sterben sollte und sie sann Tag und Nacht, wie sie sich aus den Händen der wilden Alten retten könnten, bis sie endlich einen Weg dazu ausfindig machte. Sie hatte nämlich bemerkt, dass die alte Frick in einer großen Tasche, die sie am Gürtel trug, ein Stäbchen bewahrte; mit dem brauchte sie nur durch die Luft zu streichen, und sich etwas zu wünschen, so war's auch gleich da. Diese Tasche mit dem Stäbchen legte die Alte aber nie ab, und so musste die Kleine denn warten, bis die Alte sich einmal nach der Mahlzeit zum Schlaf niedergelegt hatte, und als sie nun endlich so recht fest schlief, da holte sie schnell eine Schere herbei, und schnitt ihr, ohne dass sie es merkte, die Tasche mit dem Stäbchen ab. Schnell nahm sie darauf die Tasche und schlich sich ganz leise leise zur Türe hinaus; draußen aber ging sie sogleich zum Stall, in welchem das Brüderchen schmachtete, hielt das Stäbchen an die Schlösser und Riegel, welche die Alte vor die Tür gelegt, da sprangen sie auf und das Brüderchen war frei. Nun liefen sie eilig davon, und waren auch schon eine weite weite Strecke fort, da erwachte die Frick erst. Sogleich aber vermisste sie ihre Tasche und sah, dass die Kinder entflohen waren; da machte sie sich schnell auf und eilte hinter die Kleinen her; bald war sie ihnen auch schon ganz nahe, und als sich das Brüderchen einmal umsah, ob die Alte auch nicht käme, da erblickte er sie schon in ganz kleiner Entfernung hinter sich. Sie waren aber grade an einem großen See, darum nahm das Schwesterchen schnell das Stäbchen aus der Tasche hervor, strich mit ihm durch die Luft und wünschte, dass sie in eine Ente, das Brüderchen aber in einen Erpel verwandelt würden, und sogleich schwammen sie lustig auf dem Wasser dahin. Die Alte war indes herangekommen, und lief wütend am Ufer des Sees auf und ab, denn so groß sie auch war, konnte sie die Kleinen doch weder mit den Händen greifen, noch zu ihnen hindurch waten. Endlich aber warf sie sich am See nieder und begann ihn auszutrinken; da schlürfte sie das Wasser in langen Zügen hinunter, und immer enger und enger ward der Raum, auf dem die Enten umher schwimmen konnten, und immer gewaltiger schwoll der Leib der Alten auf. Schon konnten sie ihr wildes Antlitz ganz nahe sehen, da tat sie noch einen gewaltigen Zug, und im selben Augenblick war sie geplatzt und stand nimmer wieder auf. Nun schwammen Brüderchen und Schwesterchen lustig ans Ufer, die Kleine nahm das Stäbchen hervor und wünschte, dass sie ihre früheren Gestalten wiederbekämen, und dass sie den richtigen Weg zu ihren Eltern finden möchten, und alles, was sie wünschte, geschah, sie kamen glücklich zu ihren Eltern zurück und wurden reiche Leute, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Adalbert Kuhn / W. Schwartz: Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg, Pommern, der Mark, Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Westfalen. Leipzig 1848, S. 319-321.


... heraus trat die alte Frick: das war eine gewaltige Zauberin und Menschenfresserin, ...

Als Hexe wird die Alte in diesem Märchen, die Zauberin und Menschenfresserin, nicht direkt bezeichnet, trotzdem lässt sich sicher mit Fug und Rechte sagen, dass sie eine solche ist. Tief im Wald lebt sie, einen Zauberstab besitzt sie, ihr Antlitz ist wild und Menschen fügt sie Schaden zu, eine richtige Märchenhexe also. In ihre Nähe sollte man, so, wie es den beiden Kindern passiert, lieber nicht kommen. Ihr Name jedoch, alte Frick, legt eine Spur zurück in die Vergangenheit, in das Mittelalter, zu einer damals weit verbreiteten Gestalt der Volkssagen und Volksglauben. Ihr Name ist in verschiedenen Regionen unterschiedlich, mal heisst sie Holle oder Hulda, mal Berchta oder Perchte, mal Gode, Harke oder eben Frick. Sie wird mit der Fruchtbarkeit der Felder und Gärten und dem Gedeihen der Tiere, mit häuslichen Wirken, insbesondere dem Spinnen und Weben, aber auch mit dem Schicksal der Menschen in Verbindung gebracht. Mal tritt sie als junge Schöne, mal als gütige Frau auf, die die Fleißigen belohnt und die Faulen bestraft, oft aber auch als gefährliche Alte, die Schaden und Verderben bringt und in der Zeit zwischen den Jahren, den Raunächten, mit dem Geisterheer zieht. Hinter der Holle, Perchte, Frick tauchen aber unter Umständen noch andere mächtige Frauen aus dem Dunkel der Geschichte, die alte germanische Göttin Frigg vielleicht, Göttin des Ackerbaus, der Ehe und der Mutterschaft, Hüterin des Herdes und des Hauswesen, aber auch, gemeinsam mit ihrem Gatten Odin, Teil der Wilden Jagd (wie Jakob Grimm das raunächtliche Geisterheer nannte). Auf die Dreizahl der Schicksalsgöttinnen, der Faten (wovon sich Fee ableitet), Moiren, Parzen, Nornen, weißt das Spinnen, aber auch Gabe, Einfluss auf das Leben der Menschen zu nehmen. Ebenso wie die Faten zeigen sich die Hulden und Fricken in dreierlei Gestalt, als junge Weiße, die das Leben gibt, als mütterliche Rote, die es nährt und als schwarze Alte, die das Leben abschneidet. In den Märchen finden wir sie alle wieder, die schöne junge Fee, die Wünsche erfüllt, die gute Frau, die Schutz und Gaben gewährt, aber auch die bedrohliche Alte, die Hexe eben, die alte Frick, der es zu entkommen gilt. Dies gelingt dem Jungen und dem Mädchen in dem Märchen ja auch „und alles, was sie wünschte, geschah, sie kamen glücklich zu ihren Eltern zurück und wurden reiche Leute, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ wie Adalbert Kuhn und Wilhelm Schwartz uns wissen lassen.

Ricarda Lukas