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Manu, aus der Sintflut gerettet

Brahma, der Vater aller Wesen, Urzeuger allen Seins, hatte sich zur Ruhe begeben. Noch in tiefem Schlaf aber entströmten seinen Lippen die heiligen Zauberworte der Weda. Diese sich anzueignen, schlichen lauschend Dämonen heran, und mit so Gestohlenem stifteten sie bald großes Unheil an. Der Erwachende beschloss darum, eine gewaltige Flut über die Welt zu ergießen, um sie von den Übeln zu reinigen.

Auf der Erde aber lebte der weise und fromme Manu, ein König und Lenker der Menschen. Zur Läuterung seiner Seele übte er strenge Entsagung: er stand am Gestade des Meeres auf einem Fuß, mit emporgehobenen Armen und den Blick unentwegt nach einem fernen Punkt gerichtet. Dabei verging Jahr um Jahr.

Als er so stand, schwamm eines Tages ein kleiner Fisch an das Ufer heran. Und wie ein Wunder war es - Manu vernahm, was der Fisch sprach: »Großer König«, begann er, »siehe, ich bin verfolgt. Denn im Meere frisst der Fisch den Fisch, und nirgends sind die Kleinen vor den Großen sicher. Rette mich, du Gerechter, damit ich dereinst dich retten kann.« Manu sagte: »Wie könnte ich dich retten?« Der Fisch antwortete: »Hebe mich aus diesem Wasser.« Manu empfand Mitleid mit dem Fischlein, er hob ihn behutsam aus dem Meer auf den muschelbesäten Strand. Dann tat er ihn in eine mit Wasser gefüllte Schale, und diese begann sogleich einen milden Schein zu verbreiten, als sei sie auf einmal voller Mondlicht.

Der Fisch fing an zu wachsen, und bald wurde ihm die Schale zu eng. Manu gab ihm ein größeres Gefäß, doch nach kurzer Zeit war der Fisch auch diesem entwachsen. Immer größere Gefäße waren nötig, um den Fisch zu bergen, und zuletzt musste er in einen Teich versetzt werden. Auch da wuchs er immer weiter und wurde Tag für Tag schöner. Seine Augen glichen Lotosblumen, und dem Leib, der wie Perlmutter schimmerte, entströmte Wohlgeruch. Es dauerte nicht lange, da reichte auch der Teich dem Fisch nicht aus, und Manu muste ihn zum breit dahinziehenden Fluss tragen. So groß der Fisch jetzt schien, so federleicht war sein Gewicht. Des Fisches Wachsen hörte aber im Fluss nicht auf, und am Ende musste Manu ihn zum Meere zurückbringen.

In all dieser Zeit war der Fisch stumm geblieben. Doch jetzt, als die salzigen Wellen ihn umspülten, hob er zu reden an. Und dies waren seine Worte: »Gefunden hast du, frommer Mann, wonach du deinen Blick gerichtet, und bestanden ist deine lange Prüfung. Dafür soll dir Belohnung werden. So höre denn: es naht eine schlimme Zeit. Bald soll das ganze Erdenrund bewegt werden, und eine gewaltige Überschwemmung wird Tiefen und Höhen heimsuchen. Keine Mauer, kein Damm wird die Flut hemmen. Die Wolken werden vom Himmel stürzen, und alles, was auf Erden ist, was sich regt und was sich nicht regt, wird untergehen. Du aber baue dir ein festes Schiff und versieh es für eine lange Fahrt mit allem Notwendigen. Fülle es mit Samen und Körnern aller Art, und wenn der Tag der großen Flut kommt, dann steige ein in die Wasserfestung, du und die Deinigen, die sieben heiligen Weisheitslehrer. Ich aber werde zur Stunde vor der Küste sein, an einem großen Horn sollst du mich erkennen. Dann säume nicht, sondern schlinge ein starkes Tau um das Horn, damit ich euch über die Meere zu einem fernen Land führen kann!« Das war die Rede des Fisches. Manu lauschte aufmerksam und sprach dann, in Demut sich neigend: »Wundertätiger Wogenbeherrscher, was du befohlen hast, will ich gehorsam tun.« Danach ging er hin, baute nach des Fisches Anweisung das große Schiff und bereitete alles vor. Als nun der Tag des großen Regens, der Donner und Blitze anbrach, schiffte er sich ein, er und sein kleines Volk. Die Flut hob an, und Manu spähte auf der weiten Wasserfläche nach dem Wunderfisch.

Und siehe, wie ein Berg stieg er aus dem Meer, leicht erkennbar an dem Horn. Um dieses schlang Manu sein Tau, und wie ein Pfeil schwamm der Fisch von dannen. Ihm folgte das Schiff, über Wasserberge und durch Wellentäler. Weiße Nebel wechselten mit schwarzen Wolken, Sturmgetöse mit peitschendem Regen, während ringsum Ungeheuer aus der Tiefe auftauchten. Doch all das konnte dem Schiff nichts antun. Manu stand da im Wogengetümmel und spritzenden Schaum und richtete sein Auge unbeirrt auf die goldhelle Spur des Fisches. Wohl Jahre dauerte die Fahrt, bis sich die Welt zu lichten begann und der Gipfel eines Berges in Sicht kam. An diesem befestigte Manu sein Schiff. Bald verliefen sich die Wasser, und alle konnten wohlbehalten aussteigen. Der Berg wird noch heute Naubandhanan genannt, das heißt »Schiffsbindung«.

Jetzt erkannten sie, wer sich der Gestalt des Fisches bedient hatte. Es war Brahma, des Daseins ewiger Grund. Und Brahma sprach: »Von Manu sind alle Geschöpfe neu zu gestalten, jedes nach seiner Art, wie von mir bestimmt. Bei strenger Selbstzucht und demütigem Sinn wird ihm das große Werk gelingen.«

Und so geschah es. Wiederum belebte sich die Welt und nahm farbige Gestalt an. Duftende Blumen entsprossen den mitgebrachten Samen, ungezählte Kräuter der grünenden Erde. Ein klarer Himmel umfing den neuen Tag.

Quelle: Johannes Hertel, Indische Märchen, Jena 1919, S. 18 - 19.

 


 

"Duftende Blumen entsprossen den mitgebrachten Samen,

ungezählte Kräuter der grünenden Erde. Ein klarer Himmel umfing den neuen Tag." Das Grün, das der Kräuter und der Erde, tritt in dem indischen Märchen erst ganz am Ende hervor. Zuvor wird, in der Sprache des fernen Indien, vom Untergang einer alten und der Entstehung einer neuen, grünenden Welt, erzählt. "Von Manu sind alle Geschöpfe neu zu gestalten, jedes nach seiner Art, wie von mir bestimmt." Dies ist das Thema des März, das endgültige Vergehen des alten und der Beginn des neuen Jahres. Grünes sprießt, die ersten Blumen aus der Erde, die Knospen an Bäumen und Sträuchern, sie verkörpern die Hoffnung auf Leben und Wachstum für das neue Jahr. Über lange Zeiträume verbindet der Mensch dies mit der Vorstellung von Sterben eines Gottes und seiner Wiederkehr und Neugeburt, der Grünung, im frühen Jahr. Ebenso wie Kore, die Tochter der Demeter, lebt Adonis ein Teil des Jahres in der Unterwelt, um dann, im Frühling, auf die Erde zurückzukehren und der Vegetation neues Wachstum zu ermöglichen. Tammuz, der Geliebte der mesopotamischen Ischtar, ein jugendlich - frühlingshafter Gott, steht ebenso für den grünen Neubeginn des Jahres wie die Maori Göttin Haumia, aus deren aus der Erde wachsenden Haaren nahrhafte Pflanzen entstehen. Die aztekische Xochiquetzal verbringt den Winter im Garten des Westens, dem Totenreich, um im Frühling die Welt in Blüten zu hüllen. Die Azteken sind es auch, die ihren Toten einen grünen Stein mit auf die Reise geben, Symbol für die Fähigkeit des Menschen zu stetiger Erneuerung. "Und so geschah es. Wiederum belebte sich die Welt und nahm farbige Gestalt an."

(Ricarda Lukas)