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Frau Holles Medizinbaum

Es wird erzählt, dass die gute Frau Holle einst, als sie wie üblich über die Erde spazierte und den Stimmen der Menschen, der Tiere und der Pflanzen lauschte, einen einsamen Strauch mitten auf einem verschneiten Feld stöhnen hörte. "Weshalb jammerst Du?" fragte sie. "Ach, Frau Holle", antwortete der Strauch,"ich bin so einsam. Kein Tier, kein Mensch beachtet mich. Noch nicht einmal der Besenbinder, denn er will nur starke und biegsame Ruten wie die der Birke. Kannst du mir nicht auch geeignete Zweige geben, damit der Besenbinder mich zu den Wohnungen der Menschen bringt?" "Deine Gestalt kann ich nicht ändern" antwortete Frau Holle. "Aber dein Wunsch soll dennoch nicht unerfüllt bleiben." Und Frau Holle strich sanft mit ihrer Hand über die Äste des Strauchs. "Ich will dich schmücken mit unzähligen duftenden Blüten, und mit ebenso vielen Früchten. Beide werden den Menschen Heilung und Stärke bringen, und bald wirst du nicht mehr einsam sein." Als der Frühling kam stellten die Menschen fest, dass der einsame Strauch mitten im Feld  über und über mit weißen Blüten von lieblichen Duft bedeckt war. Und zum Sommerende hin pickten die Vögel die dunklen Beeren mit Behagen auf. Die Menschen kosteten auch die Beeren, und fanden sie wohlschmeckend. Bald entdeckten sie, dass die Blüten und Beeren Heilwirkung besaßen und sie holten den Strauch nahe an ihre Häuser. Und sie gaben ihm einen Namen: Holler, oder Frau Holles Baum. Daraus wurde Holunder.

(Deutsche Legende)


Weiß wie Blütenschnee – der Holunder

Eigentlich wollte ich über den Flieder erzählen, Syringa. Aber außer, dass er seinen Namen von der griechischen Nymphe Syrinx bekommen haben soll, welche, vor den Nachstellungen des Gottes Pan flüchtend, sich in einen Baum verwandelte, finden sich weder Märchen noch Mythen welche vom  Flieder erzählen, denn alle Märchen, Sagen, Legenden, welche vom Flieder berichten, meinen den Holunder.
.„Ja, so ist es!", sagte das kleine Mädchen im Baume; „Einige nennen mich Fliedermütterchen.“ (H.Ch.Andersen, Fliedermütterchen)
Der Holunder musste seinen früheren Namen, Flieder, an den üppig weißblaulila blühenden Zuwanderer aus dem nahen Osten abgeben, den wir heute Flieder nennen. Er selber aber, der Strauch mit den vielen kleinen weißen Blüten und ebenso vielen dunklen Früchten, der Holunder, Sambucus nigra, bekam seinen Namen von der Holle, der Göttin Holder oder Holla, welche weiße Blütensternchen wie Schneeflocken regnen und dunklen Beerensaft wie Pech tropfen lässt, wie es in dem dem grimmschen Märchen Frau Holle erzählt wird. Die Holle, Holda, Hulda oder, im südlicheren Gefilden, auch Berchta oder Perchta, ist eine alte dreifaltige Göttin und dieser findet sich auch in ihrem Haus - und Symbolbaum wieder. Im Frühjahr betört das Weiß seiner duftenden Blüten Auge und Nase, Symbol des neu werdenden und entstehenden den Lebens, der jungfräuliche Aspekt der Göttin, so, wie diese sich auch in dem litauischen Märchen Frau Holles Apfelgarten zeigt. Diese Blüten sind reich an Vitamin C und Mineralstoffen und als Fliedertee bei Erkältungen wirksam. Sie lassen sich aber auch, sehr zur Freude der Geschmacksnerven, zu Hollerküchlein, Holundersekt, Holundersirup und Holunderlimonade verarbeiten.
Im Spätsommer reifen die purpurroten Früchte heran, der nährende und schützende Aspekt des Holunders, welcher auch der Baum von Muttergottheiten wie der keltischen Brigid oder walisischen Ceridwen ist. Das Anthocyan, welches den Holunderbeeren die tiefen Farbtöne gibt, ist gleichzeitig ein entzündungshemmender, schmerzlindernder und Alterungsprozesse verlangsamender Wirkstoff. Holunderbeeren können zu Saft und Suppe, Marmelade und Mus verarbeitet werden, früher wurden Stoffe und Leder, heute Lebensmittel damit gefärbt.
Im Winter zeigt der Holunder seine dunkle Rinde, die Holle ist, wie die germanische Hel, auch Unterwelts - und Totengöttin. Frau Holle aus den Kinder - und Hausmärchen stellt die Holle in diesem Aspekt dar. Die Rinde des Holunders wurde als Abführ - und Brechmittel genutzt, aus seinem Holz lassen sich Flöten und Zauberstäbe schnitzen. Der botanische Name des Holunders, Sambucus, soll vom griechischen Begriff für Flöte, sambuke, kommen, der berühmte Elderstab aus Harry Potter ist ebenso aus Holunderholz wie der Zauberstab der Hexe aus Humperdincks Hänsel und Gretel. Und auch die Ellermutter aus Der Teufel mit den drei goldenen Haaren ist in Verbindung zum Elder, zum Holunder zu sehen.
Und so ist sie,  die Holle, weiß wie Blütenschnee, rot wie Beerensaft, dunkel wie Holunderholz.

Ricarda Lukas