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Der weiße Wolf.

Ein König verirrte sich einmal auf der Jagd in einem großen Walde und konnte sich gar nicht zurechtfinden. Mehrere Tage war er schon herumgewandert, hungernd und durstend, und er war ganz verweint in seiner Not. Da kam ein klein schwarzes Männchen zu ihm und sprach: »Ich will dich heimführen, wenn du versprechen willst, mir das zu geben, was dir zuerst aus deinem Hause entgegenkommt.« Da sagte der König in Gedanken ja. Unterwegs aber sprach der König: »Ich wollte, mein bester Hund käme mir entgegen.« Aber das Männchen antwortete: »Das wollte ich nicht; ich wollte, es wäre deine jüngste Tochter.« Als sie nun bei dem Schlosse ankamen, erblickte die Tochter ihren Vater durchs Fenster, denn sie hatte schon lange nach ihm ausgesehen, und nun lief sie schnell hinaus, ihren Vater zu umarmen. Als sie aber an seinem Halse hing, da rief er ganz beklommen: »Ich wollte lieber, daß mein Hund mich empfangen hätte.« Die Tochter hub kläglich an zu weinen und sagte: »Bin ich dir denn nicht besser, als dein Hund?« Da weinte der Vater mit, denn es war ihm ganz gram, daß das Männchen nun seine Tochter haben sollte. Er erzählte ihr alles unter Tränen, aber sie sprach: »Habe ich dein Leben retten können, so gehe ich gerne hin.« Nach acht Tagen, so ward bestimmt, sollte das Männchen die Braut holen. Als die Zeit nun um war, erschien ein weißer Wolf, und die Königstochter setzte sich auf seinen Rücken. Und nun ging's fort in schrecklicher Eile durch Dick und Dünn, über Hecken und Knicken, über Berg und Tal, daß sie bald ganz müde ward vom Reiten. Als sie aber fragte, ob sie noch nicht bald zur Stelle wären, antwortete der Wolf: »Schweig, sonst werfe ich dich hinunter, es ist noch weit zum gläsernen Berg!« Und wieder lief der Wolf durch Dick und Dünn, über Hecken und Knicken, über Berg und Tal, daß sie es fast nicht länger aushalten konnte. Da fragte sie wieder: »Sind wir noch nicht bald da?« Aber der Wolf sagte: »Sprichst du noch einmal, so werf ich dich hinunter; es ist noch weit bis zum gläsernen Berg!« Und nun ging's noch viel toller als vorhin. Da konnte sie es am Ende gar nicht länger aushalten und fragte noch einmal: »Sind wir noch nicht bald da?« Kaum aber hatte sie das gesagt, so stürzte sie herunter und der weiße Wolf lief davon. Nun war sie ganz allein in der weiten Welt und wußte nicht woher noch wohin. Endlich aber ging sie weiter und dachte, du mußt doch zu Leuten kommen und die kannst du fragen nach dem weißen Wolf. Bald darauf kam sie auch zu einer kleinen Hütte, da saß da eine alte Mutter, die kochte sich eine Hühnersuppe. Das Mädchen fragte sie gleich, ob sie nicht den weißen Wolf gesehen habe. »Nein«, antwortete das Mütterchen, »den weißen Wolf hab ich nicht gesehen, da mußt du den Wind fragen, der fegt in alle Löcher und reist täglich zu Wasser und zu Lande; aber bleibe nur erst ein bißchen hier und iß eine Hühnersuppe zu Mittag.« Das tat die Königstochter auch. Die Alte aber sprach, als sie wieder gehen wollte: »Nimm die Knöchelchen alle mit, die werden dir noch einmal zu Gute kommen.« Darauf wies sie ihr den Weg nach dem Winde. Als sie nun bei dem Wind ankam, saß der auch und kochte sich eine Hühnersuppe. »Herr Wind«, sagte das Mädchen, »du reist ja über Wasser und Land alle Tage, hast du nicht den weißen Wolf gesehen?« »Nein«, sagte der Wind, »den weißen Wolf hab ich nicht gesehen, heute bin ich noch nicht ausgewesen, da mußt du zu der Sonne gehen und die fragen; die steht früh auf und weiß und sieht alles, denn sie guckt in alle Löcher und steigt über alle Berge und Bäume; aber erst iß eine Hühnersuppe mit mir.« Das Mädchen ließ sich's wieder gut schmecken, sammelte alle Knöchlein, wie der Wind ihr riet, und ließ sich dann von ihm auf den rechten Weg nach der Sonne weisen. Als sie nun zur Sonne kam, hatte auch die den weißen Wolf nicht gesehen, und sie riet ihr, zum Monde zu gehen, denn der sehe, wenn niemand sehe, und wenn der ihr keinen Bescheid sagen könne, so könne es niemand; aber ehe das Mädchen fortging, mußte sie auch mit der Sonne eine Hühnersuppe essen und die Knöchlein mitnehmen. Als sie nun zum Monde kam, war der auch dabei, sich eine Hühnersuppe zu kochen, aber vom weißen Wolf wußte er nichts zu sagen. Da fing das Mädchen an zu weinen und sprach: »Wen soll ich denn nun fragen?« »Komm«, sagte der Mond, »iß erst die Hühnersuppe mit mir, und dann wollen wir weiter sprechen.« Als sie nun saßen und aßen, so sagte der Mond: »Hab ich doch mein Lebtage nicht vom weißen Wolf gehört; was es damit ist, begreife ich nicht; aber das schwarze Männchen gibt diese Nacht Hochzeit im gläsernen Berg.« »Ach ja, der gläserne Berg! der gläserne Berg! das hatte ich ganz vergessen, der ist es, dahin soll ich«, rief die Königstochter ganz vergnügt und bat den Mond, sie gleich dahin zu zeigen. »Nun nun«, sagte der Mond, »wir haben noch Zeit, iß nur erst die Hühnersuppe auf und nimm alle Knöchlein mit, die werden dir noch zu Gute kommen.« Da aß sie schnell die Hühnersuppe auf, nahm die Knöchlein, aber in der Eile vergaß sie eins. Dann brachte der Mond sie an den gläsernen Berg. Der aber war so glatt und glitzig, daß sie nicht hinauf kommen konnte. Da nahm sie nun ihre Knochen und baute sich eine Leiter daraus, es fehlte aber endlich eine Sprosse, weil sie einen Knochen vergessen hatte. Da schnitt sie sich ein Gliedchen von ihrem kleinen Finger ab und nun kam sie zur Höhe. Von da führte eine wunderschöne Treppe abwärts in den Berg, darauf stieg sie hinab und kam zum schwarzen Männlein. Der aber war ein hübscher verzauberter Prinz und eine junge Frau war ihm angezaubert, mit der feierte er nun Hochzeit in aller Herrlichkeit im gläsernen Berg. Es war da ein prächtiger Saal, wo alles von Gold und Edelsteinen funkelte und der Prinz saß mit seiner Frau an der glänzenden Tafel und speiste, als die Königstochter eintrat; er aber kannte sie nicht, aber sie ihn wohl. Da fing sie an zu singen von einem weißen Wolf, dem hätte ihr Vater sie versprochen und mit Tränen hingegeben. Der Wolf, schnell wie ein Vogel, hätte sie fortgebracht über Hecken und Knicken, über Berg und Tal und zuletzt sie verlassen einsam und allein in der weiten Welt; nun sei sie überall umhergeirrt und hätte nach dem weißen Wolf gefragt, aber niemand hätte ihr von ihm Bescheid gegeben. Als der Prinz das hörte, ward er ganz aufmerksam, horchte und sah sie an, und als sie das Lied geendet hatte, bat er sie, es noch einmal zu singen. Und als sie das getan, da erkannte er sie, und sein Zauber war gelöst. Da verstieß er seine frühere Frau und heiratete die Königstochter; dann aber reisten sie beide zu ihrem Vater, der nun ganz vergnügt darüber ward, daß seine Tochter einen so hübschen Mann bekommen hatte, und sie lebten von nun an so recht froh und glücklich beieinander, und wenn sie noch nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Karl Müllenhoff: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Kiel 1845.