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Die alte Joma und der Knabe

Es lebte einmal ein Mann mit seiner Frau. Sie hatten drei Töchter und einen Sohn. Das Brennholz ging ihnen aus, und zwei Mädchen und der Knabe machten sich auf, um Holz zu hacken. Sie gelangten in den Wald; der Knabe zeigte seinen Schwestern einen Holzplatz, er selber ging weiter weg, um Holz zu suchen. Er gelangte zu einer kleinen Hütte. Dort lebte die alte Joma, diese führte den Knaben in die Hütte und so ging er den Schwestern verloren. Sie riefen, was sie konnten, aber kein Laut war mehr als Antwort von ihm zu hören. Dann kommen die beiden Mädchen zuhause an und erzählen ihrem Vater: »Der Bruder ging fort, um Brennholz zu suchen, verirrte sich und hat keinen Laut mehr als Antwort gegeben.« Ihr Vater sagte: »Wenn ihr euren Bruder nicht sucht und nachhause bringt, hacke ich euch den Kopf ab, auf dem Holzklotz hacke ich ihn euch ab!« Da schicken sie die älteste Schwester in den Wald, um den Bruder zu suchen. Sie geht und ihr entgegen kommt ein Roggenkuchen. Zu dem Roggenkuchen sagt sie: »Mein Roggenkuchen, mein Roggenkuchen, hast du meinen Bruder nicht gesehen?« Der Roggenkuchen sagt: »Beiße ein Stückchen von mir ab, so sage ich es!« »Ich beiße nichts ab, ich muss meinen Bruder suchen!« Sie wandert und wandert, und ihr entgegen kommt ein rundes Brot. Sie sagt: »Mein Brot, mein Brot, hast du meinen Bruder nicht gesehen?« Das Brot sagt: »Beiße ein Stückchen von mir ab, so sage ich es!« »Ich beiße nichts ab, ich muss den Bruder suchen!« Sie wandert und wandert, und ihr entgegen kommt eine Korngarbe »Meine Korngarbe, meine Korngarbe, hast du meinen Bruder nicht gesehen?« Die Korngarbe sagt: »Wenn du mich in die Riege steckst, so sage ich es!« »Ich habe keine Zeit, ich muss den Bruder suchen!« Sie wandert und wandert, ihr entgegen kommt eine Riege. Zu der Riege sagt sie: »Meine Riege, meine Riege klein, hast du meinen Bruder nicht gesehen?« Die Riege sagt: »Wenn du den Kehricht aus mir kehrst, sage ich es!« Das Mädchen sagt: »Ich habe keine Zeit dazu, ich muss den Bruder suchen!« Sie wandert und wandert und gelangt zu einer kleinen Hütte Hier sieht sie sich um – und da sitzt ihr Bruder am Fenster. Sie tritt in die Stube hinein, die Joma aber ist ausgegangen, um die Kühe zu melken. Sie nimmt ihren Bruder, und zu zweien machen sie sich auf den Weg nach Hause. Darauf kommt die Joma vom Kuhmelken zurück. Sie will dem Knaben Milch geben, schaut um sich, aber kein Knabe ist da. Die Joma schirrt den Stampfklotz als Pferd an, die Worfel als Schlitten, die Mörserkeule nimmt sie als Peitsche, so setzt sie ihnen nach und holt sie ein. Denn Knaben nimmt sie mit sich zurück. Das Mädchen kommt zuhause an und erzählt seinem Vater: »Ich war schon dabei, den Bruder herzubringen, aber da holte die Joma ihn sich zurück.« Da schickt der Vater seine zweite Tochter aus, um den Bruder zu suchen. Ihr kommen ebenfalls der Roggenkuchen und der Brotwecke entgegen. Diese bitten sie, ein Stückchen aus ihnen herauszubeißen, aber sie beißt nichts heraus. Sie wandert und wandert: ihr entgegen kommen ebenfalls die Korngarbe und die Riege. Die Korngarbe bittet sie, sie in die Riege zu werfen, aber sie wirft sie nicht hin. Dann bittet die Riege sie, den Kehricht aus ihr heraus zu kehren, sie kehrt ihn nicht heraus. Sie wandert und wandert, sie tritt in die kleine Hütte und führt ihren Bruder daraus fort. Die Joma schirrt wieder den Stampfklotz als Pferd, die Worfel als Schlitten an, nimmt die Mörserkeule als Peitsche. Sie erreicht sie ebenfalls wieder und ergreift den Knaben mit Gewalt. Das Mädchen kommt zuhause an und erzählt: »Ich war eben dabei den Bruder herzubringen, aber da riss ihn sich die Joma wieder zurück.« Darauf schicken sie die dritte Tochter aus. Sie verschließt beim Hinausgehen zuerst die Tür. Sie wandert und wandert, und der Roggenkuchen kommt ihr entgegen. Daraus beißt sie ein Stückchen und wandert weiter. Das Brot kommt ihr entgegen. Aus dem Brot beißt sie ein Stückchen und wandert weiter. Die Korngarbe kommt ihr entgegen. Sie Korngarbe wirft die Korngarbe in die Riege und wandert weiter. Die Riege kommt ihr entgegen und sie kehrt die Riege aus. Sie wandert und wandert, tritt in die kleine Hütte und führt ihren Bruder fort. Sie wandert mit ihrem Bruder dahin, die Joma aber schirrt den Stampfklotz als Pferd, die Worfel als Schlitten an, die Mörserkeule nimmt sie als Peitsche und setzt ihnen nach. Sie erreicht die Riege und fragt sie: »Ist hier nicht eine Schwester und ein Bruder vorbeigezogen?« Die Riege sagt: »Nein.« Die Riege hält sie aber versteckt. Die Joma kehrt nachhause zurück und sucht und sucht: es ist nichts zu finden! Die Schwester und der Bruder wandern weiter. An allen Stellen verstecken sie sich: in der Korngarbe, in dem Brot und in dem Roggenkuchen. Die Joma setzt sie ihnen immer wieder nach, kann sie aber nicht finden. Schon sind sie schon an die Tür ihres Hauses gelangt. Sie verstecken sich hinter der offenen Tür und lachen die Joma, die sie gerade wieder eingeholt hat, aus. »Ätsch, recht so!« sagen sie, »hast uns doch nicht eingeholt!« Die Joma geht weinend von dannen, die Schwester und der Bruder aber treten in ihre Stube und leben dort heute noch.

Wichmann, Yrjo: Syrjänische Volksdichtung. Helsinki 1916 S. 16-21, Quelle gemeinfrei


Sie wandert und wandert und kommt zu einer kleinen Hütte...

In dieser lebt die Baba Joma, die den Schwestern den Bruder gestohlen hat -  kein Laut war mehr als Antwort von ihm zu hören. Nun müssen sie sich auf Geheiß des Vaters nacheinander aufmachen, um diesen zurück zu holen. Dass sie dabei weite Wege zurück zu legen haben, gehen und gehen, wandern und wandern, entspricht ganz der Region, aus der das Märchen kommt, einer weitläufigen Tundra - und Waldlandschaft im Nordosten Europas. Hier siedeln seit über 1000 Jahren die Komi, ein finno-ugrisches Volk, zu dem die Syrjänen gehören. In ihren frühen religiösen Vorstellungen waren Natur und Mensch gleichermaßen beseelt, Bäume wie die Birke und die Erle, Tiere wie Bär und Wolf, Hecht und Ente wurden als übernatürliche Wesen verehrt und ihnen Zauberkräfte zu gesprochen. Alles in der Welt der Syrjänen war auf das engste miteinander und mit der sie umgebenden Natur verbunden und dies findet sich auch in dem syrjänischen Märchen wieder. Die Joma ist Herrin des Waldes und der Waldtiere, der Junge, der Holz sammeln will, dringt in ihren Machtbereich ein, also nimmt sie ihn zu sich, nicht gewaltsam, eher friedlich, der Junge sitzt am Fenster der Hütte, die Joma geht ihm Milch holen. Die Schwestern brauchen die Hilfe der, nach der Vorstellung der Syrjänen, ja beseelten und mit Macht ausgestatteten Dinge, um den Bruder aus der Welt des Waldes in die Welt der Menschen zurück zu holen. Nur die 3. kluge Schwester, ein bekanntes Märchenmotiv, begreift dies, nutzt die Kraft von Kuchen, Korn, Riege und ist erfolgreich bei der Suche nach dem Bruder. Die Joma ihrerseits wird bei der Verfolgung von Bruder und Schwester von der Herrin des Waldes zur Baba Joma, der Hexe der slawischen Märchen – sie schirrt den Stampfklotz als Pferd an, die Worfel als Schlitten, die Mörserkeule nimmt sie als Peitsche, so setzt sie ihnen nach. Die Syrjänen gerieten im Laufe der Zeit immer stärker unter den Einfluss der sie umgebenden russischen Völker und mit dem christlichen Glauben übernahmen sie auch Teile der Mythologie. So adoptierten sie die Baba Jaga, verbanden sie mit der Joma und heraus kam die Baba Joma, eine syrjänische Hexe mit den Zügen einer nährenden und behütenden Waldfrau. Diese reagiert dann auch entsprechend emotional, als sie den Knaben aus ihrer grünen Welt zurück in die Menschenwelt geben muss - die Joma geht weinend von dannen, die Schwester und der Bruder aber treten in ihre Stube und leben dort heute noch. Es scheint mir, als umfasse der Schlusssatz des Märchens damit gekonnt die stetige Spannung zwischen Natur und menschlicher Kultur, den die an der Schnittstelle lebenden Syrjänen in besonderer Weise meistern mussten und müssen.

Ricarda Lukas