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Die Prinzessin im Apfel

Ein König und eine Königin litten einst unter schwerem Kummer, denn der Himmel hatte ihnen Kinder versagt. Eines Tages jedoch sprach eine alte Frau zu der Königin: „Majestät, in neun Monaten werdet Ihr ein Kind zur Welt bringen.“ „Wie kommst du darauf?“ wunderte sich die Königin. „Mir hat doch alle Welt gesagt, ich könne keine Kinder bekommen.“ „Ihr werdet guter Hoffnung sein, Majestät“, wiederholte die Alte, „aber es wird ein Apfel werden.“ „Ein Apfel?“ meinte die Königin enttäuscht. „Was fange ich mit einem Apfel an?“ „Einstweilen gebt Euch damit zufrieden, Majestät“, sagte die Alte, „und gebt dem Apfel den besten Platz auf Eurer Terrasse.“ Nicht lange nach dieser Begegnung begann die Königin sich schlecht zu fühlen und spürte, dass sie guter Hoffnung war. Als neun Monate um waren, brachte sie einen wunderschönen Apfel zur Welt, so rosig und glänzend, dass es eine Pracht war. Darüber herrschte großer Jubel. Es wurden Feste gefeiert, zu denen alle Welt eingeladen wurde. Der König aber nahm den Apfel und legte ihn in ein kostbares Gefäß auf seiner Terrasse.
Dem Königspalast gegenüber wohnte ein anderer König mit seiner Stiefmutter. Als nun eines Tages der treue Diener dieses Königs — denn wie alle Könige hatte er natürlich einen Vertrauten — den Pferden zu trinken gibt, lässt er seine Blicke zufällig auf die Terrasse gegenüber schweifen. Und was erblickt er? Ein anmutiges Mädchen, das sich wäscht und kämmt; nach einer Weile sieht er es wieder verschwinden und in einen Apfel kriechen. Da spricht er zu sich selbst: „Das muss ich unbedingt meinem Herrn mitteilen.“ „Wenn Sie wüssten, Majestät, was ich Wunderbares auf der Terrasse der Königin gesehen habe!“ „Was denn?“ will der König wissen. „Einen herrlichen Apfel“, erwidert der Diener, „aus dem steigt ein liebliches Mädchen, das wäscht und kämmt sich und zieht sich dann wieder in den Apfel zurück.“ „Du irrst dich gewiss“, entgegnete der König. „Nein, bestimmt nicht, Majestät; schon zwei Tage beobachte ich das Mädchen, und immer tut es dasselbe.“ „Schön“, meinte der König, „morgen früh begleite ich dich. Doch wehe, wenn du lügst! Es kostet dich deinen Kopf.“
Am nächsten Morgen schloss sich der König seinem Diener an und erblickte mit eigenen Augen das rosige Mädchen, das einem Apfel entstieg, sich wusch und kämmte und wieder im Apfel verschwand. Den König aber ergriff eine innige Liebe. „Was gäbe ich darum“, seufzte er, „wenn ich diesen Apfel besäße! Wie kann ich das nur erreichen? Was muss ich tun?“ ruft er einmal übers andere. Den ganzen Morgen zerbricht er sich den Kopf. Schließlich meint er: „Ich werde einfach zur Königin gehen und sie darum bitten.“ Und so geschieht es. Am gleichen Morgen begibt er sich zur Königin. „Hoheit“, beginnt er, „ich habe eine große Bitte!“ „Tragt sie nur vor“, ermuntert ihn die Königin, „Euer Wunsch soll in Erfüllung gehen.“ „Ich flehe Euch an“, bat er, „schenkt mir den wunderschönen Apfel auf Eurer Terrasse.“ Er verschwieg aber, dass er das Mädchen beobachtet hatte. „Was kommt Euch in den Sinn?“ ruft die Königin erschreckt. „Ich habe so viel gelitten, um ihn zur Welt zu bringen, habe ihn so sehnlichst begehrt! Nein, den kann ich Euch beim besten Willen nicht schenken.“ Doch der Jüngling ließ nicht ab mit Bitten und flehte so lange, bis sie am Ende nachgab; schließlich kann man einem König einen Wunsch nicht gut abschlagen. Freudig nahm er den Apfel und kehrte in sein Haus zurück.
Er legte ihn in sein Zimmer, und jeden Morgen gab er ihm frisches Wasser und bereitete alles aufs beste vor; dann schaute er zu, wie sich das Mädchen wusch und kämmte. Doch sie sprachen kein Wort miteinander. Von nun an hielt er sich nur noch in seinem Zimmer auf.
Da erkundigte sich seine Stiefmutter bei der Dienerschaft, was der Herr wohl treibe, da sie ihn fast nie zu Gesicht bekomme. „Ich gäbe etwas drum, wenn ich wüsste, warum mein Stiefsohn nie mehr bei Tisch erscheint. Er kümmert sich um gar nichts mehr.“ Gerade in diesem Augenblick traf ein Befehl ein, der den Königssohn in den Krieg rief. Große Betrübnis erfüllte ihn, dass er sich von seinem Apfel trennen musste. Er rief seinen Vertrauten und sprach zu ihm: „Ich vertraue dir hier den Schlüssel zu meinem Zimmer an. Gib gut acht, dass es niemand betritt. Jeden Tag zur gleichen Stunde musst du dem Apfel das Wasser wechseln und dafür sorgen, dass es ihm an nichts gebricht; bedenke, dass mir das Mädchen alles wiedererzählt.“ Das sagte er nur, um den Diener einzuschüchtern, denn in Wirklichkeit sprach das Mädchen nie. „Merk dir, solltest du nicht alles pünktlich ausführen, was ich dir auftrage, so lasse ich dir den Kopf abschlagen, wenn ich wiederkehre.“ Darauf verabschiedete er sich von der Stiefmutter und begab sich auf die Kriegsfahrt.
Ihr könnt euch vorstellen, wie gewissenhaft der Diener die Befehle seines Herrn ausführte! Die Stiefmutter aber dachte bei sich: „Endlich ist er fort; nun will ich versuchen, in sein Zimmer einzudringen. Aber wie? Das beste wird sein, wenn ich den Diener zu mir zum Essen einlade.“ Und eines Tages sprach sie: „Weißt du, ich fühle mich so einsam; komm doch zum Essen zu mir.“ Der Diener aber zierte sich: „Das kann ich nicht annehmen, ich müsste mich schämen.“ Doch die Königin beharrte auf ihrem Willen, und schließlich gab er nach. Er begab sich also zu Tisch. Doch die Stiefmutter hatte ihm Opium in den Wein geschüttet, und nachdem er reichlich und gut gegessen hatte, schlummerte er allmählich ein. Als er in tiefem Schlafe liegt, schleicht sich die Stiefmutter an ihn heran, stöbert seine Taschen durch und findet den Schlüssel. Sie eilt zum Zimmer des Königssohns, öffnet die Tür und tritt ein. Jedermann weiß, dass die Königinnen stets einen Dolch im Gürtel tragen. Sie durchsucht das ganze Zimmer, kann aber nichts entdecken. Schließlich erblickt sie unter einem Fenster mitten in einem schönen Korb voller Blumen einen Apfel. „Es kann nur dieser Apfel sein, der ihm den Kopf verdreht hat“, meint sie. Und sie löst ihren Dolch vom Gürtel und durchsticht den Apfel. Sogleich füllt sich das Zimmer mit Blut. Verängstigt schließt die Königin rasch das Zimmer wieder ab, steckt den Schlüssel in die Tasche des Dieners und zieht sich in ihre Gemächer zurück.
Nach einer Weile wacht der Diener auf und findet sich allein im Zimmer. „Du lieber Gott“, ruft er aus, „was habe ich getan? Was wird die Königin gesagt haben!“ Und plötzlich fällt ihm ein: „O du mein Gott, ich habe ja dem Apfel noch gar kein frisches Wasser gegeben! Wenn er es dem Herrn erzählt!“ Und wie der Blitz ist er aus den Gemächern der Königin verschwunden.
Er öffnet die Tür zum Zimmer seines Herrn, tritt ein und sieht den ganzen Raum in Blut schwimmen. „O Gott, o Gott, das hat die teuflische Königin verbrochen, das ist ihr Werk“, jammert er. „Was kann ich tun? Alles ist verloren. Mir bleibt nichts anderes als fliehen . . . Was soll ich hier noch länger verweilen?« Und er verlässt das Haus. Unentwegt zieht er dahin. Als er bereits ein großes Stück zurückgelegt hat, begegnet ihm ein graues Mütterchen; es ist jene Alte, die der Königin die Geburt des Apfels geweissagt hatte. „Was fehlt dir denn, Unseliger?“ spricht sie ihn an. Und er schüttet ihr sein Herz aus. Da sagt sie zu ihm: „Nimm dieses Pulver und lauf wieder heim, aber spute dich, denn der König kommt heute Abend zurück. Du musst das Pulver überall im ganzen Zimmer verstreuen, und du wirst sehen, der Apfel kehrt ins Leben zurück.“ Der junge Mann bedankt sich und tut, wie ihm das Mütterchen geheißen. Er bestreut das Zimmer an allen Ecken und Enden mit dem Pulver, und wahrhaftig, der Apfel kehrt ins Leben zurück. Schnell versorgt er ihn mit frischem Wasser und schließt das Zimmer ab.
Am Abend kehrte der König heim. Seine erste Frage galt dem Apfel. „Hast du ihn immer gut versorgt? Hast du ihm jeden Tag frisches Wasser gegeben?“ „Seid unbesorgt, Hoheit“, erwiderte der Diener, „ich habe alle Eure Weisungen befolgt.“ Der König geht ins Zimmer und ruft:
„Äpfelchen, Äpfelchen, sprich:
Hast du entbehrt was ohne mich?“
Da tritt das Mädchen plötzlich aus dem Apfel hervor und beginnt das erste Mal in seinem Leben zu sprechen: „Höre, was mir geschehen ist“, und es erzählt ihm die Begebenheit. „Doch dein Diener, der Ärmste, ist unschuldig“, fügt es hinzu. „Du musst nämlich wissen, dass geschehen musste, was mir deine Stiefmutter angetan hat, damit ich mein achtzehntes Lebensjahr vollenden konnte. Nun kann ich nicht mehr in meinen Apfel zurückkehren, und wenn du mich haben willst, bleibe ich gern bei dir.“ Überglücklich ruft der König: „Das will ich meinen!“ Er lädt den König und die Königin, des Mädchens Eltern, zur Hochzeit ein und führt ihnen ihre Tochter vor; während sie beim Festmahl sitzen, lässt er die Stiefmutter verbrennen.

Italienisches Märchen