header_start_900px_neu

Siebenhaut

Es war einmal ein Graf, der war sehr reich und hatte auch eine sehr schöne und liebevolle Gemahlin, die ihn mit Zärtlichkeit liebte, aber sie hatten kein Kind, und deshalb liebte der Graf seine Frau um vieles weniger wie sie ihn, und er war überhaupt von etwas rohen und rauen Sitten, wenn er es auch nicht eigentlich böse meinte. So nannte er seine Frau, die ihn durch Freundlichkeit, Demut und schweigsames Wesen bei Gutem zu erhalten strebte, stets eine Aalhaut, eine Schmeichelkatze, eine glatte Schlange und dergleichen, und bisweilen weinte die arme Frau darüber, und sagte: ›Du versündigst dich, dass du mich einer Schlange vergleichest, wenn dich Gott nur nicht einmal dafür straft!‹ – Darüber lachte der Graf. Da geschah es nach Jahr und Tag, dass Aussicht auf ein Kindlein dieser beiden Ehegatten vorhanden war, da wurde der Graf in seinem Benehmen wie umgewandelt, und wußte nicht, wie gut er es jetzt mit seiner Gemahlin meinen sollte – aber da kam ein schweres Verhängnis über beide – die Frau Gräfin brachte statt eines Kindes – eine Schlange zur Welt. Der Graf war außer sich vor Wut und Grimm und die Frau fast des Todes. ›Bist du nun eine Schlange, Schlangenmutter, oder bist du keine?‹ brüllte er. ›Eine Hexe bist du, eine Teufelsbuhle, eine falsche Katze! Sterben musst du und dein Schlangenbalg, den du geboren hast, dazu!‹ – Indes durch Bitten und Flehen brachte die Gräfin es dennoch dahin, dass er sie und die Schlange nicht töten ließ, und dem Grauen, womit sie die Schlange ansah, mischte sich doch auch Mutterliebe bei. Der Graf aber kümmerte sich kaum noch um sie, und betrachtete sie nicht mehr als seine Gemahlin; sie durfte auch nicht aus ihren abgesonderten Gemächern, und außer der nötigsten Bedienung durfte kein Mensch zu ihr. Die Gräfin legte in ihrer Abgeschiedenheit die Schlange an ihre Brust und nährte sie mit ihrer Milch, und gewöhnte sich allmählich an sie und hatte sie lieb, wie ein Kind. Auch hatte sie zum öfteren einen häufig in gleicher Weise wiederkehrenden Traum: die Schlange sei ein schöner Knabe, und habe deshalb Schlangengestalt angenommen, weil sie sich so oft darüber entsetzt und geweint habe, wenn ihr Gemahl sie eine Schlange genannt. Daher pflegte sie die Schlange sorglich und treu, und sah zuletzt mit Freude, dass sie groß ward und gedieh, bald still auf ihrem Schoße lag, bald den schlanken Hals mit dem kleinen Köpfchen und den klugen blitzenden Augen emporhob bis zu ihrem Munde, und diesen wie küssend berührte, wobei stets ein wonnevoller Schauer sie überlief, wenn die Schlange ihr schnelles Zünglein zwischen ihre Lippen auf Augenblicke gleiten ließ – bald fröhlich im Zimmer herum ringelte und tanzende Bewegungen machte, wie ein fröhliches spielendes Kind. Einförmig genug ging der eingesperrten Gräfin die Zeit hin, es waren schon zwanzig Jahre vergangen, die Schlange war längst ausgewachsen, und mit Ernst dachte die Gräfin an ihren Tod, und was dann aus der Schlange werden sollte? Da tat eines Abends die Schlange, die in dieser ganzen langen Zeit noch nie ein Wort geredet, ihren Mund auf und sagte zur namenlosen Überraschung der Gräfin: ›Verehrteste Frau Mutter! Ich habe nun bereits mein zwanzigstes Lebensjahr zurückgelegt, und wünschte mich zu verheiraten. Ihr würdet mich zu größtem Danke verpflichten, wenn Ihr mir eine Braut verschaffen wolltet, mir einerlei aus welchem Stande, wenn sie nur überhaupt standhaft und brav ist.‹ Die Gräfin versprach, den Wunsch ihres Sohnes zu erfüllen, und sandte nun Werbeboten aus, aber sie empfingen aller Orten und Enden her ablehnende und oft spöttische Antworten. Schlanke Freier, hieß es, seien gern gesehen, aber Schlangen als Freier wären nicht an der Tagesordnung. Eine solche Verbindung sei doch allzu ungleich – einen goldenen Schlangenring um den Finger lasse man sich noch gefallen, auch eine goldene Schlange als Armband, aber eine Schlange um den ganzen Leib – das sei nicht zu tragen. Das machte die Gräfin sehr betrübt, und da sich gar keine Heiratspartie fand, der Sohn aber sein Gesuch, wiederholte, so verfiel die Gräfin auf ihre Hühnerwärterin, ein junges frisches Dirnlein, und suchte dieses zu der Verbindung zu überreden. Die Dirne sagte aber: ›Was kann mir mit einem Schlankel gedient sein? Solch einer frisst nur, und arbeitet nicht! Ich finde wohl noch einen Freier, der Händ und Füß hat!‹ Doch die Gräfin stellte der jungen Hühnerwärterin vor, dass vom Arbeiten keine Rede mehr sei, wenn sie den Grafensohn heirate, dass sie reich werde, und in goldenen Kleidern einhergehen könne. Wenn sie klug sei, wie die Schlangen, so nähme sie die Schlange, und wenn sie bei den Hühnern bleiben wolle, so sei sie eine Gans.

Zureden hilft – sagt das Sprichwort, und die Hühnerwärterin sagte, sie wolle sich besinnen, und sich die Sache beschlafen. Guter Rat käme über Nacht. Und der kam auch. Nach einem frommen Abendsegen entschlief das Mägdlein, und hatte alsbald einen Traum, in welchem ein Engelchen erschien, das flüsterte ihr zu: ›Nimm ihn, nimm ihn, bekommst keinen bessern! bist berufen, ihn zu erlösen.‹ Und flüsterte ihr zu, was sie tun solle am Hochzeitabend. Dieses merkte sich das Mädchen genau, und gab am andern Morgen der Gräfin ihren Entschluss kund, auf deren heißen Wunsch einzugehen. Darüber hatte die Mutter der Schlange eine große Freude und traf alle Voranstalten, doch sollte – aus Gründen – die Verheiratung in aller Stille gefeiert werden. Wie nun das junge Pärchen beisammen war, so sprach die Schlange zur Braut: ›Zieh dich aus!‹ – ›Nein!‹ sprach die Braut, ›zieh du dich zuerst aus!‹ Da hüpfte die Schlange, schlang einen Kreis, biss sich in den Schweif und fuhr aus der Haut, hatte aber eine viel schönere darunter; die alte war braun gewesen, die neue war grün, und die Schlange sprach: ›Ich hoffe! Nun ziehe dich aus!‹ – ›Nein, ziehe du dich aus!‹ rief die Braut. Da tat die Schlange wie das vorige mal, schlüpfte aus dem grünen Balge und erschien himmelblau und sagte: ›Ich vertraue! Nun ziehe dich aus!‹ – ›Nein, ziehe du dich aus!‹ rief die Braut, denn das war das Geheimnis, welches ihr im Traume das Engelchen vertraut hatte, und abermals gehorchte die Schlange, und legte dadurch die besten Hoffnungen an den Tag, ein guter, nachgiebiger Ehemann zu werden. Es fiel die blaue Haut von ihr, und eine neue rosenrote kam zum Vorschein, und die Schlange sprach: ›Ich liebe dich, und nun ziehe dich aus!‹ ›Nein, ziehe du dich aus!‹ sprach die Braut.

›Du verlangst sehr viel, mein Kind!‹ antwortete die Schlange, aber sie häutete sich zum vierten male und erschien jetzt ganz silbern. ›Mein Herz ist rein, wie Silber! ziehe dich nun aus!‹ sagte die Schlange, aber die Braut tat dies wiederum nicht, sondern sagte abermals: ›Nein! Ziehe du dich aus.‹ Darauf streifte die Schlange auch ihre Silberhaut ab, und kroch mit einer herrlich glänzenden Goldhaut aus der silbernen und sprach: ›Mein Herz ist treu, wie Gold! Nun endlich ziehe dich aus!‹ ›Nein! Ziehe du dich aus!‹ sprach zum sechsten Male die Braut, und wiederum gehorchte die Schlange, und kam aus der Goldhaut, die sie abwarf, hervor wie ein lebendiger Regenbogen, in allen Farben glänzend und glühend, dass kaum ein Auge den Glanz ertragen konnte: ›Mit dir und mir sei Friede!‹ rief die Schlange, ›aber ich bitte dich, ziehe nun dich aus!‹ ›Nein! ziehe du dich aus!‹ sprach unerbittlich die Braut. Da schnellte die Schlange hoch empor und verwandelte sich auch zugleich in einen Menschen, und zwar in einen schönen und jungen, und schloss die Braut in seine Arme, und küsste sie, und rief: ›Dank dir, du hast mich erlöst!‹ Und das war es gewesen, was das Engelchen der Braut im Traume zugeflüstert hatte, siebenmal musste sie sein Ansinnen weigern und ihm dasselbe zurückschieben und nun stand er vor ihr als der liebreichste Grafensohn, als der schönste Ritter, und sie sank liebebewegt an sein Herz. Dass die Gräfin über die Verwandlung höchst glücklich war und dass auch ihr Gemahl sich wieder mit ihr versöhnte und des Sohnes sich freute, versteht sich von selbst.«

Ludwig Bechstein: Neues Deutsches Märchenbuch, 1856


„Nimm ihn, nimm ihn, bekommst keinen bessern!"

Flüstert ein Engelchen der Hühnerwärterin, einem jungen, frischen Dirnlein, wie uns das Märchen wissen lässt, zu. Mittels eines Traumes erhält das junge Mädchen die Weisung des Engels und es ist bereits der zweite Traum in dem an Symbolen so reichen Märchen Bechsteins, welcher wichtige und wesentliche Bilder zur Verfügung stellt. Der erste Traum, den die Mutter des Schlangenkindes, die Gräfin, träumt, hilft ihr zu verstehen, dass in dem äußerlich so fremden, vielleicht auch unansehnlichen Kind, der kleinen Schlange, etwas Anderes steckt, ein schöner mitfühlender Knabe. Das Grauen, mit dem sie dem Schlangenkind zunächst begegnet, geht in Sorgfalt und Treue, Freude und Liebe über. Mit der Veränderung des Tuns der Gräfin verändert sich auch ihr Blick, hat sie ihr Kind zunächst schlangenhaft und erschreckend erlebt, so erscheint es nun zunehmend kindlich, spielend, fröhlich, klug, anhänglich. Es bedarf aber noch des zweiten Traumes, um das, was verborgen in dem Schlangensohn steckt, auch wirklich nach außen zu bringen und wirksam werden zu lassen. So etwas geht nicht von heute auf morgen, brauchen der Bär im Bärenprinz und der Pudel im Klinkesklanken Lowesblatt je 3 Versuche, bis sie die rechte Braut bekommen, sind es im Nußzweiglein gar 12 Zimmer, die durchquert werden müssen, so verlangt das Märchen Siebenhaut eben sieben Schritte. Siebenmal müssen sich Schlangensohn und Menschenbraut begegnen, mit einander ringen, bis Wandlung und Erlösung vollbracht sind und sie, einander nun ebenbürtig, heiraten können. Die große Bedeutung der Sieben für uns (sie ist die Lieblingszahl der Menschen) hat wohl auch etwas damit zu tun, dass mit ihr ein tiefgehender Prozess der Veränderung verbunden wird. Durch sieben Tore, über sieben Brücken, über sieben Berge und durch sieben Täler zu gehen bedeutet, alles abzulegen, was hindert und bindet, dazu zu gewinnen, was voran bringt, wachsen lässt. Siebenhaut streift sieben Häute ab, aus unscheinbaren Braun werden hoffnungsvolles Grün, himmlisches Blau und Rosenrot und damit waren es schon vier, die Zahl der irdischen Welt. Drei Häute aber gehören von Zahl und Farbe der geistigen Welt an, reines Silber, treues Gold und ein wie ein Diamant strahlender Regenbogen. Die achte Haut aber darf Siebenhaut behalten, diese ist nämlich keine Haut mehr, dass ist er selbst, der liebreichste Grafensohn und schönste Ritter. Ob Ludwig Bechstein, der das Märchen als Nummer 49 in seinem 1856 erschienenen Neuen deutschen Märchenbuch veröffentlichte, es wohl so gesehen hat, als Ermutigung, auf innere Kräfte zu vertrauen, Träume, intuitive Wahrnehmung, Gefühle und damit eine zunächst kalt und hässlich anmutende äußere Welt zu überwinden? Wie auch immer, ein schönes Märchen hat er da geschrieben.

Ricarda Lukas