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Rõugatajas Tochter

Es lebte einmal vor Zeiten in einer breiten Waldlichtung der alte Rõugataja mit seinem Weibe. Sie hatten auch eine Tochter, die nicht in natürlicher Beschaffenheit zur Welt gekommen war, dennoch bemühte sich die Mutter, sie nach Art der Menschenkinder aufzuziehen, um späterhin einen Schwiegersohn zu bekommen. Es ging die Rede, dass das Mägdlein, so viel davon sichtbar wurde, wohl menschliche Haut hatte, dass aber unter dem Gewande Tannenrinde statt der Haut den Körper deckte. Nichtsdestoweniger hoffte die Mutter, sie mit der Zeit an den Mann zu bringen, und schickte deshalb das Mädchen überall hin unter die Leute, wo nur in den Dörfern eine Gasterei oder Festlichkeit vorkam. Der Tochter schöne Kleider, vielfach gewundene Perlenschnüre, Halsgeschmeide von vergoldeten Münzen, große Brustspange und Seidenbänder stachen den jungen Burschen wohl in die Augen, aber Freier zogen sie doch nicht in's Haus. Die Bursche lachten und spotteten: oben hübsch und glatt, unterhalb rauh wie Krötenhaut. Damit nun das Töchterchen nicht zuletzt daheim als alte Jungfer verschimmele, suchte die Mutter bei einer Hexenmutter Hülfe und ließ von ihr einen geheimnisvollen Trank bereiten, der, sobald ein Junggeselle unversehens davon kostete, ihn unfehlbar trieb, dem Mädchen nachzugehen, er mochte nun wollen oder nicht. Die Mutter gab der alten Hexe ein Bündelchen mit Achselhaaren nebst andern Heimlichkeiten von ihrer Tochter, womit die Hexe das Reizmittel für die Burschen bereiten sollte. Als der Wundertrank gekocht war, sagte die Hexe: »von diesem Nass sieben Tropfen, in Speise oder Trank geträufelt, betören jeden Burschen, der davon kostet.« Darnach wurde auf dem Hofe des Rõugataja ein großer Gastschmaus angerichtet, zu welchem von allen Seiten Menschen zusammengebeten wurden, besonders zahlreich aber Junggesellen, damit die Jungfer aus der Schar derselben einen wählen könnte, der vor allen andern nach ihrem Geschmack wäre. Als das Gelage nun schon zwei Tage im Gange war, zeigte die Tochter ihrer Mutter einen jungen Mann, den sie sich gar sehr zum Ehemahl ersehnte. Die schlaue Mutter tat heimlich sieben Tropfen vom Zaubertrank in einen Kuchen und gab ihn dem Burschen zu essen, worauf der arme Schelm nirgends mehr seines Bleibens fand, sondern, wie das Kätzchen nach dem Strohhalm, der Tochter Rõugataja's nachlaufen musste, da er sonst weder Tag noch Nacht Ruhe hatte. Bald darauf erschien er als Freier, und sein Branntwein wurde freundlich angenommen. Einige Wochen später wurde ein prächtiges Hochzeitsmahl angerichtet, so dass noch Kinder und Kindeskinder der Pracht und Herrlichkeit gedachten. Aber was half das Alles? Als das junge Paar Abends in die Kammer geführt wurde, um zu Bette zu gehen, fand der Bräutigam unter der Decke so viel Unheimliches, dass ihm das Blut im Herzen gerann; noch in derselben Nacht nahm er die Flucht und ließ die junge Frau als Witwe zurück. Mutter und Tochter warteten wohl noch eine Zeitlang, dass der Liebestrank der Hexenmutter den jungen Mann wieder herlocken würde; aber wer nicht kam, war der entwichene Bräutigam. Als noch eine Woche verstrichen war, und der Mann gleichwohl ausblieb, regten sich allerdings Zweifel in ihnen. Endlich kam die Nachricht, dass der entwichene Mann eine andere Frau gefreit hatte, und damit nahm denn ihr Harren und Hoffen ein Ende. Ein Jahr später hörte die alte Frau des Rõugataja, dass ihres vormaligen Schwiegersohnes Frau einen Knaben geboren hatte. Da reizte ein böser Anschlag ihr Herz, dass sie nirgends mehr Ruhe fand, bis mit Hülfe der Hexe des Kindes Mutter in einen Werwolf verwandelt war. Sodann schaffte sie heimlich ihre Tochter an Stelle der Wöchnerin in's Bett. Da aber die Tochter keine Brust hatte, wie Frauen sie sonst haben, so konnte sie auch das Kind nicht säugen. Wohl goss sie Kuhmilch in die künstlich aus Bork geformte Brust, allein das Kind nahm sie nicht in den Mund, sondern schrie Tag und Nacht vor Hunger, dass der Zeter kein Ende nahm. Es wurden zwar Kindesbaderinnen und Tränenstillerinnen von nah und fern zusammengeholt, allein was konnte es helfen? Das Kind ließ nicht ab zu schreien. Eines Tages rief der Vater in zornigem Mute: »Tragt den Schreihals aus der Stube, sonst sprengt er mir die Ohren: ich kann sein Geschrei nicht länger aushalten.« Die Wärterin ging mit dem Kinde hinaus, da kam auf dessen Geschrei aus einem Erlenbusch eine Wölfin hervor, entriss der Wärterin das Kind mit Gewalt, tat aber weder ihr noch dem Kinde ein Leides, sondern legte fein säuberlich das Kleine sich an die Brust und säugte es. Als das Kind darauf süß eingeschlummert war, brachte die Wärterin es nach Haus und legte es in die Wiege, wo es bis zum andern Tage ganz ruhig lag. Die Wärterin ließ nichts verlauten von dem Vorfall mit der Wölfin, ging aber den folgenden Tag wieder auf's Feld, wo sich Alles ganz so begab, wie Tags zuvor. Dabei war die Wärterin guter Laune, denn sie hatte es jetzt leicht, und auch der Vater des Kindes war seines Lebens wieder froher geworden, weil kein Geschrei mehr im Hause war, wiewohl die Wöchnerin noch immer schwer krank zu Bette lag und vorgab, weder Hand noch Fuß rühren zu können. Als nun am dritten Tage die Wärterin wieder ging, dem Kinde seine Amme zu suchen, sagte die Wölfin: »Ich darf nicht jeden Tag so öffentlich in's Freie kommen, das Kind zu säugen. Wenn du es aber alle Morgen an den Erlenbusch am Ukkofelsen bringst, so will ich es säugen; doch musst du, so lang' ich es säuge, am Rande des Busches Wache halten, damit nicht Jemand plötzlich dazu komme und sehe, wie ich das Kind säuge. Und auch du selbst darfst nicht eher nach dem Kinde kommen, als bis ich dich rufe.« Die Wärterin tat, wie geboten war, und die Sache ging über eine Woche lang vortrefflich. Eines Tages dünkte der Wärterin das Säugen der Wölfin allzulange zu dauern, und sie gin heimlich spähen, was wohl die Amme mit dem Kinde machen möchte. Ein wunderbares Ding war es denn freilich, was sie da erblickte. Am Ukkofels saß eine junge nackte Frau, das Kind auf ihrem Schoße, welches sie zärtlich liebkoste und auf den Armen schaukelte. Endlich nahm sie eine Wolfshaut vom Felsen, schlüpfte hinein und rief dann die Wärterin, dass sie käme, das Kind zu nehmen. Als die Wärterin drei Tage nach der Reihe diese wunderbare Säugung des Kindes beobachtet hatte, konnte sie zu Hause nicht mehr reinen Mund halten, sondern tat dem Vater Alles kund, was bisher täglich mit dem Kinde geschehen war. Der Mann schloss sofort, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehen könne; er verbot der Wärterin das Geheimnis irgend Jemand weiter zu sagen, und eilte selbst zu einem berühmten weisen Manne, um Rat und Hülfe zu suchen. Der weise Mann sagte, als er die Erzählung gehört hatte: »Hier scheint einer bösen Hexe Werk dahinter zu stecken. Er befahl dem Manne, in der Nacht den Ukkofels glühend heiß zu machen, damit, wenn die Wölfin die Haut wieder auf den Fels werfen würde, diese versengt und zum Anziehen untauglich gemacht würde. Der Mann führte ein Paar Fuder Holz auf den Fels her und zündete dann in der Nacht das Holz an, wodurch der Ukkofels glutrot wurde. Als dann die Zeit herannahte, wo des Kindes Säugerin zu kommen pflegte, räumte er Brände und Asche bei Seite und schlüpfte selbst hinter das Gebüsch in ein Versteck, wo er Alles sehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Auf des Kindes Geschrei kam die Wölfin aus dem Walde gelaufen, zog die Wolfshaut ab, nahm das Kind auf den Schoß und begann es zu säugen. Je schärfer der Mann die Säugende ansah, desto bekannter wurden ihm Gesicht und Gestalt der Frau. Ja – er erkannte in der Säugerin des Kindes sein Weib und begriff jetzt, weshalb die Wöchnerin noch immer zu Hause im dunkeln Zimmer saß. Er sprang nun aus dem Gebüsch hervor und eilte auf die Frau zu. Diese schrie vor Schrecken auf, legte das Kind in's Gras und wollte ihre Wolfshaut wieder vom Felsen nehmen und anziehen, aber das Fell war ganz verbrannt, und nur ein zusammengeschrumpftes Ende davon nachgeblieben. Der Mann zog er seinen Rock aus, gab ihn der Frau, sich damit zu bedecken, und bat sie, so lange mit dem Kinde da zu bleiben, bis er nach Hause ginge, die Badstube zu heizen. Zu Hause ging er mit freundlicher Ansprache zur Wöchnerin und sagte: »Du musst heute in die Badstube gehn, Liebchen, dann wirst du schneller gesund werden.« Die Frau sträubte sich zwar mit aller Macht dagegen: »Wenn ich so über den Hof ginge, so würde ich draußen ohnmächtig werden und mir den Tod holen.« Der Mann erwiderte: »Das hat gar nichts zu sagen, wir wickeln dir Mund und Augen in eine wollene Decke, so dass der Luftzug deinem zarten Körper nicht schaden kann.« Damit war die Frau ganz zufrieden, denn sie fürchtete nicht den Luftzug, sondern des Mannes Auge, der den Betrug gleich erkannt haben würde. Als die in die Decke gewickelte Wöchnerin mit Hülfe des Mannes in die Badstube gebracht worden war, machte der Mann die Tür so fest zu, dass keine lebende Seele herein noch heraus kommen konnte, setzte sich dann zu Pferde und jagte im Galopp nach Rõugataja's Hof. In die Stube tretend rief er mit freundlicher Stimme: »Guten Tag, liebe Schwiegermutter! Ich komme euch zu danken, dass ihr mir ein gutes Weib erzogen und mich von der Ofengabel von Frau losgemacht habt, die ich in meinem einfältigen Sinn gefreit hatte. Wir leben glücklich mit einander, und deshalb wünscht die Tochter euch zu sehen, damit ihr euch selbst von unserer Zufriedenheit überzeugen könnt.« Rõugatajas Frau merkte den Betrug nicht, sondern freute sich, dass die Sache so gut gegangen war. Der Schwiegersohn spannte an, setzte sich mit der Schwiegermutter auf den Wagen und fuhr nach Haus. Hier sagte er: »Die junge Frau ist in die Badstube gegangen, sich zu baden, habt ihr nicht auch Lust hineinzugehen, um den Staub der Fahrt abzuwaschen?« »Warum nicht!« erwiderte die Mutter. Der Mann ließ sie in die Badstube treten, verschloss die Tür und warf dann den roten Hahn auf's Dach. Da verbrannte denn die Badstube samt Rõugataja's Frau und ihrer Tochter. – Da jetzt das Haus von der bösen Sippschaft gereinigt war, nahm der Mann Weib und Kind zu sich, und sie lebten ungestört bis an ihr Ende.

Quelle: Kreutzwald, Friedrich Reinhold: Ehstnische Märchen. Halle: Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, 1869, S. 202-211.