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Langfassung der aktuellen Rezension aus der Spindel 14/2012

Sabine Lutkat: „Die Märchen-Apotheke“ gehört in den Giftschrank

Veraltete Pädagogik, Plattitüden und ein Missbrauch der Märchen der Brüder Grimm machen das Buch zu einem Gräuel für alle Märchenbegeisterte und Märchenfachleute.

Dabei tritt „Die Märchen-Apotheke“, herausgegeben von Stephanie Freifrau zu Guttenberg, inhaltlich gestaltet von Silke Fischer und Bernd Philipp, mit großem Anspruch auf: „Für jeden Kummer hält sie das heilende Märchen bereit.“ schreibt der Kösel Verlag, in dem das Buch erschienen ist. Angeblich „hilfreiche Beipackzettel“ werden für jedes Märchen mitgeliefert.
Das Buch suggeriert alleine schon vom Titel her, man könne Märchen einsetzen wie Medizin bei einer Krankheit. Auch wenn im Vorwort der Wunsch genannt wird, man möge das Buch präventiv einsetzen, so offenbart ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, um was es der Herausgeberin und den Autoren zu gehen scheint: um Kinder, die nicht so sind, wie die Eltern sie haben wollen, und die bitteschön doch ihr Verhalten ändern sollen. Kapitelüberschriften wie „Unser Kind ist phlegmatisch und ein Angsthase“, „Unser Kind ist zu ehrgeizig und kann nicht abschalten“, „Unsere Kinder streiten zu viel miteinander“ reichen aus, um diese Tendenz deutlich zu machen.

Das Vorwort von Stephanie Freifrau zu Guttenberg beginnt mit einem Zitat des renommierten Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Hüther (leider mit ungenügender Quellenangabe, denn wer, der nicht Mitglied in der Europäischen Märchengesellschaft e.V. ist, weiß schon, was mit „Jahresband der Europäischen Märchengesellschaft 2006“ gemeint ist), dem voll zuzustimmen ist, eine erfreuliche Eröffnung. Nach dem Lesen des Buches erscheint es allerdings als unverfroren, Gerald Hüther hier zu Beginn zu zitieren, denn das Buch macht genau das Gegenteil von dem, worauf die Wirkung der Märchen beruht, und ganz sicher stellt sich Gerald Hüther den Einsatz von Märchen so nicht vor.

„Medizin für Lebensmut, Vertrauen und liebevolles Miteinander“ soll „Die Märchen-Apotheke“ bieten, was auch wünschenswert wäre, doch genau daran mangelt es in der Art und Weise des hier vorgeschlagenen Einsatzes der Märchen. Auch der Aussage im Vorwort „Kinder brauchen Aufmerksamkeit, Liebe und Zeit“ ist unbedingt zuzustimmen, ja genau das brauchen Kinder und keine schwarze Pädagogik wie in den vorgeschlagenen Anwendungsweisen. Und dass Märchen „Nahrung für die Seele“ sind, ist auch nichts Neues, nur sind sie es nicht, wenn sie so, wie in diesem Buch vorgeschlagen, eingesetzt werden.
Das abgedruckte Märchen-Manifest des Berliner Märchenlands soll hier nicht weiter problematisiert werden, erlaubt sei nur die Frage, ob es überhaupt wünschenswert ist, dass Märchen „erfolgreich“ machen und was Märchen eigentlich mit unserem, derzeit nicht gerade brillierendem, Wirtschaftssystem zu tun haben sollen.

Das Vorwort könnte man mit ein bisschen gutem Willen als in Ordnung, wenn auch nicht gerade genial stehen lassen, wenn dem nicht dieses Buch folgen würde. Aufgebaut ist das Buch so, dass jedem ausgewählten Märchen der Brüder Grimm – wobei jegliche Quellenangabe fehlt und man nur zufällig über den Hinweis stolpert, dass Silke Fischer die Texte bearbeitet hat – ein „Beipackzettel“ zum Gebrauch des jeweiligen Märchens folgt und eine angeblich realitätsnahe Situationsbeschreibung ist jeweils vorangestellt. Für wen die realitätsbezogenen Ausführungen gedacht sein sollen, bleibt unklar: sie sollen zwar den Eltern zur besseren thematischen Einordnung dienen, aber da das Buch ja auch illustriert ist und als Nachschlagewerk fungieren soll, könnte es ja sein, dass die Kinder diese Teile ebenfalls lesen oder vorgelesen bekommen möchten. Diese Möglichkeit wird nirgends erwähnt. Wie realitätsnah die dargestellten Situationen tatsächlich sein mögen, sei einmal dahingestellt, die jeweils plötzlich und reibungslosen Lösungen jedenfalls erwecken den Eindruck, dass Kinder mit ihren Nöten und Problemen nicht ernst genug genommen werden, zu schnell löst sich alles in Wohlgefallen auf: ein gemobbter Junge wird zum Mädchenschwarm, weil er Gitarre spielen kann, zwei Schwestern akzeptieren auf einmal ihre zu ihnen gezogene Stiefschwester aufgrund der einmaligen Ermahnung der Mutter…

Die Märchentexte selbst sind von Silke Fischer nicht nur sprachlich bearbeitet (nicht immer zum Besseren), sondern z.T. auch inhaltlich verändert worden. Darüber könnte man ja diskutieren, jedenfalls biegt es die Märchen in die gewünschte zweckorientierte Richtung.

Wenn man sich bei der Lektüre des Buches „Die Märchen-Apotheke“ nicht schon ständig fragt, was die einzelnen Märchen mit den geschilderten Alltagsbeispielen zu tun haben (wie soll „Hase und Igel“ für ein gemobbtes Kind hilfreich sein oder was hat „König Drosselbart“ mit Essstörungen zu tun?), so schlagen die Beipackzettel dem Fass den Boden aus und strotzen nur so vor Plattitüden (z.B. „Es lebe das Gesamtkunstwerk Mensch.“). Während das Inhaltsverzeichnis in den meisten Fällen von einem Problem des Kindes ausgeht, so richten sich einige Beipackzettel mit ihrem Appell zur Verhaltensänderung an die Eltern (z.B. „Daumesdick“ oder „Die drei Brüder“). Warum sollten diese Märchen dann den Kindern vorgelesen werden?

Die anderen Beipackzettel, die mit ihren Ermahnungen zur Verhaltensänderung auf die Kinder bezogen sind, differenzieren nicht nach Alter. Kann man Teenagern problematisches Verhalten wirklich an „Rotkäppchen“ oder „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ klarmachen? Damit ist noch nicht die Frage gestellt, ob es in den Märchen jeweils um die zugeordneten Probleme geht, was ich bezweifle. Doch damit noch nicht genug.
Die Beipackzettel sind in einem Ton geschrieben, der völlig konträr zu der Vermittlung von Zuversicht, Hoffnung und Lebensmut steht: „Lassen Sie Ihr Kind herausfinden, dass…“ (entweder kann das Kind selbst etwas herausfinden oder nicht), „Vermitteln Sie…“, „Fordern Sie Ihr Kind auf…“, „Freuen Sie sich …“ (verordnete Freude?!), und am allerschlimmsten: „… und machen Sie ihm [Ihrem Kind; S.L.] klar, dass es genauso verbiestert, unglücklich und einsam wird wie die Königin, wenn…“. All diese Appelle erheben eindeutig den moralischen Zeigefinger und fuchteln damit vor der Nase der Kinder herum, die – anstatt Märchen genießen und hinterfragen zu können – damit mit schwärzester Pädagogik à la „Struwwelpeter“ konfrontiert werden. „Man merkt die Absicht und ist verstimmt.“ – wenn nicht sogar überaus verärgert.

Wie hilft es einem Kind, das angeblich nicht über sich lachen kann, „Der Frieder und das Katherlieschen“ vorgelesen zu bekommen, an dessen Ende die Hauptfigur ihre Identität verliert? Ebenso fraglich ist es, ob es einem furchtsamen Kind hilft, ein Märchen zu hören, in der die Hauptfigur keine Angst hat, in der es also nicht um Angstüberwindung geht. Das sind nur zwei Beispiele aus der Flut der möglichen.

Um nicht missverstanden zu werden: Volksmärchen sind wunderbare Geschichten, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Aber wenn Märchen nach dem Vorschlag der „Märchen-Apotheke“ eingesetzt werden, geschieht das in einer Art und Weise, die dem, wofür Märchen stehen und was sie vermögen, völlig entgegensteht. Märchen vermitteln Hoffnung und Lebensmut, helfen bei der Persönlichkeitsentwicklung und bei Problemen, aber nur, wenn sie ohne moralischen Zeigefinger eingesetzt werden. Kinder haben sehr feine Antennen dafür, welche Geschichte, welches Märchen sie „brauchen“ – nicht umsonst wollen viele dasselbe Märchen immer wieder hören. Aber das gelingt nur zweckfrei, als Angebot voller Liebe und Bejahung, als Angebot zum gemeinsamen Staunen, Lachen, Gruseln, Wundern.

Während das Buch in einem fort suggeriert, das Kind hat ein Problem, ist nicht okay, das Kind muss sein Verhalten ändern, so erzählen die Volksmärchen doch von genau dem Gegenteil: Selbst wenn du dich manchmal dumm (Dummlinge), klein (Jüngste/Jüngster), missachtet (Aschenputtel, Stiefkinder) fühlst, du bist trotzdem ein Königskind, geliebt und gewollt. Und manchmal musst du durch schwierige Lebensphasen hindurch, aber wenn du dich auf den Weg machst, Verantwortung für dein Leben übernimmst, dann kann auch dein Leben gelingen. Kinder und auch erwachsene Zuhörer identifizieren sich in der Regel mit der Hauptfigur des Märchens, denen das Leben glückt, und nicht mit Sneewittchens böser Stiefmutter oder den Schwestern der Jüngste in „Das Waldhaus“ oder den Brüdern des Jüngsten in „Das Wasser des Lebens“. Gerade weil man sich mit der Hauptfigur identifiziert und ihren Weg mitgeht, stärken Märchen uns und geben uns und den Kindern den nötigen Lebensmut und die nötige Zuversicht, gerade deshalb sind sie „Superdoping für Kindergehirne“ (Hüther).
Märchen sind ein wunderbarer Schatz für alle Menschen, und es bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Eltern und Pädagogen den Kindern unserer Welt möglichst viele Volksmärchen vorlesen – oder noch besser: erzählen -, seien es nun die Grimmschen oder andere. Aber die Anwendung durch „Die Märchen-Apotheke“ vergiftet die Märchen und gehört deshalb in den Giftschrank als abschreckendes Beispiel. Doch glücklicherweise werden die Märchen auch das überleben – wie Schneewittchen das Gift im Apfel der bösen Stiefmutter.

Sabine Lutkat (M.A.), *1970, Studium der Erziehungswissenschaft, Germanistik und Psychologie, freiberuflich tätig in der Erwachsenenbildung überwiegend zum Thema „Märchen“, Vizepräsidentin der Europäischen Märchengesellschaft e.V.