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Personalia

Dietrich Kluge: Abschied von Karl-Ewald Tietz

Nach langer schwerer Krankheit ist am 2. November 2011 der Germanist, Pädagoge und Volkskundler Prof. Dr. Karl-Ewald Tietz im Alter von 69 Jahren verstorben.

Er stammte aus Hinterpommern, wo er am 12. Dezember 1941 in Pammin geboren wurde und zunächst auch aufwuchs. Seit dem Kriegsende war er auf der Insel Rügen ansässig. Nach dem Abitur studierte er an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald Pädagogik mit den Schwerpunkten Germanistik und Slawistik. Anschließend entschied er sich für eine wissenschaftliche Laufbahn im Bereich der Didaktik und Methodik der deutschen Sprache und Literatur. Er wurde 1978 promoviert und 1983 habilitiert und lehrte bis zu seiner Emeritierung 1999 an seiner Greifswalder Heimatuniversität als Professor für Didaktik am Institut für Deutsche Philologie. Als Herausgeber und Verfasser veröffentlichte er zahlreiche Monographien und Aufsätze zur Methodik des Deutschunterrichts und zu verschiedenen Aspekten der Sprachkultur. Er war aber nicht nur Hochschullehrer auf diesem Gebiet, sondern auch selbst ein großer Meister des Wortes und wusste seine Zuhörer in zahllosen Referaten, Vorlesungen und Ansprachen zu fesseln.

Außerhalb der Hochschule betätigte sich Karl-Ewald Tietz auf zahlreichen Gebieten des öffentlichen Kulturlebens, insbesondere auf der Insel Rügen, aber auch überregional. Es ist unmöglich, im Rahmen dieses Nachrufes alle Vereinigungen und Institutionen aufzuzählen, denen er sein Wissen, seine Zeit und Kraft selbstlos zur Verfügung stellte und die ihn auch mehrfach für seine Verdienste geehrt haben. Er war eine tragende Säule des Rüganer Kulturbetriebs und hinterlässt an vielen Stellen eine kaum zu füllende Lücke. Es sollen nur einige Beispiele herausgegriffen werden: Bei der Pommerschen Geschichtsgesellschaft war er für die Bibliothek verantwortlich. 1991/92 gehörte er zu den sieben Gründungsmitgliedern des Greifswalder Märchenkreises, dessen wissenschaftlicher Mentor er bis zu seinem Tode blieb. Am 2. November 1992 beteiligte er sich an der Gründung der Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft, deren Vorsitz er 1996 von Maria Pakulla übernahm. In dieser Funktion wurde er zwangsläufig in die Auseinandersetzungen über die franzosen- und judenfeindlichen Auslassungen Ernst-Moritz Arndts und über dessen Eignung als Namenspatron der Greifswalder Hochschule hineingezogen, hat es aber stets abgelehnt, die chauvinistischen Äußerungen Arndts irgendwie zu beschönigen. Es ist ein seltsamer Zufall, dass er am 20. Jahrestag der Gesellschaftsgründung starb. Die ursprünglich aus diesem Anlass geplante „Geburtstagsfeier“ wurde am 14. Januar 2012 am Sitz der Gesellschaft in Groß Schoritz auf Rügen nachgeholt und für ein ausführliches Gedenken an den Verstorbenen genutzt.

Den Mitgliedern und Freunden der Europäischen Märchengesellschaft, deren Beirat der Verstorbene jahrelang angehörte, ist er vor allem durch seine Forschungen, Seminare und Veröffentlichungen zur Märchen- und Sagenwelt Mecklenburgs und Pommerns und zum „Märchenland Europa“ (so lautete ein Buchtitel) bekannt geworden. Ein treuer Kreis von Märchenfreunden meldete sich Jahr für Jahr zu den Märchenseminaren an der Ostseeküste an, die regelmäßig mit einer geographischen Vorexkursion verbunden waren und so auch Landschaft, Natur und Kultur des Tagungsortes und seiner Umgebung den Teilnehmern nahe brachten. Bei diesen Seminaren - wie auch sonst - erwies sich Karl-Ewald Tietz als ein großartiger Didaktiker. Es war ein Genuss, ihm zuzuhören und zu beobachten, wie es ihm gelang, innerhalb kürzester Zeit alle Teilnehmer in die Arbeit am Thema einzubeziehen und das Beste aus jeder Antwort zu machen, so dass am Ende jeder der Überzeugung war, zum Gelingen der Veranstaltung etwas beigetragen zu haben. 11 Mal lud Karl-Ewald Tietz zu einem Märchenseminar an der Ostseeküste ein; aber das 11. Seminar, das 2011 im Ostseebad Göhren auf der Insel Rügen zum Thema „Pflanzen und Früchte im Märchen“ stattfinden sollte, musste wegen seiner Erkrankung abgesagt bzw. in eingeschränkter Form als private Veranstaltung einiger Teilnehmer durchgeführt werden.

Im Jahre 2000 war Karl-Ewald Tietz zum ersten Male an Krebs erkrankt. Zweimal schien die Krankheit besiegt zu sein, zweimal kehrte sie in veränderter Form zurück, zuletzt in Gestalt einer Leukämie. Alle zunächst noch hoffnungsvoll begonnenen ärztlichen Bemühungen, sein Leben noch einmal zu retten, schlugen fehl. Nach quälendem, mit bewundernswerter Geduld ertragenem Ringen erwies sich die Krankheit als Sieger. Ein wunderbarer Lehrer und Freund hat uns verlassen. Um ihn trauert eine große Gemeinschaft von Freunden, Mitstreitern und Kollegen, die stets seiner gedenken und ihn vermissen werden. Unsere besondere Anteilnahme gilt seiner Ehefrau und den übrigen Angehörigen, die von diesem Verlust am stärksten betroffen sind.