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Kurz vorgestellt: Aus der Spindel 12/2012

Steffen Martus: Die Brüder Grimm. Rowohlt Verlag Berlin 2009

Auch wenn das bekannteste Buch der deutschen Sprache für uns Märchenfreunde viel benutzt und mit deutlichen Gebrauchs- und Lesespuren im Regal steht, so wissen wir doch von seinen Autoren über ihr Märchenwirken hinaus ziemlich wenig. Es gab bisher kein Werk, das uns ihr Leben, die Details und das historische Umfeld ihres Schaffens in seinen wichtigsten Aspekten hätte nahe bringen können.

Steffen Martus, Professor für Neuere deutsche Literatur in Kiel, hat nun im Jahr des 150. Todestages von Wilhelm Grimm mit einer umfangreichen Biographie „Die Brüder Grimm“ diesem Mangel abgeholfen und verführt uns in einer bei aller wissenschaftlichen Akribie sehr angenehm lesbaren Diktion dazu, die Wissenslücke zu füllen. Dem Sammeln, Bearbeiten, Herausgeben der „Kinder- und Hausmärchen“ weist er dabei den ihm zukommenden Stellenwert zu, und der ist angesichts des umfangreichen Gesamtwerks ziemlich marginal. Doch für jenen Bereich gibt es andere Informationsquellen.

Martus’ Werk ist im besten Sinne eine Doppelbiographie. Mit einer gewissen Spannung verfolgt der Leser, wie sich die symbiotische Lebens- und Forschungsgemeinschaft der Brüder nach und nach herausbildete zu dem fruchtbaren „Nebeneinander im Miteinander“, dem wichtige, zu ihrer Zeit neue und grundlegende Werke vor allem aus dem Bereich der deutschen Sprachwissenschaft zu verdanken sind bis hin zum Deutschen Wörterbuch, einem „tyrannischen Projekt“ – so Jacob Grimm -, das sie in ihren letzten, den Berliner Jahren noch einmal zu gemeinsamer Arbeit an ihre Schreibtische fesselte.

Sonst verfolgte jeder der beiden durchaus seine eigenen wissenschaftlichen Pläne: Jacob war der Mann der Grundlagenforschung, sein unerbittlicher Fleiß wurde schon von seinen Zeitgenossen bewundert. Er war es, der über die zeitraubenden Zwänge seiner öffentlichen Ämter klagt, und später, als die Herren Professoren zur europäischen Wissenschaftsprominenz gehörten, über die „unbarmherzige Geselligkeitsmaschinerie“, die ihm seine kostbare Arbeitszeit stiehlt. Wilhelm war der konziliantere, gesellige, die poetische Natur. Man versteht nun, warum er zum geistigen Vater der Märchensammlung wurde. Die Leidenschaft für das Schürfen an den Quellen der Wissenschaft einte sie; wo immer jeden von ihnen seine Reisewege hinführten, waren Bibliotheken die wichtigste Anlaufstelle, verbunden mit der beklagenswerten Fleißarbeit des Kopierens von Büchern und Manuskripten, weil sie sich über lange Zeit dafür bezahlte Schreibkräfte nicht leisten konnten.

Martus zeichnet zu jeder Lebenssituation der Brüder ein anschauliches Umfeld, historische Ereignisse, bekannte Namen, Netzwerke menschlicher Beziehungen werden lebendig.

Die unruhige Umbruchsituation der Zeit führte dazu, dass die beiden Stuben- und Bibliotheksgelehrten sich in die Tagespolitik hineinziehen ließen, aus Gerechtigkeitssinn und Pflichtgefühl. In einem höheren Sinn allerdings verstanden sie auch ihre scheinbar so abgehobenen wissenschaftlichen Werke als eminent politisch: Ihre Arbeiten über die Quellen der Volksüberlieferung, über die Grundlagen der deutschen Sprache sollten dazu beitragen, das Bewusstsein für die Einheit der Deutschen zu fördern. Als die „modernsten Traditionalisten ihrer Zeit“ umschreibt Martus ihr öffentliches Wirken in seinem nicht nur für Märchenfreunde überaus informativen und lesenswerten Buch.

Helga Volkmann