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„ ... ich gebe Dir jetzt mein Reich halb ...“

Vom Geben und Vergeben im Alter - Internationaler Kongress der Europäischen Märchengesellschaft e.V. 08. – 12. Mai 2013 in Bad Brückenau

Jemand, der gibt, zu Lebenszeiten, voller Klugheit und mit Bedacht ein halbes, sein halbes Reich, den kann man wohl mit Fug und recht einen weisen Alten nenne. Er gibt und vergibt sich dabei nichts. Er (oder sie, es gibt ja auch die weise Alte) gibt dem Jüngere, seinem Nach – und Thronfolger zur rechten Zeit, also dann, wenn er es auch braucht und nutzen kann, die Hälfte seines angesammelten Hab und Gut und kann damit auch einigermaßen sicher sein, dass die andere Hälfte    auch nach seinem Tode in guten Hände gerät. Ein solch weiser Alter ist der König in dem Märchen „Das Eselein“ (KMH 144), welches das Thema für den diesjährigen Kongress der EMG in Bad Brückenau stammt/ beisteuerte.

„Da gab ihm der Alte das halbe Reich, und als er nach einem Jahr starb, hatte er das ganze, und nach dem Tode seines Vaters noch eins dazu, und lebte in aller Herrlichkeit.“
heisst es in dem eben erwähnten Märchen.

Menschen, die klug zu geben verstehen, gütig und weise vergeben können, sind, ob alt oder jung, glückliche Menschen. Und diesen Eindruck erweckte die temperamentvolle Bürgermeisterin Bad Brückenaus, Frau Meyerdiercks, als sie die fast 300 Märchenfreunde Kongress am 08.05.2013 bei Sonnenschein begrüßte. Sie und ihre vielen Mitstreiter hatten ihre Stadt für 5 Tage mit viel Großzügigkeit und Freundlichkeit an die Europäische Märchengesellschaft vergeben, und ohne solch eine Gabe wäre ein Ereignis dieser Art, die Möglichkeit zu Begegnung, Austausch, Märchenpflege und Märchenforschung in dieser Form nicht möglich.
Eröffnet wurde der Kongress dann durch die Präsidentin der EMG, Sabine Lutkat, welche, bereits bei zahlreichen Kongressen aktiv, nun erstmals in ihrer neuen Funktion die ihr eigene Art einfließen lässt, ein weiblich - integratives Geben und Nehmen. Folgerichtig hält sie dann auch den ersten Vortrag- „Ab-, Auf-, Über-, Ver-Geben: Vom Miteinander und Gegeneinander der Generationen im Märchen“ - und stimmt damit gedanklich auf das wichtige und nicht immer einfach zu bewältigende Thema ein.
„Alt ist Jemand, der schon länger da ist“ so Sabine Lutkat, und „die Jungen müssen sich mit den Alten auseinander setzten.“ Dies verläuft aber durchaus nicht immer harmonisch. Das Wissen, die Erfahrung, die Weisheit der Alten kann vor allem in Notzeiten, der Gemeinschaft helfen, es kann Hilfe und Anleitung für die Jungen sein, dann wird es ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Dazu ist aber ebenso das Aufgeben von angestammten Positionen als auch das Vergeben von Fehlern und das Fort – und Weitergeben von Besitztümer erforderlich, aber ebenso, auf der anderen Seite, eine kluge und respektvolle Annahme dessen, der Prozess geht von Alt zu Jung wie auch von Jung zu Alt. Einen gelungenen Prozess des Gebens und Vergebens beschreibt Sabine Lutkat anhand des griechischen Märchens „Der große Stern verneigt sich vor dem kleinen Stern“, einen misslungene am anhand des englischen Märchens „Das Lumpenkind“. „Der grosse Reichtum der Alten sind ihre Lebensgeschichten. Sie sind ein Schatz, der gehoben werden will“ lässt Sabine Luktat ihren Vortrag enden.
Der Hebung dieses Schatzes widmete sich Elisabeth Erdmann mit dem nachfolgenden Vortrag „Liebt Euch wie früher! Haltet Freundschaft wie früher!“ über die Rolle der Alten in einem wirklich bunten Strauß von Märchen aus Jakutien, Moldawien, Russland, der Ukraine, Weißrussland, Litauen, Estland, Georgien, Turkmenistan, Baschkirien, Burjatien, dem Balkan und dem Altai .... Und dieser Schatz besteht aus Gutem ebenso wie aus Bösem, Elisabeth Erdmann erzählte gleichermaßen von Weisheit und Bosheit im Alter wie von der Macht und zerstörerischen Kraft der Baba Yaga und der Güte und Klugheit der alten Weiblein im slawischen Märchen, so in dem von ihr vorgetragenen jakutischen Märchens „Das Schachtelhälmchen“. „Die Alten sind keine Last für die Jungen, das Alter ist an Weisheit reich“ so Elisabeth Erdmann, aber, oft „sind die Alten unsichtbar im Alltag und unscheinbar im Märchen, keine Haupt -, sondern Nebenfiguren.“ Das Alter ist der Spiegel unserer eigenen Endlichkeit und Ziel des Lebens. Das Alter weisst den Jungen den Weg, schützt und prüft sie. Es ist der „Archetyp der Ambivalenz zwischen Leben und Tod, Gut und Böse.“

Der Abend darf dann bei Altweiberwitz und Greisenweisheit, vorgetragen von Linde Knoch und Dirk Nowakowski, ausklingen.

Verjüngt durch eine erholsame Nacht trafen sich die Märchenfreunde verschiedenen Alters am Morgen wieder, um sich Geben, Gabe und Aufgabe im Märchen, wortgewandt, wortgewaltig, wortmächtig dargeboten von Angelika Benedicta Hirsch, zu zu wenden. „Das Geben“, so Angelika Benedicta Hirsch, „wird erlernt in frühester Kindheit.“ Es kann zuviel oder zu wenig gegeben werden, und im Opfer, dem ob - ffere, entgegen bringen, bringt der Mensch sich Gott als Gabe entgegen. Nehmen ist ebenso wichtig wie Geben, beides muss in Waage und im Einklang mit dem Augenblick sein. Eine Gabe, mag sie auch noch so bescheiden sein, ist wichtig, um bestimmte Auf - gaben bewältigen zu können. Geben, Nehmen und Weitergeben ist erforderlich, damit eine Kette entstehen kann, eine Überlieferungskette oder ein Überlieferungsnetz, welches Dinge aus der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft transportiert und so Entwicklung und Erhalt möglich macht. In diesem Sinne ist die EMG Teil einer Überlieferungskette, welche Märchen weitergibt und damit Kultur und Kulturgüter.

„Die Straße, auf der ich einen Großteil meiner Kindheit verbrachte, hatte viele Schlaglöcher“ begann Sabine Bode ihren Vortrag Die langen Schatten der Vergangenheit: Kriegsfolgen in deutschen Familien, eine intensive Auseinandersetzung mit den Auswirkungen, die der zweite Weltkrieg bis in die Gegenwart hinein auf das Leben, die Persönlichkeit, die Beziehungsgestaltung derer hatte, die in dieser Zeit Kinder waren. Und dies vor einem Saal, in dem wohl ungefähr zur Hälfte Kriegskinder saßen und zur anderen Hälfte deren Kinder.
Der bewegende Vortrag beschrieb Schlimmes einfühlend, der beschrieb das Leben einer Generation, die in eine Situation hinein geboren worden war, in der Vergessen und Verdängen überlebensnotwendig waren - „Dreh dich um zur Wand, dann siehst du nichts“ und die dann später lernen musste, wie ein Leben unter normalen Bedingungen geht. Welches aber doch in vielen Fällen ein Leben mit Behinderung blieb - „Ein Drittel der Jahrgänge von 1928-1945 sind psychisch heute noch traumatisiert“ so Sabine Bode, und „Vergessen müssen bedingt spätere Vergesslichkeit.“ Frau Bode zu diesem Thema zu hören und zu lesen macht es möglich, eine Stück deutscher Geschichte besser sehen und verstehen zu können, aber auch ein Stück der eigenen Lebensgeschichte, der der Großeltern, Eltern oder Kinder und Enkel, je nachdem, wann und wo man geboren worden ist.
Den Faden über Lebensgeschichten, Zeitläufe und die darin verwickelten Menschen weiter gesponnen hat am nächsten Morgen Ricarda Lukas mit „Wartet noch, ich habe in den Stoff einen Zauber eingewebt“. Ein Leben, zumal wenn es schon lange länger währt, gleich einem kostbaren Bilderteppich, einem Stoff, in dem manche Fäden aufgenommen, manche fallen gelassen werden müssen. Im ersten Teil des Lebens zeigt die Richtung des Fadens aufwärts, das Leben entwickelt sich nach außen, oben, vorn. Es geht darum, sich etwas aufzubauen, Beruf Familie und Besitz, um Entwicklung und soziale Integration. Hier werden die deutliche Akzente gesetzt, die gut sichtbaren und erkennbaren Muster entwickelt, die für ein Leben spezifischen und prägnanten Fäden und Farben eingesetzt. Im zweiten Teil des Lebens richtet sich der Faden abwärts, das Leben geht jetzt nach innen, unten, hinten. Nun bilden sich in den Stoff hinein Strukturen aus, die Muster werden differenzierter und komplexer, die Farben weich und fließend. Im zweiten Teil des Lebens geht es innere Prozesse, um seelische Entwicklung und Integration, so Ricarda Lukas. Treffend war die Aussage, dass es Maren Uhlig mit An der Schwelle – Betrachtungen zum Alter in Mythos, Märchen und Kulturgeschichte gelang, innerhalb von 60 Minuten 60 000 Jahre menschliche Kunst- und Kulturgeschichte zu erläutern. Maren Uhlig widmete sich dem Altwerden, dem Stellenwert des Alters und dem Umgang mit dem Alter in verschiedenen Gesellschaftsformen und Entwicklungsstufen der Menschheit. Dabei spannte sich der Bogen von Altenverehrung über Altenduldung bis hin zur Altentötung. Maren Uhlig ging sowohl der Frage nach, warum Menschen Alter psychisch zu verdrängen und biologisch zu verhindern suchen, als auch, warum es immer wider die Neigung gibt, Jugend dem Alter vorzuziehen. Was ein Mann und eine Stimme - Mathias Hellmann – sowie eine Frau und eine Violine - Antje Schaade – miteinander ausrichten können, erlebten die noch gar nicht müden Märchenfreunde am Abend. Die Lichtflamme (nach Selma Lagerlöf) wurde von den oben genannten großartig dargeboten und erzählt von einer großen Liebe, einem folgenschweren Gelübde und davon, wie das Sorgen für etwas Kostbares einen Menschen verändern kann.

Zum Märchen der gestiefelte Kater legte am nächsten Morgen Alexander Beck Wissenswertes, Spannendes und Überraschendes zum Erben im bäuerlichen Umfeld dar. Ein Mühlen - oder Königreicherbe ist ein Bewahrer von Althergebrachten, Traditionellen, während ein Katzenerbe jemand ist, der eigene Wege geht, sich entwickelt, auch wenn ein solches Erbe zunächst für die Katz ... scheint, klärte Alexander Beck auf. Und auch darüber, dass Liebe vergeht, Hektar besteht, Landbesitz früher grundlegend die Existenz und soziale Position von Menschen bestimmte, heute aber eher zwischen Last und Lust gesehen und behandelt wird.
In dem folgenden Vortag von Dirk Nowakowski Alte Frauen reden nicht nur einfach so dahin, im Alter gibt es keine Lüge ging es dann nicht um den Besitz von Land, sondern um den Besitz, die Bedeutung und die Weitergabe von Worten in indigenen Kulturen. Der kluge und wirkungsvolle Umgang mit Worten musste früh gelernt werden, weswegen bereits kleine Kinder darin unterwiesen wurden. Alte Menschen kleideten ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung in kluge Worte und wurden auch deshalb geachtet und versorgt. Ihr Wort -schatz wurde gehütet und weitergegeben, so in Form von Liedern, welche z.B. Wegbeschreibungen enthielten, als Märchen, welche Lebensweisheiten erklärten, oder auch als Weitergabe eines Namens von einem Alten an eine Kind. Das Wort war alles ....so Dirk Nowakowski und die Alten, als Hüter des klugen Wortes, die Mittler zwischen Menschen und Gott, Diesseits und Jenseits.
Lyrischen Balladen, Gassenhauer, Jigs und Reels der Irish Folk Band „The Clan Make Noise“ und unheimliche, tragische, romantische, heitere Reisen in die (irisch- keltische) Anderswelt, zu welchen die Erzählerinnen Christel Bücksteeg und Sabine Lutkat einluden, ließen den Abschlussabend zu einem gelungenen Abend werden.

Am Sonntagvormittag sorgte der renommierte Grimm - Forscher und diesjährige Träger des Europäischen Märchenpreises Heinz Rölleke für eine gelungnen Abschluss des Kongresses. „Ich bin alt und will mich hinter den Ofen setzen“ - was alte Leute im Grimmschen Märchen zu geben und zu vergeben haben“ als Titel des Vortrages galt wohl für manche, nicht alle, Alten im Märchen, nicht aber für den Redner. Mit der ihm eigenen großen Sachkenntnis, Wissensfülle und Verständlichkeit ging Heinz Rölleke zunächst auf das Geben im Grimmschen Märchen ein. Alter ist auf das Geben angewiesen, so in Der alte Großvater (KMH 78), es hat aber auch durchaus auch Gaben zu verteilen, wie das gleiche Märchen vermittelt. Im Benehmen gegen das Alter kann man sich bewähren, kann Demut, Geben und Vergeben lernen. In Schneewittchen (KMH 53) wird nicht vergeben, sondern vergiftet, was auch eine, wenn auch sehr zwiespältige, Gabe ist. In Der arme Müllerbursche und das Kätzchen (KMH 108) und in Die drei Brüder (KMH 53) wird etwas vergeben, vererbt, was am Ende nicht mehr benötigt wird, da die Märchenhelden inzwischen gut für sich selbst gesorgt haben. In Der süsse Brei (KMH 103) ist die Gabe Belohnung für Frömmigkeit und in Die drei Federn (KMH 63) für besondere Fähigkeiten. In die Gänsehirtin am Brunnen (KMH 179) wird Diejenige enterbt, die am klügsten entscheidet. Das Eselein (KMH 144) lehrt dagegen, das es klug ist, mit Bedacht, schrittweise und nicht gleich alles zu geben. Und damit schließt sich der Kreis und mit William Shakespeare "Life is a tale told by an idiot – schließt Heinz Rölleke. Ihm sei gedankt für den weisen Abschluss und allen Anderen für ihre engagierte Beteiligung in verschiedener Art und Weise – die Ausrichterinnen Annette Martin und Ricarda Lukas erlebten einen gelungenen Kongress.