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Die Zwillingsbrüder

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die bekamen keine Kinder, und sie hatten auch eine Hündin, die warf keine Jungen. Da fragten sie eine alte Frau, was sie tun sollten, und die sagte ihnen: »Ihr müsst einen Apfel nehmen und ihn schälen und die Schale und die Kerne der Hündin zu fressen geben, die Stücke aber soll die Frau essen.« Nachdem sie getan, was die Alte ihnen gesagt hatte, wurde die Frau schwanger und gebar zwei Knaben mit einem Stern auf der Stirn, die Hündin aber zwei Junge mit einem Stern auf der Stirn. Als nun die Knaben zu Jahren kamen, sagten sie zu ihrem Vater: »Vater, wir wollen in die Fremde gehen.« Der war es zufrieden und kaufte jedem ein Ross Und sie nahmen auch die zwei jungen Hunde mit sich und zogen aus. Da kamen sie an einen Kreuzweg und sprachen zueinander: »Wir wollen uns nun trennen, und wenn das Schwert des einen blutig wird, so soll das ein Zeichen sein, dass der andere im Sterben liegt.« Darauf schlug der eine den rechten, der andere den linken Weg ein. Und der auf dem rechten Wege kam zu dem Tiw, der die Leute versteinert. Da er aber das nicht wußte, so kam er zu ihm heran, um die Marmorblöcke zu besehen, die wie Menschen aussahen. Als der Tiw ihn erblickte, schrie er einmal auf; und gleich ward er zu Stein. Da wurde, wie sie bei der Trennung verabredet hatten, das Schwert des Bruders blutig; und der machte sich auf, seinen Bruder zu suchen. Er kehrte also zum Kreuzweg zurück und schlug den rechten Weg ein, und nachdem er eine Weile geritten war, erblickte er die Marmorblöcke, die wie Menschen aussahen, und rief: »Ach, dort steht ja mein Bruder.« Da wandte er sich seitwärts und begegnete einer alten Frau, die fragte er, was denn das für Steinbilder seien. Die Alte versetzte: »Dort, mein Söhnchen, ist der Tiw, der die Leute versteinert.« Darauf fragte er sie: »Weißt du, Mütterchen, wie man ihn töten könnte?« und die Alte versetzte: »In dem Walde da ist ein wildes Schwein. Das musst du töten und ihm den Bauch aufschlitzen; darin wirst du drei Tauben finden, und wenn du die eine schlachtest, so wird der Tiw krank; und wenn du die zweite schlachtest, so wird er kränker; und wenn du die dritte schlachtest, so stirbt er.« Da verlor der Jüngling keinen Augenblick und ritt eilends in jenen Wald, stieg von seinem Pferde ab und drang in das Dickicht, um das Schwein zu suchen. Aber es dauerte nicht lange, da wurde er so müde, dass er sich hinlegte und einschlief. Darauf kam das Schwein aus dem Dickicht hervor und wollte ihn fressen. Aber der Hund mit dem Stern auf der Stirn fing an zu bellen und weckte damit seinen Herrn. Der nahm seinen Bogen und erlegte das Schwein. Nun schlitzte er ihm den Bauch auf, fand die drei Tauben und schlachtete die eine, da wurde der Tiw krank; dann schlachtete er die zweite, da wurde er noch kränker; und nun gab sich der Jüngling für einen Arzt aus und ging in die Dörfer der Nachbarschaft und sprach zu den Einwohnern: »Ich kann den Tiw heilen und will es tun, wenn er die Versteinerten wieder zu Menschen macht.« Das erzählte man dem Tiw und der Tiw erklärte sich bereit, ging ans Fenster und schrie. Da wurden alle Versteinerten wieder zu Menschen und darunter auch der Bruder des Arztes. Dieser aber schlachtete nun auch die dritte Taube. Da starb der Tiw; und darauf gingen die zwei Brüder nach Hause zurück.

Quelle: Hahn, Johann Georg Griechische und Albanesische Märchen 1-2, München/ Berlin, Georg Müller 1918, S. 348/ 349.

 


 

Und gebar zwei Knaben mit einem Stern auf der Stirn ...

Das griechische Märchen Die Zwillingsbrüder erzählt von der besonderen Verbundenheit, der intensiven, oft beinah übermenschlich anmutenden Wahrnehmung der Zwillinge füreinander. Die Brüder im Märchen ziehen, erwachsen geworden, hinaus in die Welt, welche sie erkunden und erobern wollen. An einer Kreuzung, welche ja immer auch ein Symbol für eine Entscheidungssituation ist, stellen sie fest, dass ihre Wanderung nun in verschiedene Richtungen geht. Der Eine reitet nach rechts, der Andere nach links. Vermutlich ist es das erste Mal, dass ihre Wege sich trennen, ist die enge Verbundenheit, das durchgängige Auftreten als Zweiheit doch geradezu ein Merkmal von Zwillingen. Dies beginnt schon vor der Geburt, in der Zeit, die der werdende Mensch verborgen und abgeschirmt von anderen Menschen verbringt, spürt der Zwilling bereits die Nähe, den Herzschlag des Anderen, dem er ganz nah sein kann, mit dem er sich aber auch auseinandersetzen muss, um Raum, um Luft, um Nahrung. Bereits hier beginnt die tiefe seelische Bindung, welche Zwillinge zueinander haben, und die sie befähigt, genau wahrzunehmen, wie es dem Anderen geht, was er fühlt, denkt, will. Dieses innere Band hält oft ein Leben lang und so ist es nicht verwunderlich, wenn das Märchen davon erzählt, dass der eine Zwilling sofort und intensiv spürt, dass dem anderen Zwilling Leid geschehen ist. Er sucht ihn und findet ihn versteinert, in einem leblosen Zustand, er selber aber ist voller Lebendigkeit und Kraft. Es ist ein ungleicher, disharmonischer Zustand, in dem die beiden Brüder sich befinden und der oft so auch im wirklichen Leben zu finden ist. Der Eine entwickelt sich kraftvoll ins Leben hinein, unter Umständen sogar auf Kosten des Anderen, dieser aber bleibt zurück, verschwindet vielleicht ganz, dem Anderen das ganze Lebensfeld, überlassend, aber auch eine Lücke verursachend. Zwillinge symbolisieren jedoch auch eine Einheit, sind sie doch Teile eines ursprünglich Ganzen, welches, geteilt, immer wieder eine sinnvolle Balance zwischen den nun Zweien herstellen muss. Dies erspürt sehr fein auch der lebendige Zwilling im Märchen, er schlug den rechten Weg ein, tat das Rechte und Richtige und gab so seinem versteinerten Bruder das Leben zurück.

Und darauf gingen die zwei Brüder nach Hause...

(Ricarda Lukas)