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Der Gute und der Böse

Die Himmelsfrau gebar eine Tochter, um die warben, als sie herangewachsen war, viele männliche Wesen und Tiere, die männliche Menschengestalt angenommen hatten. Doch die Mutter riet ihrer Tochter, alle Freier abzuweisen, bis ein junger Mann ihres eigenen Volkes vom Totem der Großen Taube komme. Als dieser Mann vor ihre Hütte trat, brachte er dem Mädchen zwei Pfeile, deren Spitzen aus Feuerstein gefertigt waren. Das Mädchen legte sich auf den Boden nieder; der junge Krieger aber schoss einen der Pfeile in ihre linke Brust und den anderen Pfeil in ihren Schoß. Dann ging er fort und sagte ihr, er werde am nächsten Tag wiederkommen. So geschah es, doch diesmal nahm er die beiden Pfeile mit und erklärte ihr, nun müsse er sie für immer verlassen. Zur rechten Zeit gebar die junge Frau Zwillinge. Schon ehe die Kinder auf die Welt kamen, hörte man sie im Leib der Mutter sprechen. Das eine Kind sagte, es werde auf dem nächsten besten Weg in diese Welt kommen; das andere erklärte, es wolle den Weg nehmen, den die Natur bestimmt hat. Als nun die Stunde der Geburt gekommen war, zwängte sich der eine Knabe durch den Schoß der Mutter, der andere hingegen kroch aus ihrer Achselhöhle hervor, und die junge Frau starb. Die Himmelsfrau war zornig über den Tod der Tochter und fragte die beiden Knaben, wer von ihnen den Tod der Mutter verschuldet habe. Der Böse klagte seinen Bruder, den Guten, an. Die Himmelsfrau nahm den vermeintlichen Übeltäter und stieß ihn aus ihrem Reich in die Wildnis. Sie wollte, dass er dort verhungere. Aber das Kind starb nicht, es wuchs rasch, schneller als andere Kinder, und war bald ein ausgewachsener junger Mann, der wanderte durch die Welt auf der Suche nach seinem Vater, bestand viele Abenteuer und hörte, dass er der Sohn des Westwinds sei. Als er nun seinen Vater gefunden hatte, lehrte ihn dieser, wie man eine Hütte baut, wie man Feuer schlägt, wie man pflanzt und die verschiedenen Saaten pflegt, und er schenkte dem Sohn Kornsaat, Bohnensaat und Tabaksaat. Er warnte ihn auch vor dem Bösen, der in seiner Eifersucht versuchen werde, alles zu zerstören oder zu verderben, was der Gute schaffe, und erklärte ihm, dass in der Zukunft viel Kummer und Leid durch den Bösen in die Welt kommen werde. Darauf schuf der Gute zuerst alle Flüsse mit einer zweifachen Strömung, bergauf und bergab, damit die Menschen sie ohne Anstrengung in beiden Richtungen befahren könnten. Der Böse aber verdarb dieses Werk, indem er Wasserfälle und Strudel in die Flüsse zauberte. Der Gute ließ Früchte wachsen und schuf viele Arten von Tieren und Vögeln. Er erschuf auch die Fische in den Flüssen als Nahrung für die Menschen. Der Böse hexte den Fischen Gräten unter die Haut. Ersticken sollten die Menschen, wenn sie von den Fischen aßen. Die Himmelsfrau hatte ihre Tochter in der Erde begraben. Sie trauerte. Viel Zorn und Hass war in ihrer Trauer. Nach einiger Zeit wuchs aus dem Kopf der Toten die Tabakpflanze, aus ihren Brüsten das Korn und der Mais, aus ihren Fingern die Bohnen und aus ihren Zehen die Kartoffel. Während der Gute am Grab seiner Mutter saß und das Wachstum der Pflanzen bewachte, kochte die Himmelsfrau daheim eine Maissuppe. Sie hielt den Guten noch immer für den Mörder ihrer Tochter und sann zusammen mit dem Bösen darauf, wie sie den Enkel verderben könne. Aber all ihre bösen Anschläge schlugen fehl. Da forderte die Himmelsfrau den Guten zu einem Spiel heraus. Wer dabei gewinne, so schlug sie vor, der solle über die Welt herrschen. Es war aber jenes Spiel, bei dem man aus einiger Entfernung Pfirsichkerne in eine Schale werfen muss Als der Tag des Wettkampfes herangekommen war, wollte die Himmelsfrau dem Guten ihre Schale und ihre Pfirsichkerne geben. Er aber wies diese Dinge zurück, denn er ahnte, dass sie von der Himmelsfrau verzaubert worden waren. Stattdessen rief er einen Schwarm Haubenmeisen herbei und benutzte die Hauben, die diese Vögel auf ihren kleinen Köpfen tragen, als Wurfsteine. Er erklärte den Vögeln, dass es bei diesem Spiel um die Macht über die Welt gehe, und so liehen sie ihm ihre Federn gern. Der Gute hüllte also seine Wurfsteine in zarten Federflaum. So flogen sie sicher in die Schale, wie Vögel zu ihrem Nest fliegen, und es gelang ihm, das Spiel gegen die Himmelsfrau und den Bösen zu gewinnen. Noch heute spielen deshalb die Indianer am kürzesten Tag des Jahres, beim Fest des grünen Maises, das Große Pokerspiel mit den Pfirsichkernen, um sich daran zu erinnern, dass wenigstens einmal vor langer Zeit das Gute in der Welt den Sieg über das Böse davontrug.

Frederik Hetmann (Hg.) Indianer-Märchen, Krummwisch: (Königsfurt-Urania Verlag) 2007 (mit freundlicher Genehmigung des Verlages)

 


 

Der Schaffende und der Zerstörende

Die Zwillingspaare, welche in den bisher vorgestellten Märchen geboren wurden, aufwuchsen, Abenteuer erlebten, standen trotz ihrer Gegensätzlichkeit, fest zueinander, unterstützten sich und halfen sich aus schwierigen Situation. Ein Knabe und ein Mädchen, beide mit goldenen Haaren (Goldkinder), ein garstiges und ein liebliches Mädchen(Zottelhaube), die schwarze Katze Kisa und die Königstochter Ingibjörg (Die schwarze Katze Kisa) lösten alle Schwierigkeiten und Wagnisse gemeinsam bis hin zu einem glücklichen, gelungenen Leben. Die Zwillinge aber, die uns in dem Märchen Frederik Hetmanns begegnen, stehen in einem deutlichen Gegensatz zu einander, alles, was sie tun, denken, fühlen ist entgegengesetzt zu dem, was der Andere tut. Der Gute und der Böse nennt Frederik Hetmann die Zwillinge, ich möchte sie lieber der Schaffende und der Zerstörende nennen, den so wie der eine aufbaut, Flüsse schafft mit zweifacher Strömung, bergauf und bergab, Früchte, Tieren, Vögeln, Fische, so verdirbt der andere das Werk, erfindet Wasserfälle, Strudel, Gräten. In dem Mythos von den heiligen Zwillingen der Irokesen, welcher in ganz ähnlicher Weise von den beiden erzählt, heißt der eine Tawiskaron, Feuerstein, der andere aber Wata Oterongtongnia, Junges Ahornbäumchen, ein scharfkantiges, unlebendiges und ein grünes, lebendiges, biegsames Wesen. Tawiskaron tötet mit diesem seinem Wesen und seinem Austritt durch die Achselhöhle bereits bei der Geburt seine Mutter. Oterongtongnia dagegen hält sich an die Regeln und tut Gutes, wo er nur kann, Zerstörer der eine und Schöpfer der Andere. Beide aber kommen aus einem Schoß, haben einen gemeinsamen Ursprung, sind Kinder einer göttlichen Mutter, der Himmelsfrau. „Gut und Böse sind Zwillinge, Kinder einer Mutter, und jedes von ihnen hat seinen Platz in der Welt.“ heißt es in einer anderen Variante des Märchens von den heiligen Zwillingen. Gut und Böse, Erschaffen und Zerstören, Wachsen und Vergehen sind Gegensätze, aber aus der Spannung zwischen ihnen heraus entsteht Leben, Wachstum, Entwicklung. Als himmlische oder heilige Zwillinge in der frühen Mythologie zahlreicher Völker dargestellt und verehrt sind sie beide Teil des großen Lebensstroms, der sich aufteilt und in zwei entgegengesetzte Richtungen fließt. Aus dieser Zweiteilung heraus entsteht die Welt und so sehen die Irokesen sehen in Tawiskaron nicht nur den Schöpfer von Fledermaus und Ungeheuer, sondern auch den Urahn und Schutzgeist aller Medizin -und Heilkundigen.
„Zur rechten Zeit gebar die junge Frau Zwillinge. Schon ehe die Kinder auf die Welt kamen, hörte man sie im Leib der Mutter sprechen. Das eine Kind sagte, es werde auf dem nächsten besten Weg in diese Welt kommen; das andere erklärte, es wolle den Weg nehmen, den die Natur bestimmt hat.“

(Ricarda Lukas)