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Der Okerlo

Eine Königin setzte ihr Kind in einer goldenen Wiege aufs Meer, und ließ es fortschwimmen; es ging aber nicht unter, sondern schwamm zu einer Insel, da wohnten lauter Menschenfresser. Wie nun so die Wiege geschwommen kam, stand gerade die Frau des Menschenfressers am Ufer, und als sie das Kind sah, welches ein wunderschönes Mädchen war, beschloss sie, es groß zu ziehen für ihren Sohn, der sollte es einmal zur Frau haben. Doch hatte sie große Not damit, dass sie es sorgfältig vor ihrem Mann, dem alten Okerlo versteckte, denn hätte er es zu Gesicht bekommen, so wäre es mit Haut und Haar aufgefressen worden. Als nun das Mädchen groß geworden war, sollte es mit dem jungen Okerlo verheiratet werden, es mochte ihn aber gar nicht leiden, und weinte den ganzen Tag. Wie es so einmal am Ufer saß, da kam ein junger, schöner Prinz geschwommen, der gefiel ihm und es gefiel ihm auch, und sie versprachen sich miteinander; indem aber kam die alte Menschenfresserin, die wurde gewaltig bös, dass sie den Prinzen bei der Braut ihres Sohnes fand, und kriegte ihn gleich zu packen: „Wart nun, du sollst zu meines Sohnes Hochzeit gebraten werden!“ Der junge Prinz, das Mädchen und die drei Kinder des Okerlo schliefen aber alle in einer Stube zusammen, wie es nun Nacht wurde, kriegte der alte Okerlo Lust nach Menschenfleisch, und sagte: „Frau, ich habe nicht Lust bis zur Hochzeit zu warten, gib mir den Prinzen nur gleich her!“ Das Mädchen aber hörte alles durch die Wand, stand geschwind auf, nahm dem einen Kind des Okerlo die goldene Krone ab, die es auf dem Haupte trug, und setzte sie dem Prinzen auf. Die alte Menschenfresserin kam gegangen, und weil es dunkel war, so fühlte sie an den Häuptern, und das, welches keine Krone trug, brachte sie dem Mann, der es augenblicklich aufaß. Indessen wurde dem Mädchen himmelangst, es dachte: „bricht der Tag an, so kommt alles heraus, und es wird uns schlimm gehen.“ Da stand es heimlich auf und holte einen Meilenstiefel, eine Wünschelrute und einen Kuchen mit einer Bohne, die auf alles Antwort gab.Nun ging sie mit dem Prinzen fort, sie hatten den Meilenstiefel an, und mit jedem Schritt machten sie eine Meile. Zuweilen frugen sie die Bohne:„ Bohne, bist du auch da?“ „Ja,“ sagte die Bohne, „da bin ich, eilt euch aber, denn die alte Menschenfresserin kommt nach im andern Meilenstiefel, der dort geblieben ist!“ Da nahm das Mädchen die Wünschelrute und verwandelte sich in einen Schwan, den Prinzen in einen Teich, worauf der Schwan schwimmt. Die Menschenfresserin kam und lockte den Schwan ans Ufer, allein es gelang ihr nicht, und verdrießlich ging sie heim. Das Mädchen und der Prinz setzten ihren Weg fort: „Bohne, bist du da?“ „ja,“ sprach die Bohne, „hier bin ich, aber die alte Frau kommt schon wieder, der Menschenfresser hat ihr gesagt, warum sie sich habe anführen lassen.“ Da nahm das Mädchen den Stab, und verwandelte sich und den Prinzen in eine Staubwolke, wodurch die Frau Okerlo nicht dringen kann, also kehrte sie unverrichteter Sache wieder um, und die andern setzten ihren Weg fort. „Bohne, bist du da?“ „Ja, hier bin ich, aber ich sehe die Frau Okerlo noch einmal kommen, und gewaltige Schritte macht sie.“ Das Mädchen nahm zum drittenmal den Wünschelstab und verwandelte sich in einen Rosenstock und den Prinzen in eine Biene, da kam die alte Menschenfresserin, erkannte sie in dieser Verwandelung nicht und ging wieder heim. Allein nun konnten die zwei ihre menschliche Gestalt nicht wieder annehmen, weil das Mädchen das letztemal in der Angst den Zauberstab zu weit weggeworfen; sie waren aber schon so weit gegangen, dass der Rosenstock in einem Garten stand, der gehörte der Mutter des Mädchens. Die Biene saß auf der Rose, und wer sie abbrechen wollte, den stach sie mit ihrem Stachel. Einmal geschah es, dass die Königin selber in ihren Garten ging und die schöne Blume sah, worüber sie sich so verwunderte, dass sie sie abbrechen wollte. Aber Bienchen kam und stach sie so stark in die Hand, dass sie die Rose musste fahren lassen, doch hatte sie schon ein wenig eingerissen. Da sah sie, dass Blut aus dem Stengel quoll, ließ eine Fee kommen, damit sie die Blume entzauberte. Da erkannte die Königin ihre Tochter wieder, und war von Herzen froh und vergnügt. Es wurde aber eine große Hochzeit angestellt, eine Menge Gäste gebeten, die kamen in prächtigen Kleidern, tausend Lichter flimmerten im Saal, und es wurde gespielt und getanzt bis zum hellen Tag.

„Bist du auch auf der Hochzeit gewesen?“ – „ja wohl bin drauf gewesen: mein Kopfputz war von Butter, da kam ich in die Sonne, und er ist mir abgeschmolzen; mein Kleid war von Spinnweb, da kam ich durch Dornen, die rissen es mir ab;meine Pantoffel waren von Glas, da trat ich auf einen Stein, da sprangen sie entzwei.“

https://de.wikisource.org/wiki/Br%C3%BCder_Grimm

Brüder Grimm, Der Okerlo KMH Bd.1, S.332-336, 1. Auflage 1812

 


 

Da nahm das Mädchen die Wünschelrute und verwandelte sich in einen Schwan

... und den Prinzen in einen Teich.
Verwandlung dient in dem Märchen „Der Okerlo“ (KMH70a) der Täuschung. Sie wird von der Heldin des Märchens, einer wunderschönen Königstochter, eingesetzt, um sich zu und ihren Liebsten auf der Flucht vor den Ogern zu schützen und zu verbergen. Dreimal ergreift das junge Mädchen den Zauberstab, verwandelt sich und den seltsam passiv bleibenden Prinzen in Dies und Das, und schafft es so jedes Mal, der Verfolgung zu entkommen. Es ist das bekannte Märchenmotiv der magischen Flucht, hier in Form der der Verwandlungsflucht, welches uns, wie auch in anderen Grimmschen Märchen, entgegen tritt. Anders jedoch als z.B. in Fundevogel oder Der Liebste Roland lässt sich das verfolgende dämonische Wesen sehr leicht verwirren und letztlich abschütteln, es gibt kein ernsthaftes Erkennen von Königstochter und Prinz, kein ernsthaftes Bemühen, beider habhaft zu werden. Die Ogerin kehrt, nachdem sie die Beiden nicht sofort und mühelos zu fassen bekommen hat, immer wieder sehr schnell unverrichteter Dinge nach Hause zurück. Vielleicht also verbirgt sich unter den gut sichtbaren Verwandlungen von Prinz und Königstochter ein viel weitreichenderes und nicht gleich erkennbares Geschehen? Im ersten Teil des Märchens, welches bereits, höchst erstaunlich, damit beginnt, dass eine Königin ihr kleines Kind auf dem Meer aussetzt, stehen sich Menschenfresserin und Königskind am Strand gegenüber. Plump, grobschlächtig, roh erscheint die Ogerin, die Königstochter dagegen ist schön und fein, mitfühlend und klug, zwei Wesen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Trotzdem wird das Königskind nicht aufgefressen, sondern aufgezogen. Die Menschenfresserin, offensichtlich von ihrer Schönheit berührt, vielleicht sogar ein wenig verwandelt, beschützt und behütet sie, obwohl sie große Not damit hat, wie uns das Märchen wissen lässt, wendet sie sich doch gegen ihr eigen Fleisch und Blut. Ein bemerkenswertes Tun für eine Menschenfresserin, unter Umständen ist eine Spur Mitgefühl und Feinheit in der Ogerin entstanden und macht, dass sie ihr Königskind samt Prinz so leicht davonkommen lässt. Berührung verwandelt und letztlich ist auch die kluge und schöne Königstochter am Ende ihrer Reise auf die Berührung des Menschen, der sie genau auf diese Reise geschickt hatte, ihrer Mutter, angewiesen, um die letzte, die Rückverwandlung in ihre menschliche Gestalt, vollziehen zu können. „Da erkannte die Königin ihre Tochter wieder und war von Herzen froh und vergnügt.“