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Die Zwillinge

Im Anfang waren nur zwei Menschen, Mann und Frau, und die Frau war schwanger. Der Gatte befahl ihr, Mais zu pflanzen. Als diese Arbeit getan war, befahl er ihr, zurückzukehren und grüne Maiskolben zu suchen. Sie hielt es nicht für möglich, sie zu finden, und gehorchte ihm nicht. Er bestand darauf und fügte hinzu, daß der Sohn, den sie bei sich trug, auch Hunger habe. Da wurde sie zornig und erklärte ihm, daß er nicht der Vater des Sohnes wäre. Der Gatte verließ sie. Die Frau folgte traurig seiner Spur. Von weitem erblickte sie ihn am Horizont, wo er verschwand. Der Sohn gab ihr den Weg an, den sie gehen mußte, aber zur Belohnung bat er sie, ihm Blumen und Früchte zu reichen. Dabei wurde sie verschiedene Male von der Wespe gestochen. Darüber geriet sie in Zorn und züchtigte den Sohn, indem sie sich auf den Leib schlug. Da hörte der Sohn auf, ihr den Weg zu zeigen, und sie verirrte sich.
Sie kam zu der Wohnung der Jaguare, einer Höhle neben einem Abgrund. In dem Eingang stand die alte Jary, die Mutter der Jaguare, und teilte ihr mit, daß die einzigen lebenden Wesen sie und ihre Söhne wären, die bei ihrer Rückkehr sie fressen würden. Gerührt durch ihre Bitten gab ihr die Alte ein Viertel eines Hirsches zum Essen und verbarg sie. Die Jaguare kamen heim mit ihrer Jagdbeute. Nur der letzte, der nichts brachte, schnupperte und sagte: »Da hältst du ja ein gutes Wildbret versteckt, Großmutter. Ich werde es essen.« Die alte Jaguarin bat, sie sollten ihr den Sohn überlassen, der doch wohl zärter für sie sei, da sie keine Zähne mehr hätte. Die Jaguare fraßen die Mutter auf und überließen die Zwillinge, die sie in ihrem Leibe fanden, Jary. Diese wollte die Kleinen auf den Bratrost legen, aber sie entwischten ihr. Sie wollte sie mit Steinen und in dem Mörser töten, aber sie entsprangen ihren Händen, bis sie ermüdete und die Kinder auf den Boden losließ. Als die Jaguare sich zurückzogen, blieb der ältere der Zwillinge, Derekey, stehen und bat die Alte, ihm Bogen und Pfeile zu machen, indem er ihr versprach, Vögel für sie zu jagen, was ihr sehr zusagte. Der jüngere, Derevuy, aß nicht und weinte vor Hunger. Der Ältere erfuhr durch die roten Araras, wie seine Mutter gestorben war. Er suchte in dem Kot der Jaguare ihre Knochen und fügte sie zusammen. Es fehlte nur noch sehr wenig an ihrer Vollendung, da warf sich der jüngere Sohn über sie, um an ihrer Brust zu trinken, und zerstörte das Werk. Zornig trat Derekey auf ein faules Holz, und heraus kamen gelbe Bienen und eine süße Flüssigkeit, die Honig war.
Er ließ das Brüderchen in der Obhut der Bienen, die es ernährten, bis es heranwuchs und aufhörte zu weinen. Darauf banden sie die Jaguare an außer Jary und einer ihrer Töchter und gingen auf die Suche nach ihrem Vater. Nach vielen Wechselfällen und verschiedenen Trennungen, die der Jüngere verschuldete, kamen sie zur Wohnung des Ahan, mit dessen Tochter sich der Jüngere verheiratete und einen Sohn hatte. Als Ahan einmal ausgegangen war, um nachzusehen, ob die Bäume einem Sturm Widerstand leisten würden, benutzten sie seine Abwesenheit und entflohen und nahmen den Sohn mit. Von einem hohen Baum rief Derekey: »Unser Vater!« und dieser antwortete von fern: »Kommt alle! Ich bin hier.« Sie kamen und fanden den Vater, der ein alter weißer Mann war mit einer Krone von roten Arara- und Tukanfedern und feurigen Augen. Er nahm sie mit in sein Haus und fragte sie, wie sie leben wollten. Da wählte der Ältere den Tag und der Jüngere die Nacht, und sie verwandelten sich in die Sonne und den Mond.

Koch-Grünberg, Theodor (Hg.): Indianermärchen aus Südamerika. Jena: Eugen Diederichs, 1927, S. 213-215. Gemeinfrei


„Da wählte der Ältere den Tag und der Jüngere die Nacht, und sie verwandelten sich in die Sonne und den Mond.“
Der Riese Mundilfari hatte zwei Kinder, die ob ihrer außerordentlichen Schönheit Sonne (Sol) und Mond (Mani) genannt worden, so weiß es die nordische Mythologie. Als Wagenlenker dürfen sie die Gefährte von Sonne und Mond über den Himmel lenken. Verfolgt wurden die Wagen der Götter ebenfalls von Zwillingen, denn Wölfen Skalli und Hati.
Mond und Sonne als die Verkörperung von Zwillinge göttlicher Herkunft ist eine in zahlreichen Mythologien auftretende Vorstellung. Helios, Sonnengott der frühen griechischen Mythologie, folgt auf seinem Weg durch den Tag den Spuren seiner Mondschwester Selene - oder diese folgt auf ihrem nächtlichen Weg seinen Spuren. Nahezu durchgehend wird der Mond dabei als der weibliche Part des Paares gesehen, aber auch, wie in dem vorgestellten südamerikanischen Märchen, als der jüngere, stärker auf Zuwendung und Hilfe angewiesene Teil. „Der jüngere, Derevuy, aß nicht und weinte vor Hunger.“ Das milde, silberne Licht des Mondes, sein Auftreten in der Nacht, die zu- und abnehmende Gestalt, welches die Menschen beobachteten, machen diese Zuordnung nachvollziehbar. Noch heute bringen wir den Mond mit Gefühlen, Ahnung, Intuition in Verbindung, dem eher Verborgenen unserer Wahrnehmung.
Ganz anders sind die Eindrücke, die bekommt, wer die Sonne beobachtet. Klar und deutlich ist sie am Himmel zu sehen, den sie erhellt, den Tag erschafft und die Sichtbarkeit der Dinge. Als göttlicher Zwilling ist sie der tatkräftige, der ältere und selbständige, oft auch der männliche. „der ältere der Zwillinge, Derekey, bat die Alte, ihm Bogen und Pfeile zu machen, indem er ihr versprach, Vögel für sie zu jagen,“ Selbstbewusstsein, scharfes Denken, Tatkraft und Offenheit ordnen wir der Sonne zu. „Die Natur ist der mütterliche Grund und Anfang der Vorstellungen von den Göttern gewesen.“  
(Ludwig Preller 1854, in de Vries 1961: 203)
Auch die indianische Mythen Nord- und Südamerikas erzählen die Geschichte mythischer Zwillingen, deren einer, hell, strahlend, mutig voranschreitend, mit der Sonne verbunden wird. Sein Bruder, mit ihm durch die gemeinsame Geburt eng verbunden, geht in seinem Schatten, als treuer, aber nur schwach sichtbarer Begleiter. Ihm wird der Mond zugeordnet. Die Shuar, ein inidigenes Volk des Amazonastieflandes, berichten von Etsa, der Sonne und seinem Zwillingsbruder Nantu, dem Mond. „Die Frau war schwanger, doch sie trug statt der Kinder zwei große Eier in ihrem Körper. Der Riese nahm die beiden Eier aus ihrem Bauch, reinigte sie mit seiner Zunge und legte sie auf einen Stein. ... Nach einigen Tagen schlüpften die Zwillinge, zwei wunderschöne Knaben aus, Sonne Etsa und Mond Nantu.“ (Elke Mader, Ethnologische Mythenforschung, S.39)

(Ricarda Lukas)