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Der Schaffende und der Zerstörende

Die Zwillingspaare, welche in den bisher vorgestellten Märchen geboren wurden, aufwuchsen, Abenteuer erlebten, standen trotz ihrer Gegensätzlichkeit, fest zueinander, unterstützten sich und halfen sich aus schwierigen Situation. Ein Knabe und ein Mädchen, beide mit goldenen Haaren (Goldkinder), ein garstiges und ein liebliches Mädchen(Zottelhaube), die schwarze Katze Kisa und die Königstochter Ingibjörg (Die schwarze Katze Kisa) lösten alle Schwierigkeiten und Wagnisse gemeinsam bis hin zu einem glücklichen, gelungenen Leben. Die Zwillinge aber, die uns in dem Märchen Frederik Hetmanns begegnen, stehen in einem deutlichen Gegensatz zu einander, alles, was sie tun, denken, fühlen ist entgegengesetzt zu dem, was der Andere tut. Der Gute und der Böse nennt Frederik Hetmann die Zwillinge, ich möchte sie lieber der Schaffende und der Zerstörende nennen, den so wie der eine aufbaut, Flüsse schafft mit zweifacher Strömung, bergauf und bergab, Früchte, Tieren, Vögeln, Fische, so verdirbt der andere das Werk, erfindet Wasserfälle, Strudel, Gräten. In dem Mythos von den heiligen Zwillingen der Irokesen, welcher in ganz ähnlicher Weise von den beiden erzählt, heißt der eine Tawiskaron, Feuerstein, der andere aber Wata Oterongtongnia, Junges Ahornbäumchen, ein scharfkantiges, unlebendiges und ein grünes, lebendiges, biegsames Wesen. Tawiskaron tötet mit diesem seinem Wesen und seinem Austritt durch die Achselhöhle bereits bei der Geburt seine Mutter. Oterongtongnia dagegen hält sich an die Regeln und tut Gutes, wo er nur kann, Zerstörer der eine und Schöpfer der Andere. Beide aber kommen aus einem Schoß, haben einen gemeinsamen Ursprung, sind Kinder einer göttlichen Mutter, der Himmelsfrau. „Gut und Böse sind Zwillinge, Kinder einer Mutter, und jedes von ihnen hat seinen Platz in der Welt.“ heißt es in einer anderen Variante des Märchens von den heiligen Zwillingen. Gut und Böse, Erschaffen und Zerstören, Wachsen und Vergehen sind Gegensätze, aber aus der Spannung zwischen ihnen heraus entsteht Leben, Wachstum, Entwicklung. Als himmlische oder heilige Zwillinge in der frühen Mythologie zahlreicher Völker dargestellt und verehrt sind sie beide Teil des großen Lebensstroms, der sich aufteilt und in zwei entgegengesetzte Richtungen fließt. Aus dieser Zweiteilung heraus entsteht die Welt und so sehen die Irokesen sehen in Tawiskaron nicht nur den Schöpfer von Fledermaus und Ungeheuer, sondern auch den Urahn und Schutzgeist aller Medizin -und Heilkundigen.
„Zur rechten Zeit gebar die junge Frau Zwillinge. Schon ehe die Kinder auf die Welt kamen, hörte man sie im Leib der Mutter sprechen. Das eine Kind sagte, es werde auf dem nächsten besten Weg in diese Welt kommen; das andere erklärte, es wolle den Weg nehmen, den die Natur bestimmt hat.“

(Ricarda Lukas)

 


Wussten Sie, dass Märchen so spannend sein können? Sie erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen (müssen), wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssen - genau wie im Leben. Wie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen.

In der Europäischen Märchengesellschaft haben sich Wissenschaftler/innen und Erzähler/innen, vor allem aber Märchenliebhaber/innen zusammengefunden, die die Freude an den Märchen miteinander teilen, die Freude an ihrer bleibenden Schönheit, Weisheit und Wahrheit. Aber wir wollen diesen märchenhaften Schatz auch an andere weitergeben. Denn mit und in den Märchen, diesen Spiegelbildern der menschlichen Seele, können wir uns wieder finden. Und weil Märchen ein gemeinsames Kulturerbe aller Völker der Erde sind, können wir mit Märchen auch zusammenfinden, über alle Grenzen hinweg.

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Neue Veröffentlichungen

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Der Jubiläumsband unserer Märchenschätze ist da!

Das Gesicht der Völker

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Im Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen können Märchen zum Nachdenken darüber anregen und Gemeinsamkeiten deutlich und erlebbar machen.
Für die Europäische Märchengesellschaft ist Völkerverständigung einer der wichtigsten Aspekte. Zu ihrem 60-jährigen Jubiläum legt sie nun diese Sammlung vor mit selten gehörten europäischen Märchen aus den ersten zwei Jahrzehnten der Gesellschaft.

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Der neueste Band unserer Schriftenreihe ist da!

Macht und Ohnmacht
Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen

EMG Schriftenreihe, Band 42

Der Jahreskongress der Europäischen Märchengesellschaft e.V. fand 2016 in Würzburg in Zusammenarbeit mit der Domschule Würzburg, Akademie des Bistums, zu dem Thema "Macht und Ohnmacht - Erfahrungen im Märchen und im Leben" statt. In diesem Band sind die Vorträge des Kongresses versammelt.
Was ist Macht, was macht Macht mit uns? Wie sieht es mit der Ohnmacht aus? Ist sie das Gegenteil von Macht, was macht sie mit uns und wie kommen wir aus Ohnmachtserfahrungen wieder heraus? Fragen, die unter anderem in den Referaten erörtert werden. Macht- und Ohnmachtserfahrungen sind ständige Begleiter in unserem Leben, in wichtigen Momenten ebenso wie im Alltäglichen, sowohl auf persönlicher und individueller als auch auf gesellschaftlicher und sozialer Ebene. Erfahrungen von Ohnmacht und Macht hat jeder, und zwar in beiden Bereichen. Weil diese so selbstverständlich zu unserem Leben gehören, spiegeln sie sich auch in den Volksmärchen wider. Gerade mit ihren Bildern und Symbolen greifen Märchen die grundsätzlichen menschlichen Erfahrungen auf, so können sie angeschaut und gedeutet werden. Märchen können helfen, eigene Erfahrungen einzuordnen.
Ein Achtergewicht bildet der Aufsatz über Max Lüthi, der vor 25 Jahren verstorben ist.
Herausgegeben im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Harlinda Lox und Sabine Lutkat.

Zu weiteren Informationen nutzen Sie bitte die obere Informationsleiste. Sie können aber auch postalisch mit uns in Kontakt treten:

Europäische Märchengesellschaft
Nordflügel Kloster/Schloß Bentlage
Bentlager Weg 130
48432 Rheine

Tel: 05971 918-420
Fax 05971 918-429
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